Im Bun­des­liga-Son­der­heft von 11FREUNDE erzählen Olaf Seier und neun andere Unioner ihre per­sön­li­chen Geschichten von und mit den Eisernen. Jetzt am Kiosk und bei uns im Shop.

Olaf Seier, wie haben Sie Unions Rele­ga­ti­ons­spiele gegen den VfB Stutt­gart ver­folgt?
Am liebsten schaue ich Fuß­ball­spiele alleine zu Hause. Da bin ich nicht abge­lenkt und kann mich kon­zen­trieren. Diesmal war ich aller­dings ziem­lich nervös, also habe ich erstmal nur das Radio ange­macht, doch die Auf­re­gung ging nicht weg. Am Ende saß ich dann wieder vor den Fern­seher – aller­dings vor dem Video­text.

Und da wurden Sie ruhiger?
Na ja. In der Schluss­phase des Rück­spiels gingen mir viele Gedanken durch den Kopf. Wir hatten ja einige Big Points lie­gen­ge­lassen. Die blöde Nie­der­lage gegen Darm­stadt am 32. Spieltag zum Bei­spiel. Das Spiel gegen Bochum am letzten Spieltag, das wir bei­nahe noch gedreht hätten. Trotz der guten Aus­gangs­si­tua­tion, die wir uns im Hin­spiel in Stutt­gart erar­beitet hatten, wirkte der VfB immer noch wie ein Gigant auf mich. Er war der große Bun­des­li­gist, Union der Köpe­ni­cker Underdog.

Nun ist Union zum ersten Mal ein Bun­des­li­gist. Wie lange?
Wir halten auf jeden Fall die Klasse. Wichtig wird sein, dass Union wei­terhin seinen Cha­rakter bewahrt.

Was ist denn das Beson­dere an Union?
Dass dort Leute arbeiten, die schon seit Ewig­keiten dabei sind. Prä­si­dent Dirk Zingler ist etwa schon mit seinem Groß­vater an die Alten Förs­terei gekommen, in den Sieb­zi­gern und Acht­zi­gern, als hier wirk­lich noch ein Förster gelebt und gear­beitet hat. Auch viele Fans gehen seit Jahr­zehnten zu Union. Schon zu DDR-Zeiten hatte der Verein eine große Anhän­ger­schaft. Eines meiner größten Spiele war im Mai 1988 in Karl-Marx-Stadt. Über 4000 Unioner sind mit­ge­reist, wir mussten gewinnen, um die Klasse zu halten. Ich machte das 1:1, und Mario Maek traf in der 90. Minute zum 3:2. Die Fans sind auf den Rasen gestürmt, es war eine groß­ar­tige Fete.

Sie haben in acht Jahren für Union Berlin über 200 Spiele gemacht. Ange­fangen hat Ihre Kar­riere aber beim großen Rivalen BFC Dynamo.
Fuß­ball­spielen gelernt habe ich in meiner Heimat, bei der SG Dynamo Ros­tock-Mitte. Eines Tages lockte mich der BFC nach Berlin. Das war eine große Sache für mich. Wir haben natür­lich oft gegen Union gespielt, und ich muss sagen: Die Alte Förs­terei fand ich schon damals toll, auch wenn ich das nicht laut sagen durfte. 1983 bin ich dann zu Union gewech­selt. Anfangs war ich skep­tisch, wie die Fans mich auf­nehmen würden, aber sie schlossen mich in ihr Herz. Natür­lich wurden da auch mal Sprüche gedrückt, wenn wir ver­loren haben. Tank ma biss­chen Kondi im Wald!“ Aber immer mit einem Augen­zwin­kern, das war nie bös­artig, selbst wenn wir ver­loren hatten.

Wie war es bei den Derbys?
Da hat es auch mal geknallt. Was ich schade fand: Die Derbys wurden viele Jahre immer im Sta­dion der Welt­ju­gend aus­ge­tragen. Erst 1988 hatten wir ein echtes Heim­spiel an der Förs­terei. Blöd nur: Ich saß wegen einer Gelb­sperre auf der Tri­büne.

Stimmt es, dass in den Acht­zi­gern sogar Her­thaner aus West-Berlin zu Union gegangen sind?
Absolut. Manchmal, wenn es Ecke gab oder wir zur Halb­zeit vom Platz gingen, ließ ich meinen Blick über die Ränge schweifen – und da sah man immer wieder blau-weiße Schals. Die haben sich mit getauschten Ost­mark einen schönen Abend gemacht. Es gab keine Abgren­zung, Feind­schaft oder Riva­lität. Berlin war ver­eint – zumin­dest im Fuß­ball.

