Elf Freunde sollt ihr sein. Dieser Sinn­spruch hing lange in den Kabinen, ver­gilbt, aber immer noch gültig. Eine Mann­schaft wurde als homo­gene Gruppe gesehen. Hört mal alle her!“ – Der Trainer sprach das Kol­lektiv an, packte es bei seiner sol­da­ti­schen Ehre. Bes­ten­falls wurden die Spieler nach ihrer tak­ti­schen Funk­tion und ihrem Alter unter­schieden. Wer viele Tore macht, darf auch mal was sagen. Wer am längsten dabei ist, wird zum Kapitän ernannt. Fertig war die Laube. Um die Befind­lich­keit des Ein­zelnen scherte man sich wenig.

Erst in den 90er Jahren begannen die Übungs­leiter, sich Gedanken zu machen, mit wem sie es genau zu tun hatten. Dieses Inter­esse lag jedoch weniger in der Nächs­ten­liebe als in der Öko­nomie begründet. Längst galt ein Profi als mensch­liche Res­source. Die Leis­tungs­dia­gnostik hatte Einzug gehalten, und weil durch die Fein­ta­rie­rung der Mus­keln und Blut­kör­per­chen nun jeder Spieler an seine kör­per­li­chen Grenzen stieß, suchte man nach neuen Wegen, um besser zu sein als die Kon­kur­renz.

Wir müssen unsere Leis­tung abrufen“, das war ein Satz, der zur selben Zeit zu gras­sieren begann. Er ließ durch­schim­mern: Diese Leis­tung ist nicht ein­fach da. Man braucht, wie wenn man seinen Kon­to­stand abruft, einen Schlüssel, um an sie zu gelangen. Diesen ver­mu­tete man in bisher uner­forschten Pfründen – in der Psyche.

Gewinnen wollen alle – aber warum?


Was man damals allen­falls ahnte, weiß man heute längst: Wie viel Leis­tung ein Spieler abzu­rufen vermag, liegt an seiner Moti­va­tion – nicht nur an der augen­blick­li­chen, son­dern vor allem an der glo­balen, der Aus­übung seines Berufs zugrunde lie­genden. Gewinnen wollen alle – doch der Eine spielt groß auf, wenn es gegen den Erz­ri­valen geht, der Andere denkt an den nächsten Luxus­schlitten, ein Dritter sieht sein Kon­terfei in den Jugend­zim­mern.

Familie, Status, Macht, Neu­gier, Rache, kör­per­liche Akti­vität, Essen, Ehre – das sind acht von 16 fun­da­men­talen Bedürf­nisse, die der Psy­cho­loge Prof. Steven Reiss von der Ohio State Uni­ver­sity empi­risch ermit­telt hat. Seine Ver­mu­tung: Bei einigen Pro­banden sind sie nicht deckungs­gleich zu dem, was sie selbst zu wollen glauben. Man­cher ordnet alles dem Beruf unter, weil er sich nach Macht sehnt. Nun hat er sie erlangt, ist aber trotzdem kreuz­un­glück­lich, denn ihm ist nicht bewusst, wie sehr er ein Fami­li­en­leben ver­misst.

Prof. Reiss erkannte diese Diver­genz und machte es sich zum Ziel, Wollen und Han­deln des Ein­zelnen zu har­mo­ni­sieren. Dazu ent­wi­ckelte er Eva­lua­ti­ons­bögen, mit denen die zen­tralen Lebens­mo­tive eru­iert werden können. 128 vor­ge­ge­bene Aus­sagen wie Pres­tige ist sehr wichtig für mich“, Ich habe viele Sex­fan­ta­sien“ oder Ich mag das Gefühl, dass meine Familie mich braucht“ müssen darin auf einer Skala von minus 3 („völlig falsch“) bis plus 3 („stimmt völlig“) bewertet werden. Die Ergeb­nisse werden zu einem Per­sön­lich­keits­dia­gramm, dem so genannten Reiss-Profil, ver­dichtet.

Jürgen Klopp war einer der ersten, die diese Methode auf den Fuß­ball über­trugen. In seiner Zeit beim FSV Mainz 05 unter­nahm er zunächst einen Selbst­ver­such, und das Ergebnis traf, wie er bemerkte, zu 98 Pro­zent Klopp“. Grund genug für ihn, auch die Spieler in den Zwei­kampf mit sich selbst zu schi­cken. Dabei kam heraus, dass viele hohen Wert auf die Familie legen. Kloppo ließ also am Bruchweg einen Kids-Club“ ein­richten, eine Kin­der­be­treuung, die es den Spie­ler­frauen ermög­lichte, ihren Män­nern beim Kicken zuzu­schauen. Diese wie­derum liefen unter den Augen ihren Part­ne­rinnen zu Höchst­form auf. Auch wenn der Effekt dieser Maß­nahme sich nicht messen lässt, sie wird ihren Anteil daran gehabt haben, dass der FSV 2004 end­lich in die Bun­des­liga auf­stieg.

