Juli 2020, meine Woh­nung in Berlin. Ich sitze auf dem Sofa und ver­schenke ein breites Lächeln, doch Thiago lächelt nicht zurück. Noch haben wir beide mit­ein­ander kein Wort gewech­selt, aber mein Gesicht verrät, dass ich einen Gedanken habe. Ich stehe auf und gehe zu meinem Plat­ten­schrank. Was passt jetzt? Was würde Thiago hören? Miles Davis, weil er sein Rhyth­mus­ge­fühl so gut zum Aus­druck bringt? Johann Sebas­tian Bach wegen seines Sinns für Form? Oder Chico Buar­ques O Futebol“ wegen seiner bra­si­lia­ni­schen Her­kunft?

Ich ent­scheide mich für den Sound­track von Titanic“, weil die Gefühle doch zu groß sind. Da gehst Du nun“, eröffne ich Thiago, wäh­rend Celine Dion die Wände meiner Woh­nung zum Beben bringt. Wie selbst­ver­ständ­lich erwi­dert er nicht: Ich hatte ja ver­spro­chen, dass das letzte Inter­view, das ich in Deutsch­land gebe, Du bekommst.“ Dabei wäre das vor allem des­halb lustig, da wir uns eigent­lich gar nicht kennen. Nun, ich kenne ihn nur aus dem Internet und aus dem Fern­sehen. Far across the distance, and spaces bet­ween us“, singt Celine Dion. Wie recht sie hat!

Ein kurzer Rück­blick:

Früh­jahr 2013. Pep Guar­diola, den ich auch nicht per­sön­lich kenne, sagt einen Satz, den ich mir gerne aufs Schlüs­sel­bein täto­wiert hätte, weil es so ein wun­der­barer Schlüs­sel­satz ist: Thiago oder nix!“ Er will ihn, ich will ihn auch und viel­leicht sogar die Bayern. Ist aber egal wenn nicht, sie wollen halt Pep froh machen. Ich bin auch froh, habe aber so viele Fragen – und nicht nur ich. Ich weiß, dass Ihr so viele Fragen an mich habt, dass wir dafür min­des­tens eine Stunde bräuchten“, sagte Thiago damals nicht, als er in Mün­chen ankam, weil er noch gar kein Deutsch konnte.

Doch es gibt aber natür­lich noch eine Wahr­heit: sein Werk beim FC Bayern haben wir bei 11FREUNDE so genau ver­folgt wie wenige andere. Schließ­lich sind wir das Magazin für Fuß­ball­kultur. Und ich legte mich früh fest: Er ist ein großer Künstler! Ein Maestro! Ein Diri­gent mit den Füßen. Ein erster Geiger. Ein Gott des No-Look-Passes. Einer, der Räume erschafft, wo andere sie nur deuten. Hach! You are safe in my heart, and my heart will go on and on“, singt Celine, wie ich sie nun nenne, weil meine Rüh­rung so groß ist.

Nichts Trau­riges erlebt – ich weine

Für diese Mei­nung musste ich einiges an Gegen­wind aus­halten. Von all den Grass­fres­sern und Banausen, die Fuß­ball nur als Arbeit und nie als Kunst ver­stehen können. Die, wo sie Schön­heit über­sehen, nur Sie­ger­men­ta­lität“ rufen. Die an Thiago zwei­feln. Und so formt sich sein Gedanke, Mün­chen zu ver­lassen. Sogar in die reg­ne­ri­sche Back­stein­stadt Liver­pool würde er viel­leicht gehen. Aber gehen will er sicher.

Ich habe in 35 Jahren als Fuß­ball­re­porter nichts Trau­ri­geres erlebt. Das hätten sich alle ersparen können. Und so bin ich nun an dem Ort, an dem ich auch nicht das Abschieds-Inter­view mit Toni Kroos gemacht habe – auf meinem Sofa. Als ich auf­stehe, habe ich das Gefühl, als wären wir nun erneut am Ende einer großen Bayern-Zeit. Dann ist der Titanic-Song vorbei und ich weine.

Dieser Text wäre ohne die but­ter­weiche Vor­lage des Erfin­ders des Hypes-Emo-Fuß­ball­jour­na­lismus, Chris­tian Falk, nicht mög­lich gewesen. Über­haupt nicht!