Es tut sich was im »Alters­heim für Fuß­ball­rentner« (London Times). Eine Mann­schaft aus Genua sorgt für fri­schen Wind und schickt sich an die Domi­nanz der eta­blierten Ver­eine zu durch­bre­chen. Doch bei genauerem Hin­sehen stellt man fest: die Geschichte des ver­meint­li­chen Under­dogs weist alles auf, was den ita­lie­ni­schen Fuß­ball aus­zu­ma­chen scheint. Titel, Tra­di­tion, Geld und Kor­rup­tion. Ein Grund mehr für einen genaueren Blick auf die Über­ra­schungs­mann­schaft der Seria A: den Genoa Cri­cket and Foot­ball Club.



84. Minute im Stadio Sant’Elia von Cagliari Calcio. Genoas Diego Milito wird am Straf­raum ange­spielt und taucht nach wenigen Schritten allein vor dem Schluss­mann der Gast­herren auf. Als Oli­vera eine Minute später das 1:0 für die Gäste erzielt, scheint das Tor immer noch zu wackeln von dem gewal­tigen Spann­stoß, mit dem Milito kurz zuvor die Fes­tig­keit der Quer­latte geprüft hatte.

In einem Inter­view wird Sieg­tor­schütze Oli­vera einige Tage später erklären, dass Genoas Stärke in der qua­li­ta­tiven Aus­ge­gli­chen­heit der Mann­schaft bestehe, in der jeder für ein Tor gut sei. Doch ver­fügt die Mann­schaft mit dem Argen­ti­nier Diego Milito eben über einen, der gewis­ser­maßen immer noch ein biss­chen besser für ein Tor ist. Einen fuß­bal­le­ri­schen primus inter pares, oder schlicht einen echten Knipser.

Gegen Udine schlug »El Principe« zuletzt wieder zu. Sein Tor zum 2:0‑Endstand war Militos 16. Treffer im 25. Spiel. Es ist vor allem dem Offen­siv­mann aus Argen­ti­nien zu ver­danken, dass Genoa seit dem 15. Spieltag kon­stant auf einem Uefa-Cup-Platz steht. Wer zum Ende der Hin­runde noch davon aus­ge­gangen war, dass der Verein sich bald in den unteren Tabel­le­re­gionen wie­der­finden würde, muss jetzt umdenken. Die Mann­schaft grüßt neun Spiel­tage vor Sai­son­ende von einem Qua­li­fi­ka­ti­ons­platz für die Königs­klasse. Grund genug für Besitzer und Prä­si­dent Enrico Pre­ziosi sich selbst­be­wusst zu geben und das Sai­son­ziel neu zu defi­nieren: alles andere als die Cham­pions League kommt für den schon mehr als einmal ins Sperr­feuer der Justiz gera­tenen Geschäfts­mann nicht in Frage.

Doch ist es eben die Person Enrico Pre­ziosi, die dem Ganzen gelinde gesagt einen faden Bei­geschmack gibt. Der gehört als größter Spiel­zeug­her­steller des Landes nicht nur zur klas­si­schen Gat­tung der Fuß­ball-Mäzen, son­dern ist eine Figur, wie sie in der Form nicht nur, aber beson­ders im ita­lie­ni­schen Fuß­ball vor­kommt. Dass Pre­ziosi 2003 den finan­ziell ange­schla­genen Genoa CFC über­nahm ist per se natür­lich nichts Ver­werf­li­ches. Schließ­lich wird sich kaum ein Fuß­ballfan beschweren, wenn statt eines Retorten-Clubs ein wirk­li­cher Tra­di­ti­ons­verein von einer Finanz­spritze pro­fi­tiert.

Früher Auf­stieg und langer Fall

Und Tra­di­tion ist es, die den CFC aus­macht. 1893 von einigen Eng­län­dern als Cri­cket­verein (was den unge­wöhn­li­chen Namen erklärt) gegründet, erhält der Verein kurze Zeit später eine Fuß­ball­ab­tei­lung und wird prompt erster ita­lie­ni­scher Meister. Ins­ge­samt neun Scu­detti können die Grifoni (Greifen), benannt nach ihrem Wap­pen­tier, vor und nach dem ersten Welt­krieg gewinnen. Zwi­schen den beiden Welt­kriegen kann sich der Club noch auf einem guten fuß­bal­le­ri­schen Niveau halten, doch nach 1945 ent­wi­ckelt sich Genoa zur Fahr­stuhl­mann­schaft, die nie an alte Erfolge anknüpfen kann und die meiste Zeit in der zweiten Liga ver­bringt. Erst Anfang der 90er kehrt noch einmal der alte Glanz zurück, als der Verein sich für das inter­na­tio­nale Geschäft qua­li­fi­zieren kann und es bis ins Halb­fi­nale des Uefa-Cups schafft. Doch bereits 1995 folgt der erneute Abstieg in die Serie B.

Dass der Klub 2003 nicht sogar in die dritte Liga abstürzt, ist nur einem gewissen Silvio Ber­lus­coni zu ver­danken, der im Zuge des »Caso Catania« (Fall Catania) kur­zer­hand die Serie B um vier Plätze aus­baut. Die Grifoni, am Ende der Saison eigent­lich auf einem Abstiegs­platz, dürfen in der Liga bleiben.

Das Glück währte aller­dings nicht lange, dafür sorgte Pre­ziosi im Allein­gang. Seine mora­li­schen Qua­li­täten als Prä­si­dent hatte der bereits bei seinem alten Verein Como unter Beweis gestellt. Als dieser von der Serie A in die Serie B abstieg, entzog Pre­ziosi ihm kur­zer­hand die finan­zi­ellen Zuschüsse und nahm seine besten Spieler gleich mit nach Genoa. Como düm­pelt mitt­ler­weile in den unteren Regionen des ita­lie­ni­schen Ama­teur­fuß­balls herum. Im Januar diesen Jahres wurde Pre­ziosi nach­träg­lich für seine Mis­se­taten bestraft: vier Monate Sperre und 100.000 Euro Strafe lau­tete das Urteil einer Dis­zi­pli­nar­kom­mis­sion des ita­lie­ni­schen Fuß­ball­ver­bandes.

Beim CFC glänzte Pre­ziosi dann erneut als »Sports­mann« beson­derer Prä­gung. Zwar gelang es dem Verein 2005 mit deut­li­chem Vor­sprung die Serie B zu gewinnen, doch war dies auch Resultat einer Spiel­ab­sprache mit dem AC Venedig, die sich der Prä­si­dent 250.000 € kosten ließ. Natür­lich in bar. Der unlau­tere Deal flog auf, Genoa fand sich in der Fol­ge­saison zwangs­ver­setzt in der Serie C1 wieder.

Geld, Glück und alter Glanz

Da befindet sich ein Verein also 2005 auf dem Tief­punkt seiner Geschichte und nur drei Spiel­zeiten später schickt er sich an ins inter­na­tio­nale Geschäft zurück­zu­kehren. Das ist bemer­kens­wert, aber es ist müßig zu fragen, wie es dazu kommen kann. Natür­lich lautet die Ant­wort: Geld. Man muss es gar nicht in großen Kof­fern zu anderen Ver­eins­bossen tragen, es reicht voll­kommen es in die eigene Mann­schaft zu pumpen und einen hoch­wer­tigen Kader zusam­men­zu­stellen. Geld schießt keine Tore? Viel­leicht nicht immer, aber immer öfter.

Und trotzdem ist der Höhen­flug der Grifoni nicht allein damit zu erklären, son­dern ist auch auf etwas zurück­zu­führen, das die einen wohl als her­vor­ra­gende Trans­fer­po­litik, andere wie­derum schlichtweg als Glück bezeichnen würden. Denn nachdem Genoa den direkten Wie­der­auf­stieg in die Serie B geschafft hatte, wurde im Januar 2007 ein gewisser Marco Di Vaio vom AS Monaco ver­pflichtet. Der mit 9 Rück­run­den­toren den Durch­marsch in die erste Liga maß­geb­lich mit­ge­stal­tete. Dabei han­delt es sich übri­gens um den glei­chen Di Vaio, der mitt­ler­weile für den FC Bologna auf­läuft und aktuell mit 19 Toren die Tor­schüt­zen­liste der höchsten ita­lie­ni­schen Spiel­klasse anführt.

Für die erste Serie-A-Saison seit zwölf Jahren gelang dem Verein dann der große Coup. Für zwei Mil­lionen Euro wurde vom AC Mai­land der bis dahin ziem­lich glück­lose Marco Bor­ri­ello aus­ge­liehen. Teil des Aus­leih­ge­schäfts: 50% der Trans­fer­rechte für den jungen Ita­liener. Des­halb kos­tete es dem Ber­lus­coni-Club ein Jahr später auch 7,5 Mil­lionen den Stürmer wieder zurück­holen. Inzwi­schen hatte sich Bor­ri­ello näm­lich mit 19 Toren in 35 Spielen zum dritt­besten Angreifer der Serie A gemau­sert und den Klas­sen­er­halt des CFC damit quasi im Allein­gang erle­digt.

Erfolgs­ga­rant für diese Saison ist nun also Diego Milito. Der hatte bereits bis 2005 für Genoa gespielt, den Club dann aber in Rich­tung Sara­gossa ver­lassen. Jetzt, sagt Milito, will er dem Verein treu bleiben. Zwar soll Inter Mai­land bereits 20 Mil­lionen Euro für den Tor­jäger geboten haben, doch sollte Genoa das hoch gesteckte Ziel Cham­pions League tat­säch­lich errei­chen, wird ein Weg­gang des angriffs­lus­tigen Süd­ame­ri­ka­ners wohl kein Thema werden.

Natür­lich sollte der Erfolg einer Mann­schaft nicht nur an einem Spieler fest­ge­macht werden. Der Club ist auch vor allem des­halb so erfolg­reich, weil er die dritt­beste Abwehr der Liga hat. Doch scheint es fast roman­ti­scher zu glauben, dass Genoas Erfolge der jüngsten Zeit auf die zufällig starke Form der jewei­ligen Stürmer zurück­zu­führen waren. Denn die andere Inter­pre­ta­tion fällt weitaus nüch­terner aus: 59 Mil­lionen hat Pre­z­isoi allein diese Saison in Neu­zu­gänge inves­tiert. Damit hat sich der Verein auf Platz fünf der Liste für Trans­fer­aus­gaben vor­ge­schoben. Sollte die Mann­schaft am Sai­son­ende statt dem erhofften vierten »nur« den fünften Platz in der Serie A belegen, wäre der FC Genoa für die meisten Fuß­ball­fans wohl immer noch die Über­ra­schung der Saison. Für den nüch­ternen Betrachter hin­gegen wäre es wohl ein­fach eine auf­ge­hende Glei­chung.