Seite 3: "Wie im Traum"

Es ist ein Transfer, der für kei­nerlei Auf­sehen sorgt. Zu klein ist dafür die Summe, zu unbe­kannt der Spieler. Für den Klub ist es eine mini­male Inves­ti­tion, für Zin­chenko ver­än­dert der Wechsel alles. Zwei Jahre nach der Flucht nach Moskau, nach der Unge­wiss­heit und etli­chen Trai­nings­ein­heiten auf Beton­plätzen, ist er plötz­lich Teil des glit­zernden Fuß­ball­ge­schäfts. Ich schüt­telte Peps Hand und konnte kaum glauben, dass das wirk­lich pas­siert. Als er mich will­kommen hieß, fühlte sich das an wie im Traum“, sagt Zin­chenko fünf Jahre später in einem ver­eins­ei­genen Inter­view.

Bei City fliegt er zunächst unter dem Radar. Er wird zur PSV Eind­hoven aus­ge­liehen, dort pen­delt er zwi­schen Profi- und Reser­ve­team. Wir hätten ihn auch ein wei­teres Mal aus­ge­liehen, aber das wollte er nicht. Er wollte sich unbe­dingt hier in die Mann­schaft kämpfen. Das ist viel wert“, sagt Pep Guar­diola über Zin­chenko, der sein Talent mit sehr viel harter Arbeit paart: Er skiz­ziert Ände­rungen in der Taktik und Spiel­züge, die im Trai­ning ein­geübt wurde. Er notiert das alles und erzählt es mir. Wir haben einen großen Ordner zuhause, in dem alles auf­ge­schrieben ist“, sagt seine Frau Vlada Sedan.

Er macht keine Fehler“

Nach und nach hat sich Zin­chenko zu einer festen Größe auf der linken Seite der Citi­zens ent­wi­ckelt. Bis heute wartet er auf sein erstes Tor in der Pre­mier League, auch in der Cham­pions League ist er noch ohne Treffer. Inmitten des Offen­siv­feu­er­werks, das City häufig abbrennt, ist Zin­chenko vor allem defensiv immens wichtig für Guar­diola, der sagt: Er spielt gegen Mo Salah, Marcus Rash­ford oder Angel di Maria, alle­samt tolle Gegen­spieler. Und er macht ein­fach keine Fehler.“ Auch dar­über, dass Guar­diola ihn aus dem Mit­tel­feld in die Ver­tei­di­gung zog, habe er sich nie beschwert. Zin­chenko sagt statt­dessen: Für diesen Klub würde ich sogar im Tor spielen.“

Eine Ein­stel­lung, die er offenbar auch bei der Natio­nal­mann­schaft ver­folgt. Zin­chenko spielt, wo Schev­chenko ihn auf­stellt. Die Selbst­lo­sig­keit und Sou­ve­rä­nität, mit der der Ukrainer die weniger gla­mou­rösen Auf­gaben eines Fuß­ball­spiels erle­digt, lassen ihn in der Außen­wahr­neh­mung etwas unter­gehen. Die starke Leis­tung im EM-Ach­tel­fi­nale gegen Schweden zeigte, dass Zin­chenko auch auf diesem Level indi­vi­duell zu den Besten gehört. Sollte er die Ukraine gegen den Favo­riten aus Eng­land nun ins EM-Halb­fi­nale führen, dürfte der Trubel um den eins­tigen Kriegs­flücht­ling größer werden.