Seite 2: „Menschen wurden auf offener Straße erschossen“

Wie war das 1990 beim legen­dären Wie­der­ver­ei­ni­gungs­spiel zwi­schen Union und Hertha?
Ähn­lich. 50.000 Fans im Olym­pia­sta­dion fei­erten beide Mann­schaften und ein denk­wür­diges Spiel. Es gab schon vorher einen großen Medi­en­rummel.

Sie liefen als Kapitän auf. 
Eine große Ehre. Wir hielten auch gut mit. Ich glaube, Hertha hatte uns ein wenig unter­schätzt. Zur Halb­zeit stand es 1:1, am Ende gewann Hertha 2:1. Mit den Spie­lern haben wir uns gut ver­standen, wir waren danach auch gemeinsam essen. Was uns über­raschte, war die Sache mit den Tri­kots und den Schuhen.

Was meinen Sie?
Uns wurden neue Tri­kots und Schuhe von einem Aus­statter gestellt. Das waren gute Schlappen, aber noch nicht ein­ge­laufen. Also ent­schieden wir, dass wir in den alten Schuhen spielen.


 
War das Spiel auch eine Mög­lich­keit, sich für West­ver­eine zu emp­fehlen?
Für einige Mit­spieler bestimmt. Aber nicht für mich. Damals war ich schon 31. Obwohl ich natür­lich gerne in der Bun­des­liga gespielt hätte.

Dafür wurden Sie zweimal Meister in Vene­zuela. Auch nicht schlecht.
Der FC Caracas hielt 1991 ein Trai­nings­lager in Deutsch­land ab und war auf der Suche nach Spie­lern. Deut­sche Fuß­baller standen damals im Aus­land hoch im Kurs, die DFB-Elf war schließ­lich gerade Welt­meister geworden. Guil­lermo Valen­tiner, ein deutsch­stäm­miger Phar­ma­zie­un­ter­nehmer und Prä­si­dent des FC Caracas, bot mir nach einem Pro­be­trai­ning einen Drei­jah­res­ver­trag an.

Wie reagierte Ihre Familie?
Valen­tiner besaß eines der ersten Mobil­te­le­fone der Welt, das war in etwa so groß wie ein Kühl­schrank. Ich weiß noch, wie ich damit meine Frau anrief: Schatz, der neue Verein ist doch etwas weiter weg!“

In Vene­zuela kam es damals zu Putsch­ver­su­chen gegen die Regie­rung von Carlos Andrés Pérez. Hatten Sie keine Angst?
Wir lebten in einer Art Gated Com­mu­nity in der Nähe von Guil­lermo Valen­tines Villa. Aber die Atmo­sphäre war natür­lich beklem­mend. Einmal wurden 500 Meter von unserem Wohnort ent­fernt, iro­ni­scher­weise El Paraiso“ genannt, auf offener Straße Men­schen erschossen. Nach sol­chen Vor­fällen gab es Aus­gangs­sperren, und das Trai­ning wurde abge­sagt. Mit Ein­hei­mi­schen hatten wir des­wegen kaum Kon­takt. Jahre später, ich war längst Trainer beim Köpe­ni­cker SC, hat mich ein Spieler mal gefragt: Trainer, weiß du eigent­lich, wo du damals gespielt hast? Das ist die gefähr­lichste Stadt der Welt.“

Auch heute in Berlin haben Sie Mut zum Risiko.
Wie meinen Sie das?

Wir haben gehört, dass Sie an der Grenze zu Hohen­schön­hausen leben. Das ist doch BFC-Gebiet.
Ach, diese Reviere haben sich doch voll­kommen auf­ge­löst. Fragen Sie mal die Kinder beim Kietz für Kids Frei­zeit­sport e.V., wo ich momentan als Sport­li­cher Leiter arbeite. Die sind alle Union-Fans. (Über­legt.) Viel­leicht aber auch, weil ich dort arbeite. (Lacht.)

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