Da ist sie wieder, eine der ältesten Dis­kus­sionen des Fuß­balls. Es geht um die berühmt-berüch­tigte Tor­ka­mera. Dar­über scheint schon so lange ein Streit ent­facht, dass man meint, selbst bei der fran­zö­si­schen Revo­lu­tion unter­hielten sich die Betei­ligten kurz vorm Sturm auf die Bas­tille mal kurz dar­über, ob es den Chip im Ball geben solle.



Und es soll allen ange­raten sein: Falls Sie mal mit jemandem im Fahr­stuhl ste­cken bleiben und es Ihnen zu blöd sein sollte, nur übers Wetter daher­zu­reden, fragen Sie doch mal ganz unge­niert nach der Ein­stel­lung Ihres Gegen­übers zum Thema Tor­ka­mera. Nun stieß der Treffer von Mar­celo Bordon in Frei­burg das Gerede wieder an. Der Schieds­richter sah den von der Latte absprin­genden Ball vor der Linie, bevor ihn der Frei­burger Keeper wieder auf­nahm.

Eine Fehl­ent­schei­dung, auf die nicht wenige im Nach­hinein deut­lich hin­wiesen. So oft wurde selbst bei Pri­vat­vi­deos, wenn auf Geburts­tags­feiern der besof­fene Nachbar von der Gar­ten­bank knallt, nicht vor- und zurück­ge­spult wie in den letzten Tagen bei den TV-Anstalten. Als dann auch die letzte Slow-Motion und die aller­letzte 3D-Ein­stel­lung belegt hatte, dass der Ball hinter der Linie war, posaunten die Spre­cher: Was für eine Fehl­ent­schei­dung!

Vor­bild Eis­ho­ckey

Aller­orten gab man Felix Magath, durch seine Erfolge mit einem Abso­lut­heits­an­spruch seiner Aus­sagen aus­ge­zeichnet, Recht, als er die Ableh­nung der Tor­ka­mera kri­ti­sierte. Und klar: In Zeiten von Black­berrys, Twitter und iPhone im Fuß­ball ana­chro­nis­tisch den Trends und Mög­lich­keiten der Technik zu ent­sagen, ist für viele schwer nach­zu­voll­ziehen. Im Eis­ho­ckey klappe es doch auch wun­derbar.

Erstaun­lich, dass Fuß­ball­ver­treter sich nun für Errun­gen­schaften aus anderen Sport­arten stark machen. Reagieren sie doch sonst wie Gym­na­sil­al­lehrer, denen man ans Herz legt, Ideen der Wal­dorf­schule doch mal zu über­nehmen. Wer aller­dings den Video­be­weis im Eis­ho­ckey live erlebt hat, wird merken: Im Eis­ho­ckey ist eine Akzep­tanz unter den Zuschauern gereift, Unter­bre­chungen ganz fata­lis­tisch als Teil des Spiels anzu­er­kennen. Nebenbei: Durch den geringen Durch­messer des Spiel­ge­räts ist die Tor­ka­mera dort auch viel not­wen­diger.

So ver­gehen beim Eis­ho­ckey nicht selten Minuten, bis das Schieds­rich­ter­ge­spann die Bera­tungen und die Sich­tung der Beweis­lage beendet hat. Minuten voller auf­ge­drehter Ein­spiel­musik und Wer­bung. Auch beim Fuß­ball schielen nicht wenige Ver­treter aus dem Spon­sor­be­reich auf diese Nische. Warum länger subtil an der Anzei­ge­tafel die Eck­bälle prä­sen­tieren, wenn man meh­rere Minuten Wer­be­zeit zur freien Ver­fü­gung bekommt?


Won­torras dro­hende Exis­tenz­krise

Im DSF- Dop­pel­pass ist die Tor­ka­mera-Dis­kus­sion ein gern gese­henes Ever­green-Thema. Jörg Won­torra würde womög­lich unter einer Iden­ti­täts­krise leiden, wenn zwei Wochen ver­gingen, in denen er nicht fragt: »Brau­chen wir nicht end­lich den Video­be­weis?« Doch wo fängt es an und wo soll es enden? Nach der Tor­ka­mera folgt der Foul‑, Eck­ball- und Stol­len­länge-Video­be­weis.

Die For­de­rung, tech­ni­sche Hilfs­mittel zu ver­wenden, um die Tor­frage zu klären, ist legitim. Nur sollte man Leute, die dagegen ihr Veto ein­legen, nicht dar­stellen als Nean­der­taler des 21. Jahr­hun­derts, die auch auf Alm­hütten ohne Strom und Kaf­fee­ma­schine leben.

Denn viel­leicht bedrückt sie ja der Gedanke, dass im UEFA-Cup fast mehr Schieds­richter als Spieler auf dem Platz stehen, dass bei Frei­stößen im TV die Ent­fer­nung der Mauer zum Schützen errechnet wird und die neue Dok­trin unter Fuß­bal­lern die Opta-Sport­daten über geschla­gene Flanken pro Spiel sind. Und dass das alles dazu führen könnte, dass Regle­men­tie­rungen und Ein­griffe in das ursprüng­liche Spiel dem Fuß­ball ein Stück von seiner eigent­li­chen Anzie­hungs­kraft rauben.