Wie war das 1990 beim legen­dären Wie­der­ver­ei­ni­gungs­spiel zwi­schen Union und Hertha?
Ähn­lich. 50.000 Fans im Olym­pia­sta­dion fei­erten beide Mann­schaften und ein denk­wür­diges Spiel. Es gab schon vorher einen großen Medi­en­rummel.

Sie liefen als Kapitän auf. 
Eine große Ehre. Wir hielten auch gut mit. Ich glaube, Hertha hatte uns ein wenig unter­schätzt. Zur Halb­zeit stand es 1:1, am Ende gewann Hertha 2:1. Mit den Spie­lern haben wir uns gut ver­standen, wir waren danach auch gemeinsam essen. Was uns über­raschte, war die Sache mit den Tri­kots und den Schuhen.

Was meinen Sie?
Uns wurden neue Tri­kots und Schuhe von einem Aus­statter gestellt. Das waren gute Schlappen, aber noch nicht ein­ge­laufen. Also ent­schieden wir, dass wir in den alten Schuhen spielen.


 
War das Spiel auch eine Mög­lich­keit, sich für West­ver­eine zu emp­fehlen?
Für einige Mit­spieler bestimmt. Aber nicht für mich. Damals war ich schon 31. Obwohl ich natür­lich gerne in der Bun­des­liga gespielt hätte.

Dafür wurden Sie zweimal Meister in Vene­zuela. Auch nicht schlecht.
Der FC Caracas hielt 1991 ein Trai­nings­lager in Deutsch­land ab und war auf der Suche nach Spie­lern. Deut­sche Fuß­baller standen damals im Aus­land hoch im Kurs, die DFB-Elf war schließ­lich gerade Welt­meister geworden. Guil­lermo Valen­tiner, ein deutsch­stäm­miger Phar­ma­zie­un­ter­nehmer und Prä­si­dent des FC Caracas, bot mir nach einem Pro­be­trai­ning einen Drei­jah­res­ver­trag an.

Wie reagierte Ihre Familie?
Valen­tiner besaß eines der ersten Mobil­te­le­fone der Welt, das war in etwa so groß wie ein Kühl­schrank. Ich weiß noch, wie ich damit meine Frau anrief: Schatz, der neue Verein ist doch etwas weiter weg!“

In Vene­zuela kam es damals zu Putsch­ver­su­chen gegen die Regie­rung von Carlos Andrés Pérez. Hatten Sie keine Angst?
Wir lebten in einer Art Gated Com­mu­nity in der Nähe von Guil­lermo Valen­tines Villa. Aber die Atmo­sphäre war natür­lich beklem­mend. Einmal wurden 500 Meter von unserem Wohnort ent­fernt, iro­ni­scher­weise El Paraiso“ genannt, auf offener Straße Men­schen erschossen. Nach sol­chen Vor­fällen gab es Aus­gangs­sperren, und das Trai­ning wurde abge­sagt. Mit Ein­hei­mi­schen hatten wir des­wegen kaum Kon­takt. Jahre später, ich war längst Trainer beim Köpe­ni­cker SC, hat mich ein Spieler mal gefragt: Trainer, weiß du eigent­lich, wo du damals gespielt hast? Das ist die gefähr­lichste Stadt der Welt.“

Auch heute in Berlin haben Sie Mut zum Risiko.
Wie meinen Sie das?

Wir haben gehört, dass Sie an der Grenze zu Hohen­schön­hausen leben. Das ist doch BFC-Gebiet.
Ach, diese Reviere haben sich doch voll­kommen auf­ge­löst. Fragen Sie mal die Kinder beim Kietz für Kids Frei­zeit­sport e.V., wo ich momentan als Sport­li­cher Leiter arbeite. Die sind alle Union-Fans. (Über­legt.) Viel­leicht aber auch, weil ich dort arbeite. (Lacht.)

Im Bun­des­liga-Son­der­heft von 11FREUNDE erzählen Olaf Seier und neun andere Unioner ihre per­sön­li­chen Geschichten von und mit den Eisernen. Jetzt am Kiosk und bei uns im Shop.