Man­fred Binz, Sie waren Teil der besten Ein­tracht-Mann­schaft aller Zeiten, die erst am letzten Spieltag der Saison 1991/92 die Meis­ter­schaft ver­spielte. Was war das für ein Team? 
In dieser Saison funk­tio­nierten wir wie ein ICE. Intern bro­delte es ständig, aber wenn wir auf dem Platz standen, ging die Post ab. 

Sie spielen darauf an, dass zwi­schen den ein­zelnen Spie­lern reich­lich Kon­flikte gab.
Heute kann man sich das kaum noch vor­stellen, aber es gab ständig Streit. Beson­ders die Dif­fe­renzen zwi­schen Uli Stein und Andi Möller brachten Unruhe in die Mann­schaft, weil diese sogar öffent­lich wurden. Aber das Fas­zi­nie­rende war: Wir haben trotzdem fast immer Top­leis­tungen gebracht. 

Was war das Pro­blem zwi­schen den beiden? 
Sie ver­band eine Art Hass­liebe. Natür­lich gab es Fut­ter­neid, weil Andi über zwei Mil­lionen Mark ver­diente, wäh­rend Uli nur 800.000 Mark kas­sierte. Ande­rer­seits war Uli die Respekts­person im Team, der jedem, der sich nur kurz mal hängen ließ, sofort einen Tritt in den Hin­tern ver­passte.

Möller stand unter Beschuss, weil er immer wieder mit einem Wechsel nach Ita­lien kok­ke­tierte. Er hatte eine Option bei Juventus Turin unter­schrieben.
Natür­lich haben die Gerüchte Wir­kung bei der Mann­schaft hin­ter­lassen, weil wir uns dar­über ärgerten. Aber es gab auch Situa­tionen, die hart an der Grenze waren. Andi und ich hatten den­selben Berater. Wenn es mal wieder kol­lektiv gegen ihn ging, bin ich und ein paar andere dazwi­schen­ge­gangen und haben deut­lich gemacht, dass es eine zurück gibt, wenn das nicht auf­hört. Ich weiß, das hört sich hart an, aber so ist es manchmal in einer Fuß­ball­mann­schaft.

Ein anderer wich­tiger Spieler war Uwe Bein. Wie ver­stand er sich mit Andi Möller? 
Ganz gut. Der Uwe war ein neu­traler Spieler, der sich stets raus­ge­halten hat, selbst wenn er den Andi mochte. Er war einer, der alles beru­higte. Als ich einmal eine Aus­ein­an­der­set­zung mit ihm hatte, sagte er nur: Komm, Manni, bleib ruhig“ Ich kochte vor Wut, aber im Nach­hinein wurde mir bewusst, dass er Recht hatte. 

Wie war Ihr Ver­hältnis zu Uli Stein?
Uli hatte zwei Gesichter, wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Abseits des Platzes ein super Typ, aber auf dem Feld ständig auf Kon­fron­ta­tion aus. Ich erin­nere mich, dass er mir abends mal im Ver­trauen sagte: Manni, Du bist unser Juwel, spielst immer, bist topfit. Wenn Du so weiter machst, wirst Du eine große Kar­riere in der Natio­nal­mann­schaft machen.“ Als wir am nächsten Tag im Trai­nings­spiel hinten lagen, brüllte er: Du Voll­blinder! Du Arsch­loch!“ Ein Welt­klas­se­keeper, aber brutal ehr­geizig. Wahr­schein­lich war Oliver Kahn der letzte Tor­hüter, der noch etwas von seiner Art hatte. Typen, die auch intern richtig auf die Nuss gaben. Beim heu­tigen Ver­ständnis von Team­play hätten sie es meines Erach­tens schwer. 

Es gibt die Epi­sode, dass Stein in einem Trai­nings­spiel Uwe Bein mit über­großer Härte von den Beinen holte. Büst ein Spieler, der so etwas macht, nicht Respekt bei den Kol­legen ein? 
Heute wäre das viel­leicht so, aber wir sind anders groß geworden. Bei uns gab es auf die Ohren und dann war‘s gut. Wenn ich heute als Co-Trainer in Offen­bach die jungen Leute sehe, merke ich, dass sie viel später zu Profis erzogen werden. Typen wie den Uli gibt es kaum noch, ältere Spieler die eine klare Rich­tung vor­geben. Daraus ergibt sich, dass auch Mit­spieler im Trai­ning nicht mehr so hart atta­ckiert werden. 

Uwe Bein sprach nach Steins Angriff zwei Wochen nicht mit ihm, dann haben sie sich ver­söhnt. 
Das war zu unserer Zeit üblich. Wenn sowas pas­siert, drehte man sich weg und spielte weiter. Aller­dings war Ulis Attacke inso­fern extrem, weil Uwe ein genialer Tech­niker war und so gut wie nie aggressiv spielte.

Auch wäh­rend der Punkt­spiele sollen bei Ihnen desöf­teren die Fetzen geflogen sein. 
Einmal lagen wir zur Halb­zeit in Nürn­berg mit 0:1 hinten. Uli kam in die Kabine, schmiss Schuhe und Was­ser­fla­schen durch die Gegend und brüllte rum. Am Ende gewannen wir 3:1. In der Halb­zeit dachte ich noch: Hat der sie noch alle!?“, aber hin­terher wurde mir klar, dass uns seine Ansage auf­ge­weckt hatte. 

In sol­chen Momenten hielten alle anderen den Mund und Coach Ste­pa­novic stand daneben und rauchte Ziga­rillo? 
So unge­fähr muss man sich das vor­stellen. Für einen Trainer ist es auch schwer, wenn er so einen extremen Spieler hat: Natio­nal­spieler, Respekt­person, Welt­klas­se­tor­wart. Da war auch Jörg Berger machtlos. 

Für den sport­li­chen Leiter, Vize­prä­si­dent Bernd Höl­zen­bein, war die dama­lige Saison ein Wech­selbad der Gefühle. Wenn Ihr Team spielte, ging ihm das Herz auf, aber wenn mitt­wochs die Sport­bild“ erschien, bekam er Magen­schmerzen, weil ständig interne Dinge über die Ein­tracht dort ver­han­delt wurden. 
Ich bin der festen Über­zeu­gung, dass wir es am Sai­son­ende besser hin­be­kommen hätten, wenn nicht jeder Kon­flikt nach außen gesi­ckert wäre.

Dem Ver­nehmen nach soll es aber auch eine Mann­schaft gewesen sein, die sehr gut feiern konnte. 
Bei Partys waren die Grup­pie­rungen schnell ver­gessen. Wir waren viel unter­wegs – und da wurde zwangs­läufig viel gefeiert. Ich bin sicher, dass es mehr Tage gab, an denen sich Andi und Uli außer­halb des Feldes sehr gut ver­standen, als Tage, an denen sie sich zofften.