Diesen einen Jour­na­list würde er gerne mal wie­der­treffen, sagt Marc-André ter Stegen, und dann huscht ein leichtes Lächeln über seine Lippen, zufrieden, aber auch etwas schüch­tern. Ganz so, als fragte er sich, ob das nicht ein wenig zu genug­tuend wirke.
 
Der Tor­hüter, Kau­pu­zen­jacke, Jeans, Turn­schuhe, sitzt Ende März in einem Café in Bar­ce­lona und blickt auf das stür­mi­sche Mit­tel­meer. Er ist hier, weil er von seinen ersten Monaten bei einem der größten Klubs der Welt berichten möchte, von seiner Zeit beim FC Bar­ce­lona.
 
Der 22-Jäh­rige macht das, wie man ihn kennt, mit großer Sach­lich­keit. Früher haben ihn Jour­na­listen oft gefragt, warum er so abge­klärt oder früh­reif sei. Heute fragen ihn die Reporter, ob er denn nicht auch mal richtig wütend werden könne, so wie sein Vor­bild Oliver Kahn. Ter Stegen sagt: Kann ich.“ Also, bitte! Schimpfen Sie doch mal auf den spa­ni­schen Jour­na­listen, der Sie so hart kri­ti­siert hat! Ach nein, sagt der Tor­hüter da. Er sei dem Mann doch gar nicht böse, schließ­lich wisse er längst, wie das alles laufe in Spa­nien. All die Hys­terie, all die Berichte, die nur Ver­sager oder Helden kennen.

Irgend­je­mand muss halt die Hand­schuhe anziehen“
 
Dieser Mann, um den es geht, heißt Julian Ruiz, und er war Ende Sep­tember der festen Über­zeu­gung, dass Marc-André ter Stegen kein adäquater Tor­wart für einen Verein sein, der von sich sagt mes que un club“, mehr als ein Klub, zu sein. In der spa­ni­schen Tages­zei­tung El Mundo“ pol­terte er: Es ist lächer­lich, dass Andoni Zubi­zar­reta so einen Tor­wart holt und dass Luis Enrique ihn spielen lässt, um sich ein­zu­schleimen.“
 
Auch die anderen spa­ni­schen Zei­tungen dro­schen auf den Deut­schen ein, der gerade mal sein zweites Pflicht­spiel für den FC Bar­ce­lona absol­vierte, und mit einem Mal fühlte man sich unwei­ger­lich an die kurze Zeit von Robert Enke bei Barca erin­nert. Auch er wurde nach seinem ersten und ein­zigen Spiel gna­denlos in der Presse zer­rissen. Einige Jahre sagte Enke einmal, dass der Stel­len­wert von Tor­hü­tern in Spa­nien sehr gering sei – vor allem in einer Mann­schaft, die für ihre zau­ber­hafte Offen­sive bekannt ist. Irgend­je­mand muss halt die Hand­schuhe anziehen.“
 
Aber was war eigent­lich pas­siert?
 
Der FC Bar­ce­lona hatte ein Cham­pions-League-Vor­run­den­spiel gegen Paris Saint-Ger­main mit 2:3 ver­loren, und ter Stegen unter­lief vor dem zwi­schen­zeit­li­chen 1:2 einen Eck­ball. Nicht mehr, nicht weniger.

Mich hat die Bericht­erstat­tung getroffen“
 
Klar hat mich die Bericht­erstat­tung getroffen, aber das ist schon über ein halbes Jahr her“, sagt ter Stegen nun. Und der Jour­na­list ist ja auch nur ein Teil dieser Medi­en­land­schaft. Den­noch würde ich ihn gerne mal fragen, was er heute denkt.“
 
Heute ist der 6. Mai 2015. Und die Welt sieht anders aus als damals im Sep­tember 2014.

Heute ist Marc-André ter Stegen unan­ge­foch­tener Stamm­tor­hüter. Jeden­falls aus dem einen Blick­winkel: Er spielt in der Copa del Rey und im Wett­be­werb, der über allem steht: der Cham­pions League. Er hat seit der Nie­der­lage gegen Paris nur noch vier Gegen­tore hin­nehmen müssen und kein Spiel mehr ver­loren. Er wird auch heute gegen den FC Bayern spielen. Gegen alte Mit­spieler wie Dante, gegen alte Gegen­spieler wie Robert Lewan­dowski.

Heute sagt Lionel Messi, dass ter Stegen der beste Tor­wart der Welt werden könne, und auch die Presse hat Gefallen an dem Mann gefunden, der vor einem Jahr schweren Her­zens von Glad­bach in die große Welt auf­brach.