Das Jahr Jahr 9, fast 2000 Jahre vor der abge­lau­fenen Fuß­ball­saison, die Welt hatte den Schock der Kreu­zi­gung von Gottes Sohn noch vor sich, als in Rom der große Kaiser Augustus laut über seinen Heer­führer im fernen Ger­ma­nien seufzte: Oh Varus, gib mir meine Legionen wieder!“ Dort, genauer: auf den Fel­dern nord­öst­lich von Osna­brück, hatte sich kurz zuvor in einem blu­tigen Gemetzel mit über 10.000 Toten das Schicksal der deut­schen Nation ent­schieden.

Wer weiß, hätte dieser Varus nicht sieges- und vom wür­zigen Honig­wein betrunken unsere Vor­fahren unter­schätzt, hießen heute die deut­schen Fuß­baller bei der EM 08 viel­leicht Mate­razzi und Camo­ra­nesi und nicht Schwein­s­teiger und Leh­mann, wir müssten statt Bier Barolo trinken, statt Brat­würst­chen… Genug der abschwei­fenden Kon­junk­tive. Wahr­schein­lich gäbe es dann gar keine Euro“, son­dern nur natio­nale ita­lie­ni­sche Meis­ter­schaften – von Lis­sabon bis Moskau! Das über­mäch­tige Rom zog sich wegen der nie­der­schmet­ternden Pleite aber hinter Rhein und Donau zurück, baute eine schnu­cke­lige Mauer namens Limes und ließ unsere Ahnen – Armi­nius und seinen wilden Gue­ril­leros sei’s gedankt – sich fortan gegen­seitig die Köpfe ein­schlagen.

Dass heute mitten zwi­schen mär­chen­haft anmu­tenden Ansied­lungen wie Mal­garten, Grü­ne­gras und Kalk­riese immer noch ein ganz beson­deres Völk­chen behei­matet ist, bewiesen die Nach­fahren des ger­ma­ni­schen Heer­füh­rers im 30.000 Ein­wohner zäh­lenden Pro­vinz­städt­chen Bram­sche als Prot­ago­nisten in einem Alb­traum, den auch der Meister cine­as­ti­scher Nacht­mahre, Terry Gil­liam („Brazil“, Twelve Mon­keys“), nicht schau­rig­schöner hätte aus­he­cken können. Und Rocky“, die Du-hast-keine-Chance-also-nutze-sie“-Filmreihe mit Syl­vester Stal­lone, ver­küm­mert gegen­über der Leis­tung des 1. FCR 09 Bram­sche in der Bezirks­ober­liga Weser-Ems zur braven deut­schen TV-Schmon­zette.

30 blu­tige Spiel­tage lang haben sich die Mannen des zuvor all­seits respek­tierten Rasen­sport­ver­eins in der 6. Liga in die mar­tia­li­schen Abgründe der Fuß­ball­sprache gefum­melt, haben sich zum Wohle des Ver­eins auf dem Feld der Träume abschlachten lassen, wurden mas­sa­kriert, in Grund und Boden gehauen, lächer­lich gemacht. Hatten sich in jedem Spiel wie einst die Eis­ho­ckey­spieler der CSSR im legen­dären olym­pi­schen End­spiel 1968 nach dem Ein­marsch der Sol­da­teska des Ost­blocks in Prag gegen das über­mäch­tige Team der UdSSR in jeden Schuss geworfen, gehechtet, gegrätscht. Jedoch ohne den glück­li­chen Aus­gang, der der fre­ne­tisch nach vorn gepeitschten Mann­schaft der Tsche­cho­slo­wakei beschieden war. Die Bram­scher hatten Ergeb­nisse von bis zu 0:16 und 0:17 kas­siert. Auch gegen Mit­ab­steiger SSV Jed­deloh kam man in Hin- und Rück­spiel auf 1:18 Tore. Die gesamte Saison wurde mit 0 Punkten beendet! Und 5:271 Toren!

Selbst wohl­wol­lende Rentner im Städt­chen schweigen seltsam laut, wenn man sie über ihren“ Verein befragt. Sie atmen fei­xend, selten bos­haft, aber lächeln schräg: Kein Wunder, denen ist doch der kom­plette Vor­stand und die Mann­schaft weg­ge­laufen. Die Mann­schaft sogar zwei Mal!“, erfährt man auch schon mal unge­fragt. Der emo­tio­nale Stau sucht sich seinen Weg nach draußen. Zum Bei­spiel bei Addi Grote (74), seit 55 Jahren Ver­eins­mit­glied: So eine vers… Saison hab ich in all den Jahren noch nicht erlebt!“ Jedes Wort presst er gera­dezu durch seine Zähne. Weh tut schon manchmal die Häme der Nach­bar­schaft“, stöhnt Willi Johan­nes­dotter (69), der mit seiner Frau bei Wind und Wetter auch zu jedem Aus­wärts­spiel mit­ge­fahren ist. Fast jedem Spiel“, räumt er iro­nisch ein, um gleich übers vor­letzte Aus­wärts­spiel in Emstek zu par­lieren: Wir trafen uns mit der Mann­schaft am Klub­haus, und als meine Frau sah, dass gerade mal elf Spieler mit­fahren wollten und welche, hat sie zum ersten Mal gesagt: ›Nee, Willi, lass man, wir machen es uns heute mal zu Hause schön…‹“ Das Spiel ging 0:17 aus! Unser Ersatz­tor­wart André Juraschka musste Mit­tel­stürmer spielen“, ver­tei­digt Fuß­ball­ob­mann Frank Bar­ren­pohl. Woche für Woche treten wir nun seit Beginn der Rück­runde mit einem wild zusam­men­ge­wür­felten Haufen von Kreis­klas­se­spie­lern, Alten Herren und A‑Jugendlichen an. Der zah­len­mäßig größte Kader, der je in der Bezirks­ober­liga gemeldet wurde, ver­mute ich. Ins­ge­samt 40 Spieler sind auf­ge­laufen. Das haben die nur für den Verein auf sich genommen“, schwärmt er. Ich bin unglaub­lich stolz auf diese Mann­schaft, auf den Zusam­men­halt, den wir inzwi­schen wieder haben!“

