Herr Schmidt hat heute seinem Chef gesagt, dass er keine Lust mehr habe, in seinem Laden mit­zu­ar­beiten. Herr Schmidt möchte sich in Zukunft seinem Pri­vat­leben widmen, all den Büchern und Schall­platten, mehr fern­sehen, täg­lich 45 Minuten baden, sich dann in Ruhe abfrot­tieren, sich einen Hund kaufen, ihn Ama­deus nennen, spa­zieren gehen und früh Schlummi machen. Da bleibt keine Zeit für Arbeit, also hat Herr Schmidt gesagt: »Ciao, Chef!« 

 

Die Zeiten, als Malo­cher­barde Gunter Gabriel noch sang: »Hey, Boss! Ich brauch mehr Geld«, ein Lied, dessen Takt Herr Schmidt in seiner Früh­phase als Arbeit­nehmer auf der Betriebs­feier noch mit­wippte, wäh­rend Frau Schulze aus dem Schreib­büro sich mit bil­liger Bowle so besoff, dass… ach, diese Zeiten sind vorbei! Heute gibt es keine Gehalts­er­hö­hungen mehr, keine Betriebs­feiern, nicht mal die bil­lige Bowle, man macht immer weiter ohne Pause oder sich doch lieber »selbst­ständig«.

Herr Schmidt macht nicht weiter. Er war Mit­ar­beiter des Monats, mehr kann man nicht errei­chen, er hat den Ruhm genossen, den Neid, den er im Kopier­raum spürte. Nun wieder Büro­klam­mern nach dem Alphabet ordnen? Ohne ihn. Herr Schmidt wird Pri­va­tier. Schreibt Briefe an längst ver­ges­sene Cou­sinen, blät­tert müßig in groß­zü­gigen Bild­bänden, trinkt Espresso. Ein Schritt auf den Balkon – ahhh. Herbst. 

Doch schon im November merkt Herr Schmidt, dass in der Glotze nur »ARD-Buffet« läuft, er alle Kacheln im Schwimmbad gezählt hat, Museen nie­manden locken können, der sich nicht für sie inter­es­siert, und alle anderen arbeiten, wäh­rend er nun »selb­ständig« ist. Was soll er bloß unter­nehmen? Ob er sein Come­back feiern sollte? 

Es ist die­selbe Frage, die sich Fran­ceso Totti, der beliebte ita­lie­ni­sche Mit­tel­feld­re­gis­seur, zur Zeit stellt. Nach der WM 2006 hatte er seinen Rück­tritt aus der Natio­nalelf erklärt, zunächst »tem­porär«, wie es hieß. Und heißen sollte das: »Falls ich es mir anders über­lege.« Dieser tem­po­räre Rück­tritt dau­erte so lange, dass die Tifosi ver­gaßen, sich nach Totti zu sehnen, und so setzte dieser noch ein Fanal, indem er im Juni 2007 thea­tra­lisch, wie es so seine Art ist, aus dem tem­po­rären einen end­gül­tigen Rück­tritt machte. Er könne auf Grund seiner nicht opti­malen gesund­heit­li­chen Ver­fas­sung die zusätz­liche Anstren­gung nicht bewäl­tigen. Ciao, Lippi! Und Dezi­liter von Kro­ko­dils­tränen flossen den Tiber hin­unter. 

Welt­mit­ar­beiter des Monats
 
Das ist nun zwei Jahre her, und irgend­wann in den letzten Wochen fragte sich Fran­cesco Totti wohl, wie lange eigent­lich so ein end­gül­tiger Rück­tritt dauert. Ganz schön lang­weilig in seinem römi­schen Kaviar-Loft, Brie­fe­schreiben war nie seine Sache. Frau Blasi ist auf »Geschäfts­reise« und die Roma nur Achter, keine Cham­pions League, alle feiern diesen Messi, dabei war ER doch mal Welt­mit­ar­beiter des Monats! Moment! Ist nicht nächstes Jahr wieder WM? Ob er viel­leicht sein Come­back feiern soll?

Ver­flogen sind die Bedenken, auf Grund der Dop­pel­be­las­tung könnte der Muskel zuma­chen. Die Kärr­ner­ar­beit der Qua­li­fi­ka­tion liegt hinter der Squadra Azzurra, nun kommt die Kür. Und die fleisch­ge­wor­dene Kür ist bewie­se­ner­maßen: Fran­cesco Totti.

Das Prak­ti­sche: Sollte er mit Ita­lien 2010 tat­säch­lich Welt­meister werden, wäre das der per­fekte Moment zurück­zu­treten. Als Held. Wenn das nicht gelingt, kann er erst recht zurück­treten. Als trau­riger Held. Das ganze Leben, eine ein­zige Chance zurück­zu­treten. 

Doch was kommt nach dem Rück­tritt vom Rück­tritt vom Rück­tritt? Ein wei­terer Rück­tritt? Irgend­wann wird Totti sich der end­losen Wie­der­ho­lung gleich­för­miger Tage gegen­über sehen, aus der man nicht come­ba­cken kann. Das nennt man dann Rente.

Bei Herrn Schmidt sagte der Chef übri­gens »Nö« zur Come­back-Idee. Man kann nie­manden betrügen, auch nicht die Welt um ihren Sieg.