Neben Ihnen zielte auch auf Michael Zorc sehr viel Kritik ab. Da gab es mas­sive Schelte und die For­de­rung, ihn ablösen zu lassen. Wie ist das jetzt aktuell: Läuft Michael Zorc die kom­mende Saison auf Bewäh­rung?

Hans-Joa­chim Watzke: Davon halte ich über­haupt nichts, von so einer Bewäh­rung“.

Sein Ver­trag läuft ja aus.

Ja, aber das ist ja geklärt. Es laufen beide Ver­träge aus, der von Thomas Doll und der von Michael Zorc. Beide haben aber auch den Wunsch geäu­ßert, dass wir uns im Winter zusam­men­setzen. Da hast Du dann auch die Mög­lich­keit, spe­ziell die Zusam­men­ar­beit Doll-Zorc ein biss­chen zu reflek­tieren, und dafür werden wir uns dann zusam­men­setzen. Ich halte es grund­sätz­lich so, dass ich mich erst einmal vor jeden Mit­ar­beiter stelle, das ist ohnehin klar. Und ich habe nie ver­standen, dass die glei­chen Leute – oder ein Teil von ihnen –, die sich jetzt der­maßen schüt­zend vor Lars Ricken stellen, dies nicht auch bei Michael Zorc getan haben. Dann der hat die glei­chen – genau die glei­chen – Attri­bute, die auch Lars Ricken hat. Er ist auch ein Ur-Dort­munder, hat nir­gendwo jemals für einen anderen Club gespielt, aber auf ihn ist eine Kritik nie­der­ge­pras­selt, die seiner Vita und seinem Profil in keins­ter­weise gerecht geworden ist. Und da habe ich dann natür­lich auch mich in der Ver­ant­wor­tung gesehen, ihn massiv zu schützen. Ich habe ihm aber auch, was ich immer schon gemacht habe, den ein oder anderen Hin­weis gegeben, denn es ent­sprach ja nicht der Tat­sache, dass ich nicht Michael Zorc oft genug ermun­tert hätte, auch in die Öffent­lich­keit zu treten mit seinen Ideen und seinem Wirken. Aber er ist da eben auch ein anderer Typ, das war er schon als Spieler, und das hat er dann als Sport­di­rektor so wei­ter­ge­macht. Er hat jetzt im Laufe dieses Pro­zesses das dann auch end­lich sehr gut ver­in­ner­licht, dass er sich auch verbal äußern und von der Öffent­lich­keit her wahr­ge­nommen werden muss. Aber Michael Zorc wird nie ein Popu­list. Und das ist eigent­lich nach meiner Beur­tei­lung für diese Posi­tion auch gut so. Aber er muss sich dann der Öffent­lich­keit mehr stellen und das tut er mitt­ler­weile auch.

Wie haben Sie dies­be­züg­lich die Rolle des kol­por­tierten Schat­ten­ka­bi­netts“ wahr­ge­nommen? Es hieß ja, dass es Bestre­bungen gäbe, Michael Zorc durch Michael Rum­me­nigge zu ersetzen.

Es ist natür­lich klar, dass Du in so einer Posi­tion, in der ich jetzt bin, per­ma­nent Leute hast, die Dir ver­su­chen, irgend­welche anderen zu emp­fehlen. Das gehört ein­fach zum Tages­ge­schäft dazu, das ist völlig klar. Das ist ja dann auch in der Regel nicht direkt pas­siert, son­dern indi­rekt, aber ich glaube, dass das auch nicht so mani­fest und durch­dacht war. Grund­sätz­lich ist es ein­fach so, dass die Leute da mög­li­cher­weise auch unter­schätzt haben, dass ich da doch auch ein gewisses Stand­ver­mögen habe. Auf der anderen Seite ist es auch so: Michael Rum­me­nigge ist ein guter Typ, und ich habe mit ihm ein exzel­lentes Ver­hältnis, da hat ja das eine mit dem anderen nichts zu tun. Nur ent­schei­dend ist, dass ich der Mei­nung war und bin, dass der Michael Zorc das ordent­lich gemacht hat, aber das ist keine Dis­qua­li­fi­ka­tion für irgend­je­mand anders.
Wenn Du in einer schwie­rigen Phase steckst gibt es keine Ein­flüs­terei“

Hatte diese Situa­tion damals nicht schon eine andere Qua­lität als andere in der Ver­gan­gen­heit? War da nicht schon mehr dran?

Weiß ich nicht. Das kann ich nicht sagen. Es ist natür­lich grund­sätz­lich so: Wenn Du in einer schwie­rigen Phase steckst, wie bei­spiels­weise vor zwei­ein­halb Jahren, gibt es keine Ein­flüs­terei. Da wollte keiner was mit der ganzen Geschichte zu tun haben. Als Zei­chen der zuneh­menden wirt­schaft­li­chen Gesun­dung, die man ja jetzt auch am abge­lehnten Transfer von Dede ermessen konnte, ist es natür­lich auch klar, dass Borussia Dort­mund wieder attrak­tiver geworden ist. Und da kommen auto­ma­tisch auch Begehr­lich­keiten. Das weiß man, und das muss man ein­schätzen können. Und dass der ein oder andere, der viel­leicht vor zwei­ein­halb Jahren – wenn man nach seiner Mit­ar­beit gefragt hätte – schnell in die andere Rich­tung gelaufen wäre, nun ver­sucht, sich in irgend­einer Weise wieder anzu­dienen, das ist auch klar. Aber ich halte immer etwas von schlanken Struk­turen und nichts davon, wenn zu viele rum­quat­schen“. Die Stärke von Borussia Dort­mund hat sich in der Krise Ende März auch darin bewiesen, dass die han­delnden Per­sonen die unein­ge­schränkte Unter­stüt­zung der Gre­mien hatten – in kom­pletter Art und Weise und bei­spiel­haft. Von Rein­hard Rau­ball, aber auch von anderen. Wenn ich erlebe, wie das in anderen Clubs der Fall ist: Da hat dann jedes zweite Auf­sichts­rats­mit­glied gemü­ßigt gefühlt, Inter­views zu geben. Das ist immer ganz gefähr­lich, weil: Dann bist Du nicht mehr hand­lungs­fähig und kannst das auch nicht mehr steuern über die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­schiene. All das ist bei Borussia Dort­mund bei­spiel­haft. Intern wird bei uns sehr häufig und auch kon­tro­vers dis­ku­tiert, aber das dringt dann nie nach außen bei uns. Und das ist auch gut so.

Mitten in der Har­monie und Euphorie zum Sai­son­start gab es auf einmal Kritik an den hohen Dau­er­kar­ten­zahlen. Die sind gerade nach der abge­lau­fenen Spiel­zeit zwar etwas sehr ein­drucks­volles, aber haben auch zur Folge, dass die gesamte Süd­tri­büne jetzt aus­ver­kauft ist und es für Nicht-Dau­er­kar­ten­in­haber nicht mehr mög­lich ist, an Süd-Karten zu kommen. Wie sehen Sie das? War das richtig?

Das haben wir im Vor­feld auch dis­ku­tiert. Aber genauso kannst Du ja auch Kritik daran üben, dass die­je­nigen, die das ganze Jahr dabei sein wollen, dann keine Karte mehr kriegen wegen den­je­nigen, die sich viel­leicht nur die Rosinen raus­pi­cken und die Karten viel­leicht sogar bei Ebay rein­stellen. Das ist ja das genaue Gegen­teil. Es gibt für beide Seiten Argu­mente, das ist gar keine Frage, aber wir haben uns so ent­schieden, dass wir dem­je­nigen, der sagt, Ich will das ganze Jahr Borussia Dort­mund auf der Süd­tri­büne sehen.“, die Prio­rität zumessen. Ich kann auch den­je­nigen ver­stehen, der sagt, Ich komme aus 400 Kilo­me­tern Ent­fer­nung und kann nur zwei- oder dreimal im Jahr kommen“, aber da halte ich dann auch gegen: Es wird nie das Para­dies auf Erden geben. Dann muss man eben, wenn man nur zweimal oder dreimal im Jahr kommen kann, auch mal bereit sein, auf einen anderen Platz umzu­steigen.

