Es ist schon ein paar Jahre her, da lud ein großer Sport­ar­tikler zur Vor­stel­lung eines neuen Fuß­ball­schuhs deut­sche Fuß­ball­jour­na­listen zu einem Trai­ning ans Ham­burger Mill­erntor ein. Es wurde ein denk­wür­diger Nach­mittag bei leichtem Nie­sel­regen, weil plötz­lich Klaus Fischer als Über­ra­schungs­gast aufs Gelände schlen­derte und zum Ent­setzen der anwe­senden Jour­naille die Spe­zi­al­dis­zi­plin Fall­rück­zieher“ auf den Trai­nings­plan hob.

Der Alt­na­tio­nal­spieler ließ die Theo­re­tiker in einer Reihe mit dem Rücken zum Tor antreten und warf ihnen erwar­tungs­voll den Ball zu. Kaum einer traf ihn richtig, was Fischer zuneh­mend sar­kas­tisch kom­men­tierte. Als sich schließ­lich ein Jour­na­list ein­fach nur fal­len­ließ wie ein nasser Kar­tof­fel­sack und dabei den Ball um fast einen halben Meter ver­fehlte, zischte Fischer ent­nervt: So nun wirk­lich nicht!“ Meine Brille war aller­dings auch ziem­lich beschlagen.

Bil­lig­schmuck des Pro­fi­fuß­balls

Es mag sein, dass dieser trau­ma­ti­sie­rende Nach­mittag mich für alle Zeiten zu feind­selig auf das Kabi­nett­stück­chen des Fall­rück­zie­hers bli­cken lässt. Gleich­wohl war die Hys­terie, die neu­lich welt­weit aus­brach, als Cris­tiano Ronaldo im Cham­pions-League-Vier­tel­fi­nale bei Juventus das dritte Tor für Real in Rücken­lage erzielte, wieder mal der Beleg dafür, dass bei keinem anderen fuß­bal­le­ri­schen Kunst­stück dem Fuß­ball­volk so sehr die Syn­apsen durch­knallen wie beim bicycle kick, wie der Eng­länder das unprä­ten­tiös nennt.

Da konnte früher Ronald­inho den Ball inner­halb von drei Nano­se­kunden fünfmal die Rich­tung ändern lassen, konnte Roberto Carlos einen Frei­stoß aus dem Sta­dion heraus, dreimal ums nahe­ge­le­gene Ein­kaufs­zen­trum herum und dann ins Tor schießen, konnte Zidane den Gegen­spieler so aus­tanzen, dass der sich anschlie­ßend wegen Schwin­del­ge­fühlen ambu­lant behan­deln ließ – nichts kam an gegen die Obses­sion des Publi­kums für den Fall­rück­zieher, den Bil­lig­schmuck des Pro­fi­fuß­balls.

Das Gewese um Fall­rück­zieher-Tore nervt

Nun will man ja nicht miss­günstig sein. Es war durchaus schön anzu­sehen, wie Ronaldo da quer in der Luft lag und den Ball vor­schrifts­mäßig mit dem Voll­spann ins Tor häm­merte. Positiv auch, dass der Por­tu­giese eine ordent­liche Flug­höhe erreichte und nicht wie manch anderer Profi aus Angst vor einem allzu harten Auf­prall nur ein paar Zen­ti­meter über der Gras­narbe dahin­se­gelte. Und schließ­lich ist Ronaldo der Umstand hoch anzu­rechnen, dass er sich nach dem Vollzug nicht, wie nach dem lau­sigen Rück­spiel eine Woche später, auch noch melo­dra­ma­tisch das Trikot her­un­ter­riss wie ein reich­lich ana­bo­li­kage­stählter Pumper in einer Mag­de­burger Mucki­bude.

Und trotzdem nervt das lär­mende Gewese um den Rück­zieher, weil pene­trant der Ein­druck erweckt wird, der Fuß­ball erreiche durch derlei Akro­batik ver­läss­lich eine Art höhere Bewusst­seins­ebene, Tantra auf dem grünen Rasen. Kaum eine Zei­tung, kaum ein TV-Sender, der keine meta­phy­si­schen Meta­phern bemühte, um das Geschehen im Turiner Sta­dion in Worte zu fassen. Was auch immer früher in San­tiago de Com­pos­tela oder Alt­öt­ting pas­siert sein mag, es war offenbar nicht ansatz­weise so wun­dersam wie Ronaldos Kunst­stück im Juve-Straf­raum. Da ging leider auch der berech­tigte, zuge­geben aber auch ein wenig klein­ka­rierte Ein­wand von Zlatan Ibra­hi­movic unter („Es war ein schönes Tor, aber er sollte es mal aus 40 Metern ver­su­chen“).