Rüdiger Fritsch, der SV Darm­stadt 98 ist zurück in der Bun­des­liga. Ist der Standort über­haupt auf diese Situa­tion vor­be­reitet?
Sie spielen auf die Frage an, ob Darm­stadt eine Fuß­ball­stadt ist?

Immerhin sind Sie umgeben von reich­lich Kon­kur­renz: Ein­tracht Frank­furt, FSV Mainz 05, Kickers Offen­bach, selbst die TSG Hof­fen­heim ist nicht so weit weg.
Den­noch glaube ich, dass wir bestehen können, weil wir in Bezug auf diese Wett­be­werber einige Allein­stel­lungs­merk­male haben.

Näm­lich?
Wir sind weit genug ent­fernt, um unsere eigene Iden­tität zu leben und haben uns eine gewisse Fuß­ball­tra­di­tion bewahrt. Außerdem hat sich hier zuletzt eine Geschichte abge­spielt, die unter nor­malen Fuß­ball­ge­setz­mä­ßig­keiten unvor­stellbar ist. Ich habe mich zwi­schen­zeit­lich regel­recht kneifen müssen und mich gefragt, ob wir vom lieben Gott aus­er­koren wurden, den Fuß­ball zu retten?

Und wie lau­tete die Ant­wort?
Nein! Weil auch harte Arbeit auf allen Ebenen dahin­ter­steckt. Aber wir sind den­noch ein Gegen­bei­spiel zu den aktu­ellen Ten­denzen im stark kom­mer­zia­li­sierten Pro­fi­fuß­ball.

Sie sind seit 2008 in wech­selnder Funk­tion für den SV98 tätig. Haben Sie eine Erklä­rung, wie es alles soweit kommen konnte?
Als wir 2008 Insol­venz­an­trag stellen mussten, steckten wir nicht bis zur Hüfte im Morast, son­dern bis zur Unter­lippe. Die Steu­er­ver­wal­tung for­derte ca. 1,2 Mil­lionen Euro – und wir hatten: nichts. Am Wochen­ende nach dem Insol­venz­an­trag stand ein Spiel gegen Ger­mania Ober-Roden in der Ober­liga Hessen an. Doch in den Tagen vor dem Match kam es in der Stadt zu einer Trotz­re­ak­tion gegen den dro­henden Unter­gang. Eine Welle der Soli­da­rität schwappte durch die Stadt. Inner­halb einer halben Woche wurde ein Marsch zum Sta­dion orga­ni­siert. Am Ende kamen 5000 Fans zu einem Spiel, das woan­ders viel­leicht gerade mal 100 oder 200 Men­schen besucht hätten. Das war der Moment, als auch in mir die Über­zeu­gung reifte, dass dieser Verein viel mehr ist, als ein Klub, der vor 33 Jahren mal kurz Bun­des­liga gespielt hat.

Die Welle der Soli­da­rität war unbe­schreib­lich.
Es gab Kon­zerte und Thea­ter­auf­füh­rungen für den guten Zweck. Auch der gebür­tige Darm­städter Helmut Mark­wort half mit seinen Kon­takten beim FC Bayern und ermög­lichte ein Bene­fiz­spiel. Auch im Vor­feld dieses Spiels war die Unter­stüt­zung durch die Fans unglaub­lich wert­voll. Sie haben sich unei­gen­nützig enga­giert, zum Bei­spiel auch im Ticket­ver­kauf .

All das hat sie dann gerettet.
Wir konnten am Ende unsere Schulden zurück­zahlen. Wir haben alles bezahlt, was von uns gefor­dert wurde. Und ich glaube daraus resul­tiert auch ein großer Teil des Selbst­be­wusst­seins, das uns jetzt bis in die Bun­des­liga getragen hat.

Neben der wirt­schaft­li­chen Rück­erlan­gung eines Selbst­be­wusst­seins, traf der Klub aber auch sport­lich die rich­tigen Ent­schei­dungen.
Es gab viele Mosa­ik­steine, die ent­schei­dend für unseren Erfolg waren. Kosta Run­jaic, der 2010 in der Regio­nal­liga zu uns kam, war sicher­lich der erste Bau­meister der Darm­städter Ent­wick­lung. Mit seiner Ein­stel­lung hat er auch außer­halb des Fuß­ball­platzes viele wich­tige Impulse gesetzt.

Inwie­fern?
Er gab uns von Anfang an das Gefühl, dass wir den Klas­sen­er­halt schaffen können. Auf seinem Laptop prä­sen­tierte er uns im Vor­stand bestimmte Sach­ver­halte. Ganz ana­ly­tisch schaute er sich unsere Struk­turen an und zog die rich­tigen Schlüsse.