Seite 2: „In Leverkusen war ich anfangs ein Feindbild“

Die Süper Lig hat Geld, Stars, Tra­di­tion, aber für die inter­na­tio­nale Spitze reicht es nicht. Ist der tür­ki­sche Fuß­ball viel­leicht zu emo­tional?
Tür­ki­sche Klubs erzielen ja immer wieder inter­na­tio­nale Ach­tungs­er­folge, aber ins­ge­samt fehlt es an Kon­ti­nuität. Hier wollen alle immer den sofor­tigen Erfolg, dafür werden die Mann­schaften mit viel Geld ver­stärkt. Wenn es dann am letzten Spieltag, aus wel­chem Grund auch immer, doch nicht für die Meis­ter­schaft reicht, ist der Trainer der Schul­dige und muss gehen. Das ist mir zweimal pas­siert. Die Ent­las­sung des Trai­ners ist aber noch nicht genug, auch die Mann­schaft wird wieder umge­krem­pelt. So kann natür­lich keine Kon­ti­nuität ent­stehen.
 
Woher kommt dieser Mangel an Kon­ti­nuität?
Ein Pro­blem war sicher­lich, dass viele Klubs bis vor kurzem alle zwei Jahre Vor­stands­wahlen hatten. Erst durch eine Sat­zungs­än­de­rung haben die Klubs heute einen Turnus von drei oder vier Jahren, so kann ein Vor­stand auch mal über eine gewisse Strecke seine Auf­bau­ar­beit durch­setzen. Pro­ble­ma­tisch bleibt aber die Zusam­men­stel­lung des Vor­standes. Da gibt es einen Prä­si­denten und 15 Vize­prä­si­denten. Und für jeden davon ist das Amt gesell­schaft­lich extrem wichtig.
 
Sie kennen wahr­schein­lich die Geschichte von Jörg Berger, bei dessen Ver­hand­lungen mit einem tür­ki­schen Klub der Ver­eins­boss plötz­lich eine Pis­tole auf den Tisch legte. Ist Ihnen mal etwas Ähn­li­ches pas­siert?
Jörg lebt ja leider nicht mehr, des­wegen kann man ihn nicht mehr fragen, ob er das als Ein­schüch­te­rung emp­funden hat. Denn wir müssen die andere Men­ta­lität in der Türkei bedenken. Mitt­ler­weile hat es ein wenig abge­nommen, aber vor zwanzig Jahren war es absolut üblich, dass viele Per­sonen einen Waf­fen­schein hatten und auch eine Waffe besaßen. Dem­entspre­chend üblich war es auch, dass man diese Waffe erstmal ablegte, wenn man mit meh­reren Per­sonen zusam­mensaß. Auch ich saß mit Leuten zusammen, die erstmal ihren Holster abge­schnallt haben.
 
Sie haben lange in Deutsch­land gear­beitet. Hatten Sie hier­zu­lande einen Erz­ri­valen?
Einen wirk­li­chen Trai­ner­ri­valen hatte ich nicht. Zu Beginn viel­leicht Jupp Heynckes, aber das hat sich mit den Jahren beru­higt. In Deutsch­land habe ich meist um die Deut­sche Meis­ter­schaft mit­ge­spielt, da war dann natur­gemäß der FC Bayern mein Rivale. Da haben die Trainer durch die Mög­lich­keiten des Ver­eins immer einen kleinen Vor­teil. Aber durch die vielen Trai­ner­wechsel gab es den einen Wider­sa­cher nicht.

Sie waren von 1986 bis 1990 Chef­trainer des 1. FC Köln, von 1996 bis 2000 Chef­trainer beim Rivalen aus Lever­kusen. Gab es des­wegen jemals Pro­bleme mit den Fans?
In Köln nicht. Zu meiner Kölner Zeit hatte der FC sport­lich einen klaren Vor­sprung. Selbst wenn wir in Lever­kusen spielten, war das eher wie ein Heim­spiel. Da standen Leute in Bayer-Jacken, die haben zu mir gesagt: Ich habe zwar das Bayer-Kreuz hier drauf, aber mein Herz schlägt für den FC“.
 
Und in Lever­kusen?
In Lever­kusen war es zu Beginn nicht ganz so ein­fach. Ich war ein Feind­bild, weil ich mich als FC-Coach hin und wieder pro­vo­kant in Rich­tung des anderen Rhein­ufers geäu­ßert hatte. Vor dem Derby gegen Köln bat ich die Ver­treter der Fan­klubs um ein Treffen. Ich sagte ihnen: Wenn wir spielen, unter­stützt ihr die Mann­schaft 90 Minuten lang. Anschlie­ßend komme ich nochmal raus, dann könnt ihr mich zehn Minuten beschimpfen. Aber es kann nicht sein, dass ihr nega­tiven Stim­mungen mir gegen­über mit ins Spiel nehmt und die Mann­schaft dar­unter leiden muss.“ Wir gewannen das Spiel mit 4:0, die Fans über­häuften mich mit Geschenken und sagten: Jetzt bist du einer von uns.“ Und mitt­ler­weile gucken eher die Bayer-Fans schmun­zelnd zum anderen Rhein­ufer.

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