Seite 3: „Du Idiot! Was soll das?“

Kurz nach Ihrem Wechsel 1970 zum 1. FC Köln wurde die Liga vom Bun­des­li­ga­skandal erschüt­tert. Ihr Name fällt in einem Mit­schnitt der Tele­fo­nate zwi­schen Offen­bachs Prä­si­dent Horst-Gre­gorio Canellas und Kölns Tor­wart Man­fred Man­glitz.
Ach ja.

Man­glitz sagte: Passen Sie auf, der Herr Konrad hat mir was gesagt, mit dem Jupp Kapell­mann.“ Was ist damals pas­siert?
Ich habe gewusst, dass Man­fred Man­glitz schiefe Dinge machte. Ich habe ja gesehen, wie er uns betrog. Man­glitz hat immer ein Rou­let­te­spiel mit ins Trai­nings­lager gebracht. Und da hörte ich durch die Wand, wie er spielte: Siiiit-dum-dum-dum. Man­glitz machte eine Liste, wie er den Kreisel drehen muss, damit die Kugel an einer bestimmten Stelle landet.

Waren Sie froh, als Sie den 1. FC Köln ver­ließen?
Nein, ganz und gar nicht. Als wir mit den Köl­nern in Mexiko zu Gast waren, fuhr Prä­si­dent Oscar Maaß mit uns zu den Stätten der Mayas – das war ihm so wichtig, dass wir die Kultur ken­nen­lernen. Seine Frau spielte uns immer klas­si­sche Musik auf dem Flügel vor, so wun­der­schön. Und die Kar­ne­vals­sit­zungen: herr­lich! Die waren richtig poli­tisch. Ein Verein, der vital war.

Als Sie zu den Bayern gingen, kam es zum Kul­tur­schock?
Auf dem Weg zu einem Euro­pa­po­kal­spiel saß ich im Bus hinter unserem Prä­si­denten Wil­helm Neu­de­cker. Um zu ent­spannen, las ich gerne. Irgend­wann drehte sich Neu­de­cker miss­trau­isch um, und fragte: Jupp, was machst du da?“ Ich sagte ihm, ich würde Franz Kafka lesen. Neu­de­cker hatte aber mein Buch nicht gesehen. Er über­legte, Franz Kafka?“, und schüt­telte den Kopf, mit dem habe ich noch nicht ver­han­delt.“

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Da schau her: Gerd Müller, Franz Becken­bauer und Jupp Kapell­mann.

Am Ende der Saison 1974/75 standen Sie erneut im Euro­pa­po­kal­fi­nale.
Gegen Leeds. In diesem Spiel sind Björn Andersson und Uli Hoeneß zu Inva­liden geworden. Die wurden bewusst von den Briten zusam­men­ge­treten. Als wir im Tunnel standen, grüßte ich Leeds’ Kapitän Billy Bremner. Hey Bill, how are you?“ Aber Bremner schaute ein­fach durch mich hin­durch, der hatte mich gar nicht erkannt. Die Briten waren voll­ge­pumpt bis unter die Nase. Sie machten Jagd auf uns. Nach fünf Minuten erwischte es Andersson; weit vom Geschehen ent­fernt wurde er umge­treten. Schien- und Waden­bein­bruch. Ich habe dann nur noch mit­ge­holfen, den armen Andersson auf die Trage zu legen.

Hätten Sie an dieser Stelle auch als Medi­ziner gear­beitet?
Gut, mitten im Euro­pa­po­kal­end­spiel viel­leicht nicht. Aber als wir 1975 in Eriwan waren! Die arme­ni­schen Fans hatten uns vor dem Abschluss­trai­ning am Sta­dion erwartet, als wären wir von einem anderen Stern. Dass die Kau­kasen einer west­eu­ro­päi­schen Mann­schaft zuju­belten, hat der sowje­ti­sche KGB gar nicht gerne gesehen. Als wir uns in aller Ruhe einen Weg durch die Massen bahnen wollten, griffen die Poli­zisten über und schlugen brutal auf alles ein, was nicht sofort zur Seite sprang. Einen Arme­nier erwischten sie mit ihren Gum­mi­knüp­peln am Kopf. Dem armen Mann hing die halbe Schwarte her­unter, alles voller Blut. Ich schrie den Poli­zisten an: Du Idiot! Was soll das?“ Mit unserem Mas­seur haben wir den Skalp des Pas­santen wieder auf­ge­legt und die Wunde des­in­fi­ziert. Wir hatten kein Naht­ma­te­rial, aber zumin­dest für den Weg bis zum Kran­ken­haus hat es genügt.