Und doch scheinen sich Teile der Fuß­ball­welt vor der Sport­psy­cho­logie zu fürchten wie vor Teu­fels­werk. An Peter Bol­ters­dorf, einem Pio­nier der Reiss-Methode im deutsch­spra­chigen Raum, kris­tal­li­sierten sich die Res­sen­ti­ments. Als er auf Schalke Mirko Slomka beriet, nannte die Bild“ ihn den geheim­nis­vollen Psycho-Flüs­terer“. Er habe Slomka in die Per­so­nal­po­litik hin­ein­ge­redet und sei mit­ver­ant­wort­lich für die ver­passte Meis­ter­schaft 2007. Die Mög­lich­keit, dass der Verein ohne Bol­ters­dorfs Bera­tung schlechter abge­schnitten hätte, kam nie­mandem in den Sinn.

Es spricht Bände, dass der dama­lige S04-Manager Rudi Assauer der Schmäh­kam­pagne der Bild“ Vor­schub leis­tete, als er unkte: Ich habe gewarnt, sich ständig von Herrn Bol­ters­dorf beraten zu lassen.“ Hier Volks­tribun Assauer, dort das Sprach­rohr einer Kli­entel, der Psy­cho­logie von Grund auf suspekt ist – eine unheil­volle Allianz. Doch das waren wohl die Rück­zugs­ge­fechte der Gest­rigen. Ralf Rang­nick, sei­ner­zeit Trainer der TSG Hof­fen­heim und Ver­fechter moderner Trai­nings­me­thoden, meinte bereits im Jahr 2007: Es hat ein Umdenken statt­ge­funden. Es wird hin­ter­grün­diger berichtet. Einen Bei­trag dazu hat Jürgen Klins­mann geleistet, der als Bun­des­trainer die psy­cho­lo­gi­schen Hilfs­mittel offen ange­wandt und dem Druck der Medien stand­ge­halten hat.“ Klins­mann, Rang­nick, Klopp, Slomka, Hecking: Eine Garde auf­ge­schlos­sener Trainer will wissen, wie sie ihre Spieler gezielt moti­vieren kann – auch wenn ihre Arbeit dadurch ungleich kom­plexer wird.

Zunächst gilt es, sich von der über­kom­menen Vor­stel­lung von den elf Freunden zu lösen, so roman­tisch sie sein mag. So was wie die Mann­schaft gibt es nur vir­tuell“, sagte Peter Bol­ters­dorf in seiner Zeit auf Schalke. Die Reiss-Methode lie­fert dafür auch keinen Ersatz. Aus den etwa 200 Eva­lua­ti­ons­bögen, die von Bun­des­liga-Profis aus­ge­füllt wurden, hat sich – abge­sehen von dem erwart­baren Bedürfnis nach kör­per­li­cher Akti­vität und dem Fami­li­en­sinn – kein zen­trales Motiv her­vor­getan, das sich auf Fuß­baller im All­ge­meinen beziehen ließe. So ist in man­chen Mann­schaften die emo­tio­nale Ver­bun­den­heit unter den ein­zelnen Spie­lern stark aus­ge­prägt, andere wie­derum bestehen vor­rangig aus Ein­zel­kämp­fern, die nach Auto­nomie streben. Der Kicker schlechthin, der aus unserer Erin­ne­rung an die Schnauz­bart­träger der 80er Jahre zum Kli­schee geronnen ist, scheint, wenn es ihn denn je gegeben hat, nicht mehr zu exis­tieren.

Die Ursache dafür ist in der Zer­fa­se­rung der Gesell­schaft an sich zu suchen. Gilden, Zünfte, ja ganze Schichten und Milieus durch­dringen ein­ander: Einst war ein Dreher ein Dreher, ein Lehrer ein Lehrer, ein Kicker ein Kicker, und sie blieben unter ihres­glei­chen. Heute treffen die drei sich in fröh­li­cher Runde und beein­flussen ein­ander. Wenn ein Fuß­ball­trainer also vor 25 Spie­lern steht, kann er von 25 ver­schie­denen Lebens­ent­würfen aus­gehen.

Die Reiss-Methode hilft ihm, aus dem dif­fusen Chor ein­zelne Stimmen her­aus­zu­hören. Er kann ermit­teln, wen er zum Wald­lauf schi­cken und wem er lieber einen Ball zuwerfen sollte, wer zu Rache­ge­lüsten neigt und des­halb oft am Rande des Platz­ver­weises schwebt, und er kann ver­meiden, Spieler zu Zim­mer­ge­nossen zu machen, die ein­ander nicht rie­chen können. Es gibt immer wieder Situa­tionen, in denen man als Trainer nicht weiß, wie man mit einem Spieler umgehen soll“, berichtet Ralf Rang­nick. Wenn man seinen besten Freund kennen würde, könnte man den um Rat fragen. Da das nicht mög­lich ist, habe ich den Reiss-Test als ein Hilfs­mittel her­an­ge­zogen.“

Der Diplom-Psy­cho­loge Markus Brand, Leiter des Insti­tuts für Lebens­mo­tive“ in Köln, sagt: Die meisten Ath­leten sehen die Reiss-Methode wie einen psy­cho­lo­gi­schen Laktat-Test und denken: Es reicht, dass der Trainer meine Werte kennt, dann weiß er, wie ich meine Leis­tung bringen kann.“ Dabei täten viele Fuß­baller gut daran, sich ein Bild von sich selbst zu machen. 25, 30 Jahre ver­schreiben sie sich dem Fuß­ball. Doch was kommt danach? Über dieser Frage ver­zwei­feln viele, wenn das Kar­rie­re­ende naht. Markus Brand: Ich bin davon über­zeugt, dass Sebas­tian Deisler nach seiner Ver­let­zung nicht in eine psy­chi­sche Krise geraten wäre, wenn er seine Per­spek­tive über den Fuß­ball hinaus gekannt hätte und sein Selbst­be­wusst­sein gezielt geför­dert worden wäre.“

Viel­leicht ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch Spieler beginnen, ganz­heit­lich über sich nach­zu­denken. Viele Trainer tun dies schon. Sie wissen: Im WM-Finale 1954 gab Schuh-Experte Adi Dassler den Aus­schlag – viel­leicht auch ein paar Vit­amin­spritzen – heute können ihnen Experten für die Psyche den ent­schei­denden Vor­teil ver­schaffen. In Hof­fen­heim arbei­tete etwa Ralf Rang­nick als einer der ersten mit Fach­leuten wie dem Psy­cho­logen Hans-Dieter Her­mann zusammen, der heute zum Stab der Natio­nal­mann­schaft gehört. Sie legten Dos­siers über die Spieler vor – eine pro­funde Basis für Ein­zel­ge­spräche. Vor­mals lag sol­chen Unter­re­dungen eine asym­me­tri­sche Vater-Sohn-Kon­stel­la­tion zugrunde. Vom Trainer ins Gebet genommen zu werden, ganz dicht an seine Bal­lon­seide gepresst, das kennen auch wir aus unserer Jugend­fuß­ball­zeit. Anek­doten, Kriegs­me­ta­phern, Bin­sen­weis­heiten – pein­lich berüh­rend und oft­mals inef­fektiv. Früher konnte der Trainer damit viel kaputt machen, weil er sagte, was er selbst gern hören wollte – der Spieler aber über­haupt nicht“, so Diplom-Psy­cho­loge Brand. Mit dem aus dem Reiss-Test gewon­nenen Wissen kann ein Trainer gezielter vor­gehen, seine Appelle indi­vi­dua­li­sieren: Lauf für deine Familie, lauf für deinen neuen Por­sche, lauf für die Party danach!

Was aber, wenn er vor ver­sam­melter Mann­schaft steht? Die Zeit der Kabi­nen­pre­digt ist unwie­der­bring­lich vor­über. Dar­unter ver­steht man doch gemeinhin, dass ein Trainer das Rum­pel­stilz­chen macht“, so Rang­nick sei­ner­zeit. Das kann ich aber höchs­tens zweimal in der Saison bringen.“ Um ziel­füh­render agieren zu können, greift der Trainer auf soge­nannte Team­pro­file zurück, aus denen er die viru­lenten Bedürf­nisse abs­tra­hiert und inner­halb seiner Ansprache in drei, viel­leicht vier Appelle umwan­delt. Eine koor­di­nierte Streuung, die es wahr­schein­li­cher macht, dass er alle Spieler erreicht.

Der pau­schale Befehl Haut sie durch die Wand“, den etwa der eigent­lich so pro­gres­sive Klins­mann seinen Spie­lern 2006 vor dem WM-Grup­pen­spiel gegen Polen erteilte, erscheint da wie ein Ata­vismus. Und ob alle Anwe­senden sich in Xavier Nai­doos Sing­sang wie­der­fanden? Klinsis Som­mer­mär­chen-Per­for­mance zeigt aber auch, was Trainer bewirken können, wenn sie sich trotz aller ana­ly­ti­schen Kapa­zi­täten das Recht vor­be­halten, ein biss­chen irra­tional zu sein. Manchmal wird Fuß­ball eben doch mit dem Bauch ent­schieden. Da können die Psy­cho­logen sich auf den Kopf stellen.