Groß geworden in Han­no­vers Fuß­ball­ju­gend, schaffte Hakan Bicici 1989 erst­mals den Sprung in die erste Mann­schaft. Mit den 96ern spielte der gebür­tige Türke in der 2. Bun­des­liga, zwi­schen­zeit­lich war er auch für Ein­tracht Braun­schweig, TuS Celle, sowie in der Türkei für Anta­ly­aspor, Genç­ler­bir­liği und Deniz­lispor aktiv. Heute spielte er in der Tra­di­tons­mann­schaft von Han­nover 96.


Hakan Bicici, Sie standen zwi­schen 1989 und 1998 dreimal bei Han­nover 96 unter Ver­trag, in der Auf­stel­lung für das DFB-Pokal­fi­nale 1992 fehlen Sie aller­dings. Warum?

Hakan Bicici: Da müssen Sie Michael Lor­kowski fragen. Der hat 96 damals trai­niert, kam aber offenbar mit meiner Spiel­weise nicht zurecht und sor­tierte mich im Sommer 1991 aus. Wäh­rend sich mein Her­zens­verein Han­nover bis ins Pokal­fi­nale vor­kämpfte und dort als Zweit­li­gist sen­sa­tio­nell gegen Borussia Mön­chen­glad­bach gewann (4:3 nach Elf­me­ter­schießen, d. Red.) spielte ich für TuS Celle in der Ober­liga Nord.

Fühlten Sie sich um den größten Erfolg Ihrer Kar­riere betrogen?

Hakan Bicici: Es war auf alle Fälle eine blöde Situa­tion. Als wesent­lich schmerz­hafter emp­fand ich es, nicht mehr für Han­nover 96 spielen zu dürfen. Als die Fern­seh­ka­meras meinen Freund Lor­kowski zeigten, wie er den DFB-Pokal in die Höhe stemmte, war ich mir eigent­lich sicher: Der wird den Verein in nächsten Jahren unter keinen Umständen ver­lassen, der ist da jetzt der große Held!

Statt­dessen wech­selte Lor­kowski vor der Saison 1992/93 zum FC St. Pauli…

Hakan Bicici: …und der neue Trainer Eber­hard Vogel holte mich zurück nach Han­nover. Mir fiel ein Stein vom Herzen.

Als amtie­render deut­scher Pokal­sieger war der Zweit­li­gist aus Han­nover auto­ma­tisch für den Euro­pa­pokal der Pokal­sieger qua­li­fi­ziert. Wie sehr hat das Thema Euro­pa­pokal die Kabi­nen­ge­spräche beherrscht?

Hakan Bicici: Es dau­erte eine Weile, ehe wir das Thema Euro­pa­pokal auf dem Schirm hatten. In der Vor­be­rei­tung ließen sich die Jungs natür­lich noch für ihren Sen­sa­ti­ons­er­folg gegen Mön­chen­glad­bach feiern und als die Saison begann, mussten wir uns auf die Punkt­spiele kon­zen­trieren. Als dann der Tag der Aus­lo­sung näher rückte, wurden wir aller­dings immer ner­vöser…

Wie oft haben Sie in dieser Zeit die Euro­pa­karte nach mög­li­chen Geg­nern abge­grast?

Hakan Bicici: Kann ich Ihnen gar nicht mehr genau sagen. Was ich weiß: Kurz vor der Aus­lo­sung bekamen wir vom Verein eine Kom­plett­aus­stat­tung für den Euro­pa­pokal über­reicht. Hose, schi­ckes Jackett, weißes Hemd, schwarze Schuhe – wir sahen groß­artig aus! In meinem Kopf spielte sich schon das Sze­nario ab: Wie die stolze Zweit­liga-Truppe von Han­nover 96 in tod­schi­cken Kla­motten lässig am Flug­hafen ein­checkt, um nach Spa­nien, Eng­land oder Ita­lien zu fliegen…

Und dann kam alles anders.

Hakan Bicici: Ich glaube, ich saß zu Hause und ver­folgte die Aus­lo­sung vor dem Fern­seher. Han­nover 96 gegen… Werder Bremen.

Han­nover und Bremen trennen 130 Kilo­meter. Fahrt­zeit: Ein­ein­halb Stunden…

Hakan Bicici: Da saßen wir nun mit unseren tollen Euro­pa­po­kal­an­zügen, setzten uns in den Mann­schaftsbus und fuhren nach Bremen. Nix mit Spa­nien oder Ita­lien. Es fühlte sich an wie ein schlechter Scherz.

Soll ich Ihnen mal vor­lesen, welche Gegner Sie durch das Los damals ver­passten?

Hakan Bicici: Bitte nicht…

AS Monaco…

Hakan Bicici: (…)

Atle­tico Madrid…

Hakan Bicici: (…)

FC Liver­pool…

Hakan Bicici: Auf­hören!

Statt­dessen mussten Sie am 15. Sep­tember 1992 im Bremer Weser­sta­dion antreten.

Hakan Bicici: Immerhin gegen den amtie­renden Sieger dieses Wett­be­werbs (Werder hatte 1992 den Euro­pa­pokal der Pokal­sieger im End­spiel gegen den AS Monaco gewonnen. d. Red.). Das war für uns Zweit­li­ga­ki­cker natür­lich trotzdem eine große Ehre.

Sie ver­loren mit 1:3 durch Tore von Wynton Rufer und Rune Bratseth. Das zwi­schen­zeit­liche 1:1 schoss Roman Wojcicki. Für das Euro­pa­pokal-Fee­ling dürfte immerhin der Schieds­richter gesorgt haben. David Elleray aus Eng­land.

Hakan Bicici: Ach, der hat uns doch sogar noch ver­pfiffen.

Was meinen Sie?

Hakan Bicici: Der hat dem Michael Schjön­berg nach 63 Minuten die Gelb-Rote Karte gezeigt, nur weil Michael sich wei­gerte einen Frei­stoß aus­zu­führen. Milos Djelmas lag schließ­lich noch ver­letzt am Boden. Der Schiri hat Michael trotzdem run­ter­ge­schmissen. Wir lagen da zwar schon 1:3 zurück, aber der Platz­ver­weis ver­hin­derte einen mög­li­chen Anschluss­treffer.

Das Rück­spiel in Han­nover gewannen Sie zwei Wochen später mit 2:1.

Hakan Bicici: Ich weiß auch noch, wer die Tore für uns geschossen hat: Der gute Rein­hold Daschner. Wir hatten zwei gute Spiele abge­lie­fert und waren trotzdem aus­ge­schieden. Sehr ärger­lich.

Hatten Sie denn trotzdem Ihren Spaß?

Hakan Bicici: Oh ja. Beson­ders die Duelle gegen Bre­mens Mirko Votava haben richtig Spaß gemacht. Ich hatte ihn ganz gut im Griff, er fing an mich zu beschimpfen und drohte mir, die Beine zu bre­chen.

Was haben Sie ihm geant­wortet?

Hakan Bicici: Dass ich gleich meine Jungs hole und er hier nicht lebendig raus kommt… (lacht) Kleiner Spaß, ich habe gar nichts gesagt. Ich wollte unbe­dingt eine Bude machen und es ihm auf diesem Wege heim­zahlen. Das hat leider nicht geklappt.

Haben Sie trotzdem nach dem Spiel die Tri­kots getauscht?

Hakan Bicici: Durften wir leider nicht. Damals hatte Han­nover wenig Geld, Ersatz­tri­kots waren rar. Also hatten wir die strikte Order: Kein Tri­kot­tausch mit den Bre­mern!

Gab es denn wenigs­tens eine Ansteck­nadel oder eine Medaille zur Erin­ne­rung?

Hakan Bicici: Im Falle eines Sieges hätten wir 20.000 Mark pro Nase Prämie bekommen, so gab es immerhin eine Uhr von Mau­rice Lacroix im Wert von 1000 Mark. Und auf der Rück­seite stand ein­gra­viert: Han­nover 96 – Werder Bremen, 30.9.1992“. Die habe ich heute noch.

Heute spielt Han­nover 96 gegen Stan­dard Lüt­tich in der Europa League, das erste Mal nach 1992 ist der Verein wieder im Euro­pa­pokal ver­treten. Inter­es­siert Sie das noch?

Hakan Bicici: Was glauben Sie denn? Natür­lich! Han­nover 96 ist mein Lieb­lings­verein, ich spiele auch noch in der Tra­di­ti­ons­mann­schaft mit. Wir haben hier alle die sen­sa­tio­nellen Spiele in der Euro-League-Quali gegen Sevilla abge­feiert und dass die Mann­schaft jetzt in der Grup­pen­phase spielt, ist ein­fach über­ra­gend!

Wer gefällt Ihnen aus der aktu­ellen Mann­schaft am besten?

Hakan Bicici: Altin Lala.

Altin Lala?

Hakan Bicici: Ja. Ein Super­tech­niker. Wenn der Lust hat, spielt er drei, vier, fünf Gegen­spieler aus… ein echter Künstler!

Sie nehmen uns doch auf die Schippe?

Hakan Bicici: Ja. (lacht) Mit Altin habe ich noch zusam­men­ge­spielt, der musste sein. Im Ernst: Als offen­siver Mit­tel­dspieler gefallen mir natür­lich Didier Ya Konan oder Mohammed Abdel­laoue, denen hätte ich gerne früher ein paar Steil­pässe auf die Reise geschickt.

Welche Chancen hat Han­nover 96 in der Europa League?

Hakan Bicici: Kaum war die Gruppe aus­ge­lost, hieß es ja schon wieder: Jetzt muss Han­nover auf jeden Fall in die nächste Runde kommen! Völ­liger Quatsch, 96 muss über­haupt nichts. Es ist schon groß­artig, dass wir in der Europa League spielen. Trotzdem, mein Tipp für das Spiel heute gegen Lüt­tich lautet: 3:1 für Han­nover.