Seite 2: „Nach der Schule brachte ich die schönsten Schülerinnen zum Bus“

Trotz der dama­ligen Ver­hält­nisse sind Sie schnell zurück­ge­kehrt und standen im Früh­jahr 1974 im Finale des Lan­des­meis­ter­cups gegen Atle­tico Madrid.
Ja, der Verein hatte alle Mög­lich­keiten aus­ge­schöpft. Zusammen mit meinem Fit­ness­trainer Volker Kott­mann bin ich in wär­mere Regionen geflogen, um mich dort auf das Sai­son­fi­nale vor­zu­be­reiten.

Weil Hans-Georg Schwar­zen­beck in der Schluss­mi­nute das 1:1 erzielt hatte und ein Elf­me­ter­schießen nicht vor­ge­sehen war, spielten Sie nur zwei Tage später erneut – mit der glei­chen Start­auf­stel­lung.
Grund­kon­di­tio­nell waren wir ein­fach stärker, wir haben sie platt gemacht. Da hat man gesehen, dass Doping eben doch eine Rolle spielt, die Madri­lenen hatten etwas im ersten Spiel genommen. Die Nach­wir­kungen können nicht so schnell im Körper abge­baut werden. Madrid war fertig.

Hatten Sie nach der langen Pause noch das Gefühl, Teil der Mann­schaft zu sein?
Als ich in der Klinik war und mich von der OP erholte, kam ein Ver­treter von Lang­nese-Eis und legte mir einen Spon­so­ren­ver­trag über 12 000 Mark hin. Das hatte der Franz initi­iert, der sich nach dem miss­lun­genen Pass wohl mit­schuldig fühlte. Ein Zei­chen, dass ich weiter dazu­ge­höre.

Sie schafften es sogar recht­zeitig zur WM zurück in den DFB-Kader. Stets begleitet von einem Teddy namens Mr. Pitt.
Ach ja, das war eine Macke von mir. Aber­glaube. Meine Freundin hatte ihn mir geschenkt.

Es heißt, Sie hätten mit Mr. Pitt durch­ge­hend Fran­zö­sisch gespro­chen.
Klar.

Klar?
Meine Familie kam müt­ter­li­cher­seits aus Eupen in Bel­gien. Fran­zö­sisch war dort en vogue, ich musste es lernen, um mich über­haupt mit ihnen unter­halten zu können. Mir macht das Spra­chen­lernen auch sehr viel Spaß. Ich finde, es gehört zur Pflicht eines Euro­päers, die Sprache seiner Nach­barn zu lernen.

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Kapell­mann und Mr. Pitt auf dem Weg zur Welt­meis­ter­schaft.

In Ihrer Jugend spielten Sie aus­schließ­lich für den SC 1930 Bar­den­berg, ehe Sie 1968 zu Ale­mannia Aachen in die Bun­des­liga wech­selten. Wie war dieser Sprung mög­lich?
Zu ver­danken habe ich das meinem Onkel Josef. Er war im Zweiten Welt­krieg ver­wundet worden, als er einen Luft­schutz­keller nicht recht­zeitig erreichte. Später hatte er dann ein Auto, das er allein mit seinen Händen bedienen konnte, und damit fuhr er mich immer zu den Junio­ren­spielen. Ich durch­lief alle Aus­wahl­mann­schaften bis zur DFB-Jugend- und Euro­pa­aus­wahl. Meine Eltern standen dem Fuß­ball immer distan­ziert gegen­über. Sie wollten, dass ich mich auf die Schule kon­zen­triere.

Wie waren Abitur und Pro­fi­fuß­ball ver­einbar?
Das ging schon. Wich­tiger war, meine Lehrer zu über­zeugen, die mich jedes Mal frei­stellen mussten. Und es war nicht för­der­lich, dass ich mir von meinem ersten Geld ein rotes Alfa Cabrio gekauft hatte. Wenn ich an einem Lehrer auf seinem Rad vor­bei­fuhr, gab ich noch mal Zwi­schengas. Und nach der Schule brachte ich die schönsten Schü­le­rinnen zum Bus.

Ihre Lehrer dürften begeis­tert gewesen sein.
Die hatten Wut­an­fälle. Und als ich dann für die DFB-Jugend­aus­wahl spielen sollte, benö­tigte ich mal wieder eine Frei­gabe des Direk­tors Högner. Glück­li­cher­weise saßen bei der Ale­mannia kluge Leute. Als wir gegen die Bayern spielten, lud der Verein nicht nur Direktor Högner ein, son­dern setzte unseren Finanz­mi­nister Hans Wertz gleich daneben. Und kurz vor der Halb­zeit, im aus­ver­kauften Tivoli, begrüßte der Sta­di­on­spre­cher die beiden Ehren­gäste. Seit diesem Moment hatte ich keine Pro­bleme mehr.