Gemeinsam mit seinem Bruder Thomas, der wie viele andere alt­ge­diente Mitt­vier­ziger aus Liebe zum Klub noch mal die Stiefel in der nun viel zu hohen Spiel­klasse schnürte, und dem Ex-Bür­ger­meister Schulze ver­su­chen sie auf admi­nis­tra­tiver Ebene, die Karre aus dem Dreck zu ziehen: Wir haben mitt­ler­weile 32 neue Spon­soren gewonnen. Die Bram­scher Geschäfts­welt steht zu uns. Und wir haben 80 bis 100 Zuschauer pro Heim­spiel – trotz der Ergeb­nisse“, schil­dert er hoff­nungs­froh. Warum dann aber selbst diese treuen Spon­soren das letzte Heim­spiel gegen Falke Stein­feld durch Nich­tan­kün­di­gung kom­plett aus dem Orts­bild ver­bannt haben, kann der sonst so elo­quente Fuß­ball­ob­mann nur ver­muten: Viel­leicht schämen sie sich nach dem 0:17 doch ein wenig…“

Das Sta­dion des 1. FCR Bram­sche liegt mit seinen drei gepflegten Rasen­plätzen an der Jahn­straße in Ruf­weite des berühmten his­to­ri­schen Schlacht­feldes. Zu Beginn der Saison hatte der alte Vor­stand den Trainer und die 1. Mann­schaft ins Klub­heim geladen und ihnen über­ra­schend mit­ge­teilt, dass in der Ver­eins­kasse trotz zahl­rei­cher Spon­soren Ebbe herr­sche. Grund: Ver­säum­nisse der Ver­gan­gen­heit erfor­derten hohe Steu­er­nach­zah­lungen. Gerüchte machten schnell die Runde, spra­chen von rui­nösen 500.000 Euro. Das Zehntel, das fak­tisch etwa übrig blieb, war dann immer noch schlimm genug: Mann­schaft und Trainer traten noch am selben Abend geschlossen aus, obwohl etliche dar­unter waren, die man bei ihrer Ehre hätte packen können“, wie Frank Bar­ren­pohl glaubt. Da waren Spieler drunter, die im Verein groß geworden sind und die, wenn man sie früh­zeitig über den Zustand des Ver­eins auf­ge­klärt hätte…“ Hätte“ und wäre“ waren jedoch für den Spiel­be­trieb in der 6. Liga zu wenig.

Eine spiel­starke 4. Her­ren­mann­schaft aus Spät­aus­sied­lern, die nach einem Jahr Mit­glied­schaft im Verein gerade in die 1. Kreis­klasse auf­ge­stiegen war, sollte und wollte es richten. In der Win­ter­pause, als der Verein sich gerade kon­so­li­dierte, machten Drei­viertel dieses Teams schlapp. Derbe Nie­der­lagen, jeden­falls wenn man sie ständig selbst kas­siert, sind für die Fuß­bal­ler­seele eben doch zer­mür­bend. Den­noch ist der neue Vor­stand auch diesen mit den dra­ma­ti­schen Nie­der­lagen über­for­derten Spie­lern sehr dankbar. Auch sie haben durch ihren anfäng­li­chen Eifer den gefürch­teten Zwangs­ab­stieg in die 2. Kreis­klasse mit ver­hin­dert.

In diesem Augen­blick ent­schied sich das Schicksal des Ver­eins: Es gab keine Aus­sicht auf Erfolg, keine Lor­beeren zu ernten, kein Schul­ter­klopfen, keine Aner­ken­nung von Arbeits­kol­legen und Mit­schü­lern. Wie einst Leo­nidas, der mit einer Hand­voll Spar­taner dem hun­dert­tau­send Mann starken Heer der Perser bei den Ther­mo­pylen die Stirn bot, warfen sich Alte Herren und Jugend­liche ohne Unter­stüt­zung durch Edel­söldner in die Schlacht. Das war manchmal schon ganz schön nervig“, räumt Jörg Kan­del­hart (44), Schütze des ein­zigen Rück­run­den­tores, ein. Ich arbeite in einer Tape­ten­fa­brik, und einige meiner Kol­legen spielen höher­klassig. Da kannste dir vor­stellen, was da zu Teil abging, wenn ich mon­tags nach einer Klat­sche zur Arbeit kam! Aber ich bin sooo stolz! Zeig mir den Verein, der so was hin­kriegt! Wo 18- und 45-Jäh­rige so zusam­men­halten und das über sich ergehen lassen…“ Und warum das Ganze?

Gegen Falke Stein­feld wird der Grund augen­schein­lich und ist außerdem im Sta­dion zu ver­nehmen, wenn man sich zwi­schen hei­mi­schen und geg­ne­ri­schen Zuschauern bewegt. Wäh­rend näm­lich das Bezirks­ober­li­ga­spiel auf dem kleinen Neben­platz aus­ge­tragen wird, spielen die Kids im großen Sta­dion – wie anderswo auf einem Bolz­platz, wild und unge­zü­gelt und hem­mungslos in Euro­pa­po­kal­t­räumen schwel­gend! Es ist dieser Nach­wuchs, auf den alle hoffen und für den alle in die Bre­sche springen: Wir haben eine gute B- und C‑Jugend und ein paar sehr talen­tierte A‑Jugendliche. Die sollen es mal besser haben, eine Per­spek­tive behalten, wenn sie sich an den Verein binden.“ Diesen Satz hört man wie aus­wendig gelernt von allen, vom Vor­stand, dem Trainer, Spie­lern – und auch Fans.

Das 0:2 gegen die Sport­ver­ei­ni­gung Aurich ist das Ereignis der Saison

Die Pau­sen­an­sprache des Trai­ners Andreas Steinke fällt in diesem letzten Heim­spiel gegen Stein­feld außer­ge­wöhn­lich eupho­risch aus, denn es steht nach der 16:1‑Hinspielniederlage zur Halb­zeit nur 0:0: Mann, ihr steht total gut! Ihr lauft mit, nehmt euch keine Aus­zeit wie in den vor­he­rigen Spielen. Die sind total nervös. Denen ver­springen die meisten Bälle. Werdet mir jetzt nur bloß nicht grö­ßen­wahn­sinnig! Denkt an das Spiel gegen Aurich!“ Ein Aus­ru­fe­zei­chen, das auch viele Zuschauer setzen. Denn das 0:2 gegen die Sport­ver­ei­ni­gung Aurich wird von allen als großes Ereignis der abge­lau­fenen Saison genannt. Und man­cher schiebt das 1:3 gegen Brake noch gleich hin­terher, um zu betonen, dass das Spiel gegen die Ost­friesen keine Stern­schnuppe war. Gegen Aurich schaffte es das Team, bis kurz vor Schluss torlos über die Runden zu kommen. Alle tippten schon auf ein Unent­schieden, den ersten Punkt! Es ver­steht sich von selbst, dass das 0:1 in der 78. Minute dann völlig zu Unrecht fiel“ und uns das Genick brach“.

Ähn­liche Argu­mente finden beim letzten Heim­spiel die Fans des 1. FCR 09, nachdem Falke Stein­feld wieder ein däm­li­ches Tor, das nicht nötig war“, schoss und schließ­lich Tor­wart Dennis Klune doch noch sieben Mal zu einer ver­trauten Hand­lung zwingt. Unsere beiden besten Spieler mussten auch ver­letzt in der Kabine bleiben“, wird am Ende das Ergebnis schön­ge­redet, so dass beim neu­tralen Beob­achter der Ein­druck zurück­bleibt, dass Nie­der­lagen – siehe WM-Halb­fi­nale 2006 Deutsch­land gegen Ita­lien – manchmal größer sein können als Siege. Das wird vor allem im Kon­trast zum Stein­felder Anhang deut­lich, der auf Grund einer extremen Erwar­tungs­hal­tung schon nach dem 0:0‑Halbzeitstand miss­ge­launt die eigene Mann­schaft bepö­belt.

Wäh­rend im 20 Kilo­meter ent­fernten Erz­bistum Osna­brück auf dem 97. Katho­li­schen Kir­chentag Zehn­tau­sende beim Abschluss­got­tes­dienst unter anderem der Hei­ligen gedenken, findet für das zusam­men­ge­wür­felte Bram­scher Team gegen Stein­feld das Mar­ty­rium einer ver­korksten Saison seinen Schluss­punkt. Dass ihm vom Klerus dafür der Mär­ty­rer­status zuge­standen wird, ist nur ein blas­phe­mi­scher Tag­traum. Dass aber irgendwo im Sta­dion an der Jahn­straße ein kleiner Gedenk­stein für die 40“ auf­ge­stellt wird oder gar der kleine Schlacht­platz“ neben dem Sta­dion ihren Namen erhält, liegt in der Oblie­gen­heit der Mit­glie­der­ver­samm­lung. Oder werden dazu erst die Urahnen in 2000 Jahren in der Lage sein…?