Sie hatten es geschafft und waren in ent­spre­chend eupho­ri­scher Stim­mung. Die jungen Him­mels­stürmer von Man­chester United, die die Fuß­ball­welt nur Busby Babes nannte, hatten erneut das Halb­fi­nale im Euro­pa­pokal erreicht, ein Unent­schieden bei Roter Stern Bel­grad hatte genügt. Diesmal sollte es besser laufen und der große Wurf gelingen. Nichts schien sie mehr auf­halten zu können, ihr großes Ziel in die Tat umzu­setzen, Real Madrid, damals das Maß aller Dinge, vom Thron zu stoßen. Am Vor­mittag des 6. Februar 1958 befanden sie sich auf dem Heim­flug und erfreuten sich am herr­li­chen Pan­ora­ma­blick über die ver­schneiten Alpen. Nur ein kurzer Tank­stopp trennte sie noch von der tri­um­phalen Rück­kehr in die kriegs­ge­beu­telte und vom wirt­schaft­li­chen Nie­der­gang gezeich­nete Indus­trie­stadt im grauen Nord­westen Eng­lands, aus deren unmit­tel­baren Nähe die meisten Spieler stammten. In nur 48 Stunden stand das Gip­fel­treffen mit Spit­zen­reiter Wol­ver­hampton Wan­de­rers auf dem Pro­gramm. Dieses viel­leicht schon vor­ent­schei­dende Spiel musste Man­chester United gewinnen, wollte es die dritte Meis­ter­schaft in Serie feiern. Ein Tag Zwangs­auf­ent­halt in Mün­chen hätte die Vor­be­rei­tungen emp­find­lich gestört. Doch auf dem Flug­hafen Mün­chen-Riem war­tete ein fürch­ter­li­ches Schicksal auf die Busby Babes, das die hoff­nungs­volle Mann­schaft mit einem Schlag zer­störte.

I’m pre­pared to go“

Neben acht mit­ge­reisten Jour­na­listen, drei Klub­of­fi­zi­ellen, zwei Mit­glie­dern der Besat­zung und zwei wei­teren Pas­sa­gieren kamen acht Spieler ums Leben: Roger Byrne (28), der cha­ris­ma­ti­sche Mann­schafts­ka­pitän, der zu den ersten modernen, offensiv aus­ge­rich­teten Außen­ver­tei­di­gern Eng­lands zählte und zu dessen Cha­rak­te­ri­sie­rung allen immer zuerst born leader“ ein­fällt. Tommy Taylor (26), Ide­al­bild des klas­si­schen Center For­wards“ mit dem typisch eng­li­schen Namen. Schon 128 Tore in 198 Spielen gingen auf das Konto des ebenso wuch­tigen wie wen­digen Bre­chers, dessen Spe­zia­lität Kopf­ball­treffer von außer­halb des Straf­raums waren. Eddie Colman (21), der klein­ge­wach­sene, rotz­freche und nim­mer­müde Mit­tel­feld­motor konnte alles außer Tore schießen. Sna­ke­hips“ wackelte beim Drib­beln mit den Hüften wie Elvis, die wenigen weib­li­chen Fans ver­göt­terten ihn. David Pegg (22), der spiel­starke und nicht nur schnelle Links­außen, der gern in die Mitte zog, galt als legi­timer Nach­folger Tom Fin­neys. Liam Billy“ Whelan (22), hätte vor einer Welt­kar­riere gestanden, wäre er nicht so langsam gewesen. Der iri­sche Natio­nal­spieler war ein Halb­stürmer mit Tor­ga­rantie, begna­deter Spiel­über­sicht und traum­haft sicherem Pass­spiel. Ver­bürgt ist, dass er als ein­ziger Pas­sa­gier unmit­telbar vor dem dritten Start­ver­such seine Todes­ah­nung äußerte: If this is the end, I’m pre­pared to go, I’m a good Catholic boy.“

Mark Jones (24) alter­nierte mit Jackie Blan­ch­flower auf dem Stop­per­posten, er bevor­zugte die defen­si­vere Inter­pre­ta­tion der Posi­tion. Ein Kerl wie ein Baum, der aber nicht nur in der Luft Über­ra­gendes leis­tete. Geoffrey Bent (25) war ein Ver­tei­diger aus dem zweiten Glied, der die Reise nur mit­machte, weil Roger Byrne ange­schlagen war. Duncan Edwards (21) schließ­lich war das Über-Babe“ und für viele Experten der kom­plet­teste bri­ti­sche Spieler, den es jemals gab. Er strotzte vor Kraft und fas­zi­nierte durch Spiel­über­sicht. Schoss Tore aus unmög­li­chen Lagen, wofür ihn die deut­sche Bou­le­vard­presse nach dem Län­der­spiel 1956 in Berlin und damit lange vor dem spä­teren deut­schen Ten­nis­star Bum Bum“ taufte, und war an Tagen, an denen die Babes völlig ent­hemmt los­stürmten, ihr Ein-Mann-Mit­tel­feld. Es ist immer wieder ver­lo­ckend, sich Spe­ku­la­tionen hin­zu­geben, wie sich die eng­li­sche Natio­nal­mann­schaft in den Six­ties ent­wi­ckelt hätte, wenn Big Duncan wei­ter­ge­lebt hätte.

Eine Schlit­ter­partie

Was als Munich Air Crash“ als eine ihrer schwär­zesten Stunden in die Fuß­ball­ge­schichte ein­ging, war, anders als oft behauptet, kein Flug, son­dern eine Schlit­ter­partie ins Ver­derben; kein Absturz, son­dern ein miss­glückter Start­ver­such. Der letzte von dreien, der nie­mals hätte gewagt werden dürfen. Fast alles sprach dagegen: Das Wetter, die schnee­be­deckte Start­bahn und ein von den Piloten zuvor bemerktes tech­ni­sches Pro­blem. Nur der ver­dammte Ter­min­plan der eng­li­schen Liga nicht.