Als Gary Lineker, Top-Scorer der WM 1986 in Mexiko, zum FC Bar­ce­lona kam, eilte ihm sein Ruf voraus. Drei Jahre ver­suchte er ver­geb­lich, sich an das Leben in Spa­nien anzu­passen, um anschlie­ßend mit einer eigenen Buch-Idee einen Jour­na­listen auf­zu­su­chen. Der Titel: Wo ist der Mit­tel­stürmer“?

Nach der Ankunft Johan Cru­yffs 1987 ver­suchte sich Lineker auch an dessen System ohne klas­si­schen Mit­tel­stürmer zu gewöhnen. Als ihn der Hol­länder jedoch im rechten Mit­tel­feld auf­stellte, war dem Stürmer aus Lei­cester klar, dass er Spa­nien ver­lassen sollte.

Johan Cruyff, Vater des Erfolgs

Cruyff ehren die spa­ni­schen Fans hin­gegen auch 25 Jahre später für eine Spiel-Phi­lo­so­phie, die Bar­ce­lona und dem Natio­nal­team die größten Erfolge der Geschichte ein­brachten.

Vicente del Bosque und Cruyff ähneln sich weder als Men­schen noch als Tech­niker. Wäh­rend Cru­yffs größte Stärke seine Genia­lität war, pro­fi­tiert Del Bosque von seiner Weis­heit.

Die Natio­nal­mann­schaft als Barca-Kopie

Pep Guar­diola hat in Bar­ce­lona ein Team ohne echten Stürmer geformt. Er spielte mit Lionel Messi als fal­sche Neun. Del Bosque hat es geschafft, dieses System auf die spa­ni­sche Mann­schaft zu über­tragen, es wei­ter­zu­ent­wi­ckeln und so die letzten beiden großen Tur­niere zu gewinnen.

Bei der EM in Öster­reich und der Schweiz hatte sich der dama­lige Trainer Luís Ara­gones noch für das Duo David Villa und Fer­nando Torres ent­schieden. Del Bosque ließ in Süd-Afrika meis­tens nur noch Villa spielen. Bei der EM in der Ukraine und der Schweiz ver­zich­tete er schließ­lich kom­plett auf einen Stürmer und schickte Cesc Fabregas als fal­sche Neun aufs Feld, eine Posi­tion die er in Abwe­sen­heit von Messi auch in Bar­ce­lona gespielt hat.

Fabregas wieder als Spitze

Die Idee, Fabregas an der Spitze der spa­ni­schen Pyra­mide spielen zu lassen, gilt in Bra­si­lien trotz des Über­an­ge­bots an bril­lanten Stür­mern wie Negredo, Costa, Torres und Llo­rente als sehr wahr­schein­lich.

Die gute Nach­richt? Das 4−2−3−1 sichert auch wei­terhin die Domi­nanz über das Spiel. Auch wenn die talen­tierten Mit­tel­feld­spieler, ins­be­son­dere Xavi, nicht mehr in ihrer besten Form sind, wird durch sie das spa­ni­sche Spiel bestimmt.

Auf diese Weise ist das Team bei den letzten drei großen Tur­nieren in zehn auf­ein­an­der­fol­genden Ko-Spielen ohne Gegentor geblieben. Diese 990 Minuten sind das große Geheimnis der spa­ni­schen Mann­schaft. Und selbst wenn es in der Offen­sive einmal nicht gereicht hat, kam Iker Cas­illas und zeigte im Elf­me­ter­schießen Top-Leis­tungen.

Ist der Code geknackt?

Die schlechte Nach­richt? Die Sym­ptome, dass das spa­ni­sche System an Effek­ti­vität ver­liert, werden immer deut­li­cher. Die Mann­schaft wurde vor einem Jahr im Finale des Con­fe­de­ra­tions Cup von Bra­si­lien zer­stü­ckelt.

Ohne eine rich­tige Bedro­hung im Sturm, die Druck auf die geg­ne­ri­sche Abwehr ausübt, werden die Räume eng, das spa­ni­sche Spiel ver­liert an Kraft und Andrés Iniesta, David Silva, Santi Cazorla, Juan Mata, usw. wirken wie nor­male Spieler. Zudem waren die jüngsten Leis­tungen von Cesc Fabregas, der wahr­schein­lich den spa­ni­schen Goal-Getter geben soll, in der End-Phase der Saison nicht sehr viel­ver­spre­chend.

Del Bos­ques große Auf­gabe

Jeder erwartet, dass Spa­nien bei der WM mit nur einer Stra­tegie startet. Das ist die große Auf­gabe für Del Bosque. Er muss in der Lage sein, Alter­na­tiven zu prä­sen­tieren, bevor sich Spa­nien im eigenen Netz ver­fängt.

Was pas­siert, wenn er sich für einen Rechts­ver­tei­diger wie Juan­fran oder Daniel Car­vajal ent­scheidet, die das Spiel auf der rechten Seite genau so öffnen wie Jordi Alba auf der linken. Was ist, wenn er sich traut, das Paar im zen­tralen Mit­tel­feld bestehend aus Xabi Alonso und Sergio Bus­quets auf­zu­bre­chen und nur einen von beiden vor der Defensiv-Reihe spielen lässt? Ent­scheidet er sich für die Schnel­lig­keit von Jesus Navas und Pedro auf den Flü­geln, statt für das Kurz­pass­spiel von Xavi, Iniesta und Silva? Findet er in Diego Costa viel­leicht den Stürmer, von dem er nicht wusste, dass er ihn braucht?

Schafft es Spa­nien aus der Kom­fort-Zone?

Wir werden sehen, ob Spa­nien und Del Bosque es wagen, aus ihrer Kom­fort-Zone zu kommen. Es wird auf diesem Niveau sicher­lich davon abhängen, wie stark die Gegner Spa­nien for­dern, aber viele Fans sind der Mei­nung, dass der Titel­ver­tei­diger deut­lich fle­xi­bler auf­treten muss, wenn er die Tro­phäe auch in Bra­si­lien wieder hoch­stemmen will.

César Sán­chez ist Teil des Guar­dian-Netz­werks“ und ein spa­ni­scher Jour­na­list, der u.a. für das Magazin Panenka“ schreibt. Auf Twitter könnt ihr ihm hier folgen: https://​twitter​.com/​c​e​s​a​r​_​s​a​n​chez_