Es wurde dazu dann ja auch noch eine Sitz­platz­re­ge­lung für ver­bil­ligte Jugend­karten geschaffen. Betrifft die jedes Spiel? Oder nur solche, bei denen sich die ent­spre­chenden Karten ohnehin nicht ver­kaufen?

Diese 500 Karten betreffen jedes Spiel.

Mal ein biss­chen etwas anderes, wenn es auch die­selbe Rich­tung geht: Wäre es nicht zu über­legen, die Kar­ten­preise ins­ge­samt in den Ecken zu senken? Wenn man mal da oben gesessen hat und die Sicht mit Karten der­selben Kate­gorie auf den Unter­rängen ver­gleicht, ist da schon ein deut­li­cher Unter­schied. Oder kurz: Die Karten in der Ecke sind über­teuert.

Gut, wir müssen viel­leicht ins­ge­samt mal diese Preise über­prüfen. Aber ins­ge­samt sind wir im Bun­des­liga-Schnitt viel­fach güns­tiger als die Kon­kur­renz, das muss man auch mal sehen. Wir werden das irgend­wann mal genauer über­prüfen, jeden­falls ist aber der Markt in den Ecken durchaus da, gerade bei denen, die der Süd­tri­büne am nächsten liegen. Und die schwie­rigste Ecke ist sicher­lich die Nordost-Ecke, die auch oft mit Gästen gefüllt ist und die viele dann auch meiden. Es gibt ins­ge­samt natür­lich immer Ver­bes­se­rungs­po­ten­tial, aber allen gerecht wirst Du so oder so nicht. Das ist auch klar.

Du kannst dann nicht mehr nur Fan sein„

Es soll in naher Zukunft ein Fan­be­auf­tragter instal­liert werden. Wie kam über­haupt die Idee zustande, dass dieses Jahr end­lich zu machen?

Das ist nicht nur eine Idee. Ers­tens schreibt die DFL das ja mehr oder weniger vor und macht da auch deut­liche Hin­weise, dass dieser Fan­be­auf­tragte dann auch dafür da ist, dass er vor Ort bei Spielen tätig ist. Das ist ein anderes Anfor­de­rungs­profil, als das bei­spiels­weise die Frau Stüker (aus der Fan­club-Betreuung des BVB, Anm. d. Red) hat, die ja nun auch noch ein paar andere Auf­gaben hier im Hause hat und die ja nun auch nicht diese bra­chiale Durch­set­zungs­fä­hig­keit auf­weist, die Du da viel­leicht mal haben musst. Oder die anderen Fan­club-Beauf­tragten, die ehe­ma­ligen Spieler (Aki Schmidt und Siggi Held, d. Red.), die das auch nicht können. Die haben andere Auf­gaben. Und des­halb ist da ein­fach eine Vakanz. Und weil wir auch in der letzten Saison gesehen haben, dass wir einen Haupt­sponsor haben, der – ganz anders als früher – solche Dinge auch enorm för­dert, ist da ein­fach orga­ni­sa­to­risch viel Bedarf. Vor allem wenn solche großen Gruppen reisen, wie zuletzt nach Berlin oder Wolfs­burg, ist es wichtig, dass vor Ort ein Ansprech­partner da ist. Und es ist ja so, dass wir in der schwie­rigsten Zeit hier jede Posi­tion über­prüft und rigoros zusam­men­ge­stri­chen haben – alles, was für den Kreis­lauf nicht lebens­wichtig war, ist eli­mi­niert worden. Da sagen wir dann jetzt: Wir müssen auch die wirt­schaft­li­chen Mög­lich­keiten, die wir jetzt wieder haben, ein Stück weit dahin­ge­hend nutzen, dass wir uns auf diesem Gebiet nach vorne bewegen.

Wie sieht das kon­krete Anfor­de­rungs­profil für so einen Mann oder so eine Frau aus?

Die Person muss mit­bringen, dass sie das Wochen­ende dem Fuß­ball opfert“ – in Anfüh­rungs­zei­chen, für mich ist das noch nie ein Opfer gewesen. Sie sollte ein gewisses Maß an Durch­set­zungs- und Orga­ni­sa­ti­ons­stärke haben, idea­ler­weise in Fan­kreisen schon ein biss­chen eta­bliert sein und auch eine klare Struk­tu­rie­rung haben in der Form, dass sich der­je­nige auch als Ange­stellter von Borussia Dort­mund emp­findet. Da braucht es dann auch ein gewisses staats­tra­gendes“ Denken. Das muss auch klar sein: Du kannst dann nicht mehr nur Fan sein. Du musst der Mittler zwi­schen beidem sein, musst Dich aber auch klar dazu bekennen, dass Pro­fi­fuß­ball auch ein Stück weit mit Kom­merz und Orga­ni­sa­tion zu tun hat.

Neu­lich war bei Borussia Dort­mund auch etwas von einer Super For­mula“ zu lesen. Einer Renn­serie mit Formel-Renn­fahr­zeugen, bei der auch ein BVB-Auto mit­fahren soll. Wie muss man sich das vor­stellen? Stellt Borussia Dort­mund da zukünftig ein kom­plettes Team? Oder geben Sie nur den Namen dazu her?

Nein, wir geben nur den Namen her, und die unter­richten uns dann immer, wie das läuft. Wir kriegen da einen deut­li­chen öko­no­mi­schen Wert für, und das ist alles. AC Milan macht da mit oder FC Porto auch, ehe­ma­lige Cham­pions-League-Sieger. Wenn das in irgend­einer Weise etwas demons­triert, dann den Bekannt­heits­grad, den wir immer noch in Europa haben. Und ich hoffe mal, dass wir nicht immer Letzter sein werden.

In zwei Jahren steht bei Borussia Dort­mund ein großes Jubi­läum an. Gibt es da schon Über­le­gungen, was das Trikot angeht, in dem zu dieser Zeit gespielt werden wird?

Nein, aber wir werden sicher­lich die Fans auch daran betei­ligen. Das hat aber allein schon damit zu tun, dass im Sommer 2009 unser Nike-Ver­trag aus­läuft. Mal gucken, was da dann pas­siert. Wir werden uns natür­lich ins­ge­samt jetzt ver­stärkt mit dem Jubi­läum beschäf­tigen.

Bei schwatz​gelb​.de haben wir zuletzt einen Trikot-Mal­wett­be­werb gestartet zu diesem Zweck, bei dem wir einige gute Ent­würfe bekommen haben und die besten auch bald zur Wahl stellen werden.

Das werde ich gut beob­achten. Rein­hard Rau­ball und ich, als jeweils die Spitzen des e.V. und der KGaA, werden jetzt in Kürze ein Fest­ko­mitee berufen und das wird auch im Herbst zum ersten Mal tagen, dass wir dann dieses Jubi­läum auch mit der ent­spre­chenden Wich­tig­keit feiern.

Wie ist denn für 2009 die Ten­denz? Bleibt es bei Nike?

Das ist völlig offen. Wir sind da nächstes Jahr in Gesprä­chen und Nike hat sicher­lich das Erst­zu­griffs­recht, das ist klar, weil sie uns auch in den letzten Jahren immer zur Seite gestanden haben, aber alles Wei­tere müssen wir dann ent­scheiden.


Ein Mann im Stress: Das Inter­view ist kaum beendet, schon hastet Hans-Joa­chim Watzke zum nächsten Termin. Wäh­rend wir noch die Treppen der Geschäfts­stelle hin­ab­steigen, ist der Geschäts­führer schon wieder außer Haus. Wir bli­cken aus dem Fenster und sehen, wie der dunkle Wagen in Rich­tung Aus­fahrt steuert. Ob der ein­ge­schla­gene Weg der rich­tige ist? Am Ende der Saison wissen wir mehr.