Seite 4: „Chefärzte sind mit Freikarten nicht zu beeindrucken“

Haben Sie die Auf­gaben eines Mann­schafts­arztes wahr­ge­nommen?
Nein. Aber als Uli Hoeneß nach dem Finale zurück­kehrte, durfte ich die medi­zi­ni­schen Ein­griffe begleiten. Ich glaube, die Jungs waren dann immer glück­lich, dass sie vor der Ope­ra­tion ein bekanntes Gesicht sahen. Meine Haupt­auf­gabe bestand darin, ihnen ein wenig die Ängste zu nehmen.

Ihr Name dürfte Ihnen in der Medizin einige Vor­teile ver­schafft haben.
Glauben Sie mir, Chef­ärzte sind mit Frei­karten nicht zu beein­dru­cken.

Ihr Spitz­name lau­tete Die Apo­theke“.
Überall, wo viel Geld im Spiel ist, wird mit allen Mit­teln ver­sucht, die kör­per­liche Leis­tungs­kraft zu ver­bes­sern. Im Rad­sport wurde das bewiesen, warum sollte es beim Fuß­ball anders sein? Die Frage ist nur, wie man Krea­ti­vität und Genau­ig­keit stei­gern will. Es stimmt, dass gewisse Fak­toren im Fuß­ball medi­ka­mentös nicht beein­flussbar sind. Aber wenn ich stetig im Kraft­raum bin und gleich­zeitig Ana­bo­lika nehme, dann lässt sich ein enormer Mus­kel­zu­wachs ver­zeichnen.

Haben Sie es auch genommen?
Ja. Ich habe dadurch ja keine men­tale Leis­tungs­min­de­rung erlitten. Was natür­lich auch beliebt war, sind Sti­mu­lan­zien, um die Angst in den Griff zu bekommen. Und vor den großen Spielen ging die Apo­theke umher. Wie gesagt, im Lan­des­meis­ter­fi­nale waren es die Briten.

Warum haben Sie trotzdem gewonnen?
Wir hatten zu dieser Zeit mit Dettmar Cramer einen tollen Trainer, einen Psy­cho­logen, der das Mann­schafts­ge­füge per­fekt aus­ta­rierte. Und Franz Becken­bauer ging als Kapitän vor­neweg, an ihm konnten wir uns auf­richten. Unsere Erfolge lagen in der Füh­rung. Wir hatten eine interne Selek­tion.

Wer nicht spurte, wurde weg­ge­bissen?
Bei uns spielte einst Klaus Wunder, der machte einige Tore für uns. Aber auf einer der vielen Reisen lan­deten wir im Mara­cana. Die Nerven waren im Trai­ning ange­spannt nach einem langen Flug, wir mussten damals immer im Senegal umsteigen. Da hat mich Wunder in einem Trai­nings­spiel voll­ends abge­räumt. Ich habe ihm aus Reflex, der Wunder war ja gerade neu in der Truppe, einen Kinn­haken ver­setzt. Da lag er dann – Knockout.

Seine Reak­tion?
Der hat seinen Vater ange­rufen, einen Logis­tiker aus Han­nover. Und am nächsten Tag stand es auf der ersten Seite der Bild“-Zeitung. Großes Hallo! Also musste ich noch in Rio vor das Ver­eins­ge­richt. Wun­ders Pro­blem war nur: Auf dem Weg in den Saal stieg ich zu ihm in den Aufzug. Da beugte ich mich zu ihm und sagte: Klaus, wenn ich mich da drinnen gleich ent­schul­digen soll, dann mache ich das. Aber dann fängst du dir auf dem Rückweg gleich noch eine.“

Stunk in der Erfolgs­truppe.
Von wegen! Unten wieder ange­kommen, begrüßte mich Gerd Müller und sagte nur: Jupp, ich hätte es genauso gemacht.“ Ein paar Monate später stand Klaus Wunder auf der Trans­fer­liste.

Um diese Dinge küm­merte sich ab 1979 Uli Hoeneß. Über­raschte es Sie, dass er zum neuen Manager ernannt wurde?
Ach nein, er hatte ja der Gattin von Prä­si­dent Neu­de­cker aus­rei­chend Blu­men­sträuße geschickt. Uli hat uns immer auf­ge­zeigt, dass er der Cle­verste ist. Uli Hoeneß war bei uns als Schwabe bekannt, seine eigene Tasche hat er nie ver­gessen. Hoeneß first! Das ist wie beim ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­denten. Aber mit diesem Han­deln hat er den Klub auch weit nach vorne gebracht.

Sie gingen in jenem Sommer zum Stadt­ri­valen 1860.
Ich war bereits Assis­tenz­arzt und habe klar gesagt, dass ich unter Hoeneß nicht spielen möchte. Das war nicht mehr meine Welt. Dann kam das Angebot von den Löwen. Das Trai­nings­zen­trum war von der Ortho­pädie, wo ich arbei­tete, fuß­läufig zu errei­chen.