Es läuft die 88. Spiel­mi­nute, als Filip Kostic den Ball gerade so vor dem Sei­tenaus rettet und ihn noch einmal in den Straf­raum flankt. Dort springt ein Stürmer hoch, der gerade am Tag zuvor 21 Jahre alt geworden ist und keine zwei Minuten vorher ein­ge­wech­selt wurde. Ener­gisch köpft er den Ball in die Maschen. Die Euphorie im aus­ver­kauften Ham­burger Volks­park­sta­dion an diesem ist 20. Mai 2017 gren­zenlos. Der Grund: Luca Wald­schmidt hat gerade nicht nur sein zweites Bun­des­li­gator über­haupt geschossen, son­dern auch den Ham­burger SV vor dem erst­ma­ligen Gang in die Zweit­klas­sig­keit bewahrt.

Trotz dieses wich­tigen Tores reiben sich ein Jahr später viele Beob­achter die Augen. Nach dem Abstieg des Bun­des­liga-Dinos ver­lässt der in Siegen gebo­rene Mit­tel­stürmer den Verein und schließt sich dem SC Frei­burg an. Für 5 Mil­lionen Euro. Und das, obwohl sein dama­liger Markt­wert nur die Hälfte beträgt und er wie der ganze HSV eine ent­täu­schende Saison hinter sich hat. Wei­tere zwei Jahre später steht fest: Der SC Frei­burg hat damals alles richtig gemacht.

Ein Aus­bil­dungs­verein kauft beim anderen ein

Trotz Corona-bedingter Ein­spa­rungen im Welt­fuß­ball wech­selt Luca Wald­schmidt für 15 Mil­lionen Euro zu Ben­fica Lis­sabon. Zudem würde der Sport­club an einem Wei­ter­ver­kauf par­ti­zi­pieren und 7,5 Pro­zent der fäl­ligen Ablö­se­summe erhalten. Nicht wenig Geld. Vor allem dann nicht, falls ein noch grö­ßerer Klub die im Ver­trag ver­an­kerte Aus­stiegs­klausel von 88 Mio. Euro an Ben­fica über­weisen sollte. In Lis­sabon trifft der deut­sche Natio­nal­spieler auf Julian Weigl, den der por­tu­gie­si­sche Rekord­meister bereits im Winter von Borussia Dort­mund los­eiste. Wald­schmidts ehe­ma­ligen Frei­burger Team­kol­legen Robin Koch zieht es dagegen nicht nach Lis­sabon. Er hat sich gegen einen Wechsel zu Ben­fica ent­schieden.

Den­noch: Mit dem Transfer von Wald­schmidt bleiben sich beide Ver­eine ihrer Phi­lo­so­phie treu. Die zielt darauf ab, junge ent­wick­lungs­fä­hige Spieler ein­zu­kaufen, zu ent­wi­ckeln und gewinn­brin­gend wei­ter­zu­ver­kaufen. Dabei hat es sich in der Bun­des­liga kaum ein anderer Verein in seinem eigenen Nischen­da­sein so gