Warum hatte England nie eine echte Nummer 10?

Land ohne Zehner

Argentinien hatte Maradona, Deutschland Netzer und Frankreich Platini. Nur England tat sich oft schwer mit Spielmachern. Warum eigentlich?

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Diese Geschichte stammt aus dem 11FREUNDE-SPEZIAL »Die Zehn – Magier und Denker des Spiels«. Alles zu den größten Zehnern aller Zeiten, zu Ronaldinho, Icke Häßler, Jo Micoud, Wolfgang Overath, Krassimir Balakow, Gheorghe Hagi, Diego Maradona und vielen, vielen mehr gibt es im Heft, erhältlich direkt im 11Freunde-Shop.

Es ist schön, sich alte Videos von Glenn Hoddle anzuschauen – und traurig. Er war ein stämmiger Spieler, aber alles an seinem Spiel wirkte leicht, die Ballannahme, die Körpertäuschungen, die kurz durchgesteckten Bälle und die langen Seitenwechsel. Bei Tottenham Hotspur trug er die Nummer Zehn und durfte den Spielmacher geben, im englischen Nationalteam hingegen hatte er die Zehn in keinem seiner 53 Spiele auf dem Rücken. »Und nur in einem habe ich auf der gleichen Position wie bei Tottenham gespielt«. Oder gar nicht.

Als England sich 1982 durch die Zwischenrunde der WM quälte und kaum Torchancen herausspielte, schaute Hoddle von der Bank aus zu, der beste Spieler seiner Generation. Noch heute raunt man sich in England bewundernd die Namen zu von Rodney Marsh und Charlie George, Alan Hudson und Stan Bowles, Frank Worthington oder Matt Le Tissier. Sie alle hatten Klasse, waren kreativ und verfügten über das gewisse Etwas. Doch zwei oder drei Jahrzehnte nach dem Ende ihrer Spielerkarrieren werden sie mehr für das gefeiert, was sie hätten sein können, als was sie sein durften.

In Argentinien nannte man sie »Enganche«, in Italien heißen sie »Fantasia«

In allen großen Fußballnationen gab es eigene Begriffe, metaphorische Überhöhungen für die Spieler auf der Zehnerposition. In Argentinien nennt man sie »Enganche«, Kupplung. In Italien heißen sie »Fantasista«, weil es auf ihre Kreativität und ihren Einfallsreichtum ankommt, und das galt selbst zu dunkelsten Zeiten des Catenaccio. In Deutschland wurden Günter Netzer und Wolfgang Overath im Goldenen Zeitalter der Zehner als Regisseure des Spiels gefeiert. Nur in England gab es so etwas nicht. »Englischer Fußball ist ein graues Spiel, das von grauen Leuten an grauen Tagen gespielt wird«, sagte Rodney Marsh einmal zutiefst verbittert.

Bis zu Beginn der neunziger Jahre war kein Platz für Künstler am Ball wie ihn, der seine beste Zeit bei Queens Park Rangers hatte. Man nannte sie »Mavericks«, was sowohl Freigeister wie Eigenbrötler bedeuten kann, auf jeden Fall aber signalisierte, dass sie die nur geduldete Ausnahme von der Regel waren. »Ihr Verbrechen war die Sinnlichkeit«, schreibt der holländische Autor David Winner, ein genauer Beobachter fußballkultureller Phänomene. Diese Spieler standen unter Verdacht: Sie waren zu elegant, extravagant, das Spielen fiel ihnen zu leicht. Vermutlich konnten sie nicht kämpfen.

Was Techniker am besten beherrschen, ist nicht gefragt

Glenn Hoddle galt zu seiner Zeit als »luxury player«, aber war Luxus überhaupt nötig? »Anders als die Brasilianer suchen wir von dem Moment an, wo wir das Talent des Spielers entdecken, nach seinen Fehlern. Ich kenne das seit meiner Kindheit. Man braucht Spieler, die rennen und den harten Zweikampf suchen, aber gleichzeitig sollen sie 40-Meter-Pässe schlagen und drei Leute umspielen können. Das, was die Techniker am besten beherrschen, ist nicht gefragt», stellte Hoddle fest.

Dass England so lange ein Land ohne Zehner war, lag auch an dem relativ unflexibel interpretierten 4-4-2-System, in dem Mittelfeldspieler meist Ballschlepper zwischen den Strafräumen oder mit der Jagd auf zweite Bälle oder der Balleroberung ausgelastet waren. Aber vor allem ist die Erklärung eine fußballkulturelle. Noch heute sind militärische Metaphern im englischen Fußball viel verbreiterter als bei uns, und fast bis zur Jahrtausendwende wurde das Spiel als ein Ersatzkrieg auf dem Rasen betrachtet.

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