Ich geb’s zu: Ich muss mehr Sport machen. Vor allem mehr für die Arme. Die sind mir am Sams­tag­nach­mittag gegen 15:25 Uhr näm­lich fast abge­fallen. Da stand ich in der Ost­kurve des Ber­liner Olym­pia­sta­dions mit meinem besten Freund. Das erste Heim­spiel der Saison gegen die Frank­furter Ein­tracht stand an. Und wir waren mit­ten­drin bei dieser wun­der­baren Cho­reo­gra­phie, die die aktive Fan­szene von Hertha vor­be­reitet hatte. Wir schwenkten unsere weißen Fahnen, vor uns wurde ein gesprühtes Kunst­werk hoch­ge­zogen. Es zeigte drei Genera­tionen einer Familie. Einen Opa, dessen Sohn und dessen Enkel, dem der älteste der drei Herren aus einem Hertha-Geschichts­buch vorlas. Und das alles umgeben von einem blau-weißen Fah­nen­meer. 

Hertha BSC, heißt unser Verein, Hertha BSC, wird es immer sein!“, sangen wir gemeinsam mit Zig­tau­send wei­teren Her­tha­ne­rinnen und Her­tha­nern und schwenkten unsere weißen Fahnen, bis die Arme uns bei­nahe im Stich ließen. Ich war voller Vor­freude, ich fühlte mich rich­tig­ge­hend lebendig. An diesem Ort, den ich schon hun­derte Male besucht hatte. An dem ich vor Freunde und aus Trauer geweint habe. Zu dem es mich immer wieder zurück­zieht. 

Wes­tern­hagen auf Fuß­ball umge­dichtet

Und zusätz­lich dazu fes­tigte sich an diesem Samstag sich ein Gefühl, das ich so erst­mals wieder Anfang April diesen Jahres gespürt habe. Da war der 1. FC Union Berlin zum Stadt­derby im Olym­pia­sta­dion zu Gast. Und nach langen Monaten voller ver­schie­dener Rege­lungen bezüg­lich der Zuschau­er­ober­grenzen in den Sta­dien ließ sich die Lage an diesem Tag ganz simpel zusam­men­fassen: Aus­ver­kauft. 74.667 Men­schen. Natür­lich war das im ersten Moment sur­real. Sogar etwas ein­schüch­ternd. Vor allem aber: Richtig, richtig geil. Rund 60 Minuten vor Anpfiff nahm ich mit vier wei­teren Kum­pels die Plätze in der Ost­kurve ein. Und eine halbe Stunde später stimmten die Vor­sänger ein Lied an, das den Moment per­fekt zusam­men­fasste. Es geht so: Ich bin wieder hier. In meinem Revier. War nie wirk­lich weg, hab in der Kneipe gesteckt. Ich rieche den Rauch, und atme tief ein. Und dann bin ich mir sicher: Wieder im Sta­dion zu sein!“.

Wes­tern­hagen auf Fuß­ball umge­dichtet, ich hatte am ganzen Körper Gän­se­haut. Und viele andere Her­thaner, so klang es später in Gesprä­chen durch, auch. Als die Fahnen dabei wehten und der Gesang vom Sta­di­on­dach wider­hallte, hatte ich also dieses Gefühl: Der Fuß­ball war zurück. Mein Fuß­ball, unser Fuß­ball. Der, für den jedes Wochen­ende zehn­tau­sende Irre quer durchs Land fahren, einen Tages­lohn auf den Kopf hauen, ihr Team 0:3 ver­lieren sehen und irgend­wann nachts völlig über­näch­tigt wieder am hei­mi­schen Bahnhof ankommen. Nur, um es in zwei Wochen wieder so zu machen. Unver­bes­ser­lich und uner­sätt­lich. Denn der Fuß­ball lebt eben doch noch durch die Men­schen, die ihn im Sta­dion erst zu einem Hap­pe­ning machen. Das bestä­tigte sich am Samstag gegen Ein­tracht Frank­furt nur noch ein wei­teres Mal.

Pri­vat­vor­stel­lung im Olym­pia­sta­dion? Bitte nicht. Bitte nie mehr

Denn: Wir alle haben es wäh­rend der letzten zwei Jahre ja auch ganz anders erlebt. Der ble­cherne Sound der Geis­ter­spiele, der aus den Boxen der TV-Geräte oder Lap­tops win­selte. Zeit­gleich der Inter­es­sens­ver­lust an allem, was nicht mit dem eigenen Verein zu tun hatte. Oder am Fuß­ball gene­rell. Dann die Spiele mit Zuschau­er­be­schrän­kungen, oh man. Im Winter gegen Biel­feld, Köln und im Pokal gegen Union vor 3000 Leuten. Wie eine Pri­vat­vor­stel­lung im eis­kalten Olym­pia­sta­dion. Habe ich alles mit­ge­macht. Brauche ich nie wieder.

Und umso glück­li­cher bin ich, dass diese Zeiten anschei­nend wirk­lich hinter uns liegen. Dass wir vor einer Saison stehen, die sich mal wieder ganz normal anfühlen könnte. Ohne das Warten auf die Ansagen der lokalen Behörden, wie viele Zuschauer denn nun kommen dürfen. Ohne Ticket­ver­lo­sungen unter den Dau­er­kar­ten­in­ha­bern auf Grund von begrenzten Kapa­zi­täten. Natür­lich: Gesi­chert ist das alles nicht. Wir alle wissen doch mitt­ler­weile bes­tens, wie schnell es gehen und wie schnell ein Status Quo wieder ver­alten kann. Ich glaube, ich bin genau des­halb nicht der ein­zige, der mit der Prä­misse zum Fuß­ball geht, jeden ein­zelnen Sta­di­on­be­such voll aus­zu­kosten. Jedes ein­zelne Spiel richtig zu genießen. Wie am Samstag gegen Ein­tracht Frank­furt. Und wenn dabei sogar noch eine solch fan­tas­ti­sche Cho­reo­gra­phie und ein ansehn­li­ches Spiel bei rum­kommt – umso besser.