Langsam taucht die auf­ge­hende Mor­gen­sonne den Strand in gol­denes Licht. Sanft kräu­selt milder Herbst­wind die Wellen der See, die Luft schmeckt salzig, Möwen krei­schen. Men­schen­leer ist der Strand von Usedom. Nur ein ein­samer Wan­derer ist unter­wegs, hält inne, blickt hinaus aufs Meer, fischt ein wenig Treib­holz aus den Wellen. Und fängt dann einen Dorsch blitz­schnell mit der Hand.

Anschlie­ßend kehrt Oliver Kahn zurück in seine Hütte, unter der See­brücke von Herings­dorf. Er lebt nun schon lange hier, in einem Unter­stand, den er sich aus alten ZDF-Lie­ge­stühlen gebaut hat. Oliver Kahn wartet. Seit Juni. Auf den ver­spro­chenen Shuttle zum Hotel. Wir holen dich ab“, hatten ihm die ZDF-Leute direkt nach dem EM-Finale ver­si­chert. Wir bauen jetzt hier nur noch schnell die Bühne ab und bringen die Katrin zum Flieger.“

Ach Katrin! Was war nur pas­siert! War es nicht Liebe, auf den aller­ersten Blick! Diese Frisur, mit viel zu viel Haar­lack biss­fest gemacht. Dieses Lächeln, stahl­be­to­niert. Diese Fragen, unin­spi­riert und abge­lesen – eine Frau, mir so ähn­lich, hatte Oliver gedacht, und er hatte geglaubt, es sei für immer. Sie, die Mode­ra­torin. Er, der Experte.

Weiter möchte ich heute noch nicht gehen

Und stets das Wissen, dass da mehr war als nur die Arbeit. Hier ein gemein­sames Zäh­ne­knir­schen, da ein ober­fläch­li­ches Lächeln, wie zufällig berührten sich bis­weilen im Alltag die Mikro­fone. Und dann dieser Moment im Vor­lauf zum EM-Vier­tel­fi­nale gegen Grie­chen­land, als urplötz­lich, wie aus dem Nichts, für ein paar Sekunden ein echtes Gespräch ent­stand. Mit Ant­worten, die sich direkt auf die Fragen bezogen. Mit echtem Inter­esse an der Mei­nung des anderen.

Das war so neu für beide, unge­wohnt und ver­stö­rend. Weiter möchte ich heute noch nicht gehen“, hatten Kat­rins Augen gefleht. Und dann hatten sie ganz schnell das Thema gewech­selt. Katrin hatte etwas zu Grie­chen­land gefragt und Oliver etwas zu Deutsch­land geant­wortet. Alles war wieder normal.

In seiner Hütte unter der See­brücke nimmt Oliver Kahn den eben gefan­genen Dorsch, beißt ihm mit einer ruck­ar­tigen Bewe­gung den Kopf ab und schlingt den Torso samt Gräten hin­unter, ohne auch nur ein ein­ziges Mal zu schlu­cken. Ein weh­mü­tiger Blick hin­unter zum Strand. Da stand sie einmal, die ZDF-See­bühne. Drei Wochen lang war sie Kat­rins und seine Heimat gewesen. Ihm war, als sei es ges­tern gewesen, dass sie gemeinsam auf der Bühne anein­ander vor­bei­ge­redet und sich in den Sen­de­pausen ange­schwiegen hatten. Momente großer Zärt­lich­keit und Inti­mität.

Und natür­lich hatte er ver­sucht, sie zu beein­dru­cken. Hatte hart an sich gear­beitet. Denn er wusste um seine Schwä­chen. Noch immer fehlte ihm ein zweiter Gesichts­aus­druck. Und dann war da natür­lich sein Lachen! Klingt wie ein deut­sches Maschi­nen­ge­wehr in den Ardennen“, hatte ein ZDF-Mann scherz­haft gesagt. Die Kri­mi­nal­po­lizei hatte am nächsten Morgen Gebiss­proben nehmen müssen, um den jungen Mann zu iden­ti­fi­zieren.

Aber plötz­lich hatte die Katrin immer häu­figer vom Mehmet von der ARD gespro­chen. Wie witzig der doch sei und was dem alles ein­falle. Oliver hatte sich dann vor­ge­stellt, dass er dem Mehmet auch den Kopf abbeißt, wie einem Dorsch.

Dann war das EM-Finale vorbei gewesen und es war alles sehr schnell gegangen. Die ZDF-Mit­ar­beiter kippten die letzten Rentner aus den Lie­ge­stühlen. Katrin war rasch von der Bühne gelaufen. Ein Tech­niker riss Oliver das Mikrofon aus der Hand, ein anderer bat her­risch um den Aus­weis für die ZDF-Kan­tine am Ler­chen­berg. Ich tue nur meine Pflicht“, hatte der gesagt und dann beschwich­ti­gend ergänzt: Sie bekommen sicher einen neuen!“ Oliver hatte sich nichts anmerken lassen, hatte nur leise mit den Zähnen geknirscht. Pro­fes­sio­na­lität ging ihm über alles – und so hatte er dem Mit­ar­beiter erst später am Abend auf dem Park­platz auf­ge­lauert.

Mit einem fal­schen Lächeln würde sie ihn holen

Dann war er zum Strand zurück­ge­kehrt und hatte gewartet, Stunde um Stunde, Tag für Tag. Hatte sich von Plankton ernährt und get­wit­tert und Umfragen bei fano​rakel​.de gefälscht. Irgend­wann würde ein ZDF-Fir­men­wagen an der Pro­me­nade halten, die Tür würde auf­gehen und mit einem fal­schen Lächeln, an dem er Katrin erkennen würde, würde sie ihn end­lich holen. Denn zwei wie wir, das weiß Kahn, die dürfen sich nicht ver­lieren. Spä­tes­tens zu den Län­der­spielen gegen Argen­ti­nien und Öster­reich musste sie ihn ja heim­holen. Er war ja der Experte.

Aber dann hatten sie ein­fach alte Auf­nahmen von ihm zusam­men­ge­schnitten. Nie­mand hatte etwas gemerkt. Der gleiche Anzug, die glei­chen Sätze, der gleiche Gesichts­aus­druck. Er hatte die Sen­dung in der Schau­fens­ter­aus­lage eines Geschäfts in Herings­dorf ver­folgt. Dann war er zurück­ge­schlen­dert zu seiner Hütte. Sag mal, weinst du oder ist das der Regen, der von deiner Nasen­spitze fällt? Ach Quatsch“, sagt Kahn und wischt sich einmal schnell durchs Gesicht. Muss ja wei­ter­gehen, immer weiter. Aber er ahnt, dass Katrin nicht mehr kommen wird. Dass bald ein anderer an ihrer Seite steht.

Die Lie­ge­stühle in Kahns Unter­schlupf fallen kra­chend in sich zusammen. Er stößt auf. Es riecht nach Dorsch.