Noch vor einem Jahr­zehnt war das Olympic-Sta­dion in der afgha­ni­schen Haupt­stadt Kabul eine Stätte des Grauens. Wider­stands­kämpfer der Taliban wurden dort hin­ge­richtet. Und die Zuschauer, unter faden­schei­nigen Gründen zu Tau­senden ins Sta­dion gelockt, mussten das grau­same Schau­spiel mit eigenen Augen ver­folgen.

Da stand ich nun, im April 2003, und sollte hier ein län­geres Fuß­ball­pro­jekt starten, gemeinsam mit Ali Askar Lali, einem Deutsch-Afghanen, der nach dem Ein­marsch der Russen und der Beset­zung des Landes im Jahr 1980 mit der gesamten afgha­ni­schen Natio­nal­mann­schaft geflohen war und dann in Deutsch­land eine neue Heimat fand.

Pro­jekt­träger waren das dama­lige Olym­pi­sche Komitee für Deutsch­land (NOK), der Deut­sche Fuß­ball-Bund (DFB) und das Aus­wär­tige Amt. Lasst es ruhig angehen!“ hatte uns der dama­lige NOK-Aus­lands­chef Georg Kemper mit auf den Weg gegeben. Gut gesagt. Doch gleich am Ankunftstag kam der erst Monate vorher wieder ins Leben geru­fene Vor­stand unter Prä­si­dent Kohe­stani auf uns zu, um gemeinsam die Zukunft abzu­ste­cken.

Da war vom Start des Stra­ßen­fuß­balls die Rede, vom Schul­fuß­ball, der Bil­dung von Mann­schaften für eine Liga in zwei ver­schie­denen Klassen, nicht zuletzt dem Aufbau einer neuen Natio­nal­mann­schaft, die seit dem Ein­marsch der Russen aus­ein­ander gefallen war. Doch weil uns die Gast­geber ver­spra­chen, voll hinter unseren Maß­nahmen zu stehen und auch genü­gend Helfer abstellen wollten, die uns auf dem stei­nigen Weg helfen sollten, waren wir schon etwas opti­mis­ti­scher gestimmt.

Rück­bli­ckend kann dieses gesagt werden: es war ein Pro­jekt rund um die Uhr. Die afgha­ni­sche Öffent­lich­keit ver­folgte unsere Ver­suche, den Fuß­ball wieder neu zu beleben, mit großem Inter­esse. Und die Medien zogen mit. Täg­lich kamen die Jour­na­listen in unsere kleine Behau­sung – anders kann man die ehe­ma­lige Ruine nicht bezeichnen – um Neu­ig­keiten zu dru­cken oder in die Abend­nach­richten von Radio und Fern­sehen ein­zu­streuen.

Skor­pione kro­chen aus den Lei­tungen

Mir stand ein kleines Zimmer zur Ver­fü­gung, das den Luxus auf­wies, ein Bett, einen Tisch, ein Stuhl und einen kleinen Tisch auf­zu­weisen. Die Gar­de­robe fand Platz an zehn Nägeln, die in die Wand geschlagen worden waren, Wasser und Strom gab es nur spo­ra­disch, die Toi­lette für zehn Mit­be­wohner befand sich auf dem Gang. Und nicht selten kro­chen Skor­pione aus den Lei­tungen an die Ober­fläche, liefen Ratten auf dem Dach­boden über uns um die Wette. Also, ein Luxus­leben war das sicher nicht. Aber: die Arbeit machte Spaß und es ging von Woche zu Woche auf­wärts

Zum ersten Liga­spiel kamen 20.000 in jenes Sta­dion, das nur kurz zuvor Men­schen zum Ver­hängnis geworden war. Dicht­ge­drängt standen sie da, die Men­schen eines Landes, das dreißig Jahre lang vom Frieden nur träumen konnte. Der Fuß­ball aber hauchte neues Leben ein, es machte wieder Spaß, an etwas zu glauben, zu klat­schen, wenn ihr Lieb­lings­verein ein Tor schoss, zu pfeifen, wenn man meinte, der Schieds­richter hätte eine fal­sche Ent­schei­dung getroffen. Man konnte sich end­lich wieder so richtig aus­leben.

Weil unser Etat begrenzt war, kamen wir auf die Idee, deut­sche Bun­des­li­ga­klubs anzu­schreiben und um Hilfe zu bitten, Es fehlte ja prak­tisch an allem, an Bällen, an Schuhen. Bar­fuss jagten die jungen Men­schen auf den Grund­stü­cken vor den Ruinen allem, was wie ein Ball aussah, hin­terher. Und die Heimat reagierte. Ver­eine wie Ein­tracht Frank­furt, der VfB Stutt­gart oder Bayer Lever­kusen schickten Sport­ent­wick­lungs­hilfe nach Afgha­ni­stan, und die Franz-Becken­bauer-Stif­tung ließ sich eben­falls nicht lumpen.

Als dann das erste Län­der­spiel gegen Turk­me­ni­stan aus­ge­tragen wurde, war ein gewal­tiger Schritt nach vorn getan. Zwar ging das Spiel, aus­ge­tragen unter hohen Sicher­heits­vor­keh­rungen, mit 0:2 ver­loren, doch die Afghanen fei­erten trotzdem. Sie gehörten jetzt wieder der großen FIFA-Familie an.

Unsere Akti­vi­täten blieben bei den nach wie vor im Land ansäs­sigen Taliban-Anhän­gern nicht unbe­merkt, mit Argus­augen wurde unser Tun beob­achtet, da waren wir uns ganz sicher. Schließ­lich war Spielen in den Jahren ihrer Herr­schaft streng ver­boten, Selbst Kin­dern wurde ver­boten, auf der Strasse Lebens­freude zu zeigen, von der Knecht­schaft den Mäd­chen und Frauen gegen­über ganz zu schweigen, dar­über mehr im nächsten Bericht an dieser Stelle.

Taliban-Anhänger mit Gewehren im Anschlag

Nicht uner­wähnt bleiben sollen zwei Zwi­schen­fälle, die Ali und mir – und anderen ein­hei­mi­schen Betei­ligten – fast das Leben gekostet hätten. Vor dem oben erwähnten ersten Län­der­spiel gegen Turk­me­ni­stan saßen wir am Vortag abends in einem heil geblie­benen Hotel bei der Mann­schafts­be­spre­chung, Eine Rakete schoss in den rechten Flügel der Pen­sion, wir saßen glück­li­cher­weise im linken Teil. Es gab Ver­letzte, Gott sei Dank keine Toten. Aber wir waren doch geschockt.

Ein anderes Mal waren wir mit Bällen der Sepp Her­berger-Stif­tung nach Gazni, der alten König­stadt, gefahren, um den vielen Kin­dern und Jugend­li­chen mit Bällen eine Freude zu bereiten. Mit einem Meer von Blumen wurden wir emp­fangen. Der Bür­ger­meister sprach nette Worte, lobte das deut­sche Enga­ge­ment. Doch auf der Rück­fahrt nach Kabul wurden wir von Taliban-Anhän­gern gejagt, die uns mit ihren Motor­rä­dern ver­folgten, die Gewehre schuss­be­reit auf den Schul­tern.

Zum Glück konnten wir die Ter­ro­risten abhängen, weil unser Jeep mit hohem Tempo auf der geraden Strecke nach Kabul in hoher Geschwin­dig­keit durch die Dörfer raste. Nerv­lich gerä­dert kamen wir schließ­lich heil in Kabul an. Die Taliban hatten auf der Rück­kehr nach Gazni ein Mili­tär­fahr­zeug der Fran­zö­si­schen Sol­daten ange­griffen und die Fah­rerin töd­lich ver­letzt. Wir waren uns sicher: es hätte auch uns treffen können.

Wieder einmal wurde mir klar: nicht immer ist ein Aus­landsjob für die deut­schen Ent­wick­lungs-Experten ein Zucker­schle­cken. Und den­noch weiß ich heute, dass ich das aben­teu­er­liche Leben der letzten zwanzig Jahre nicht missen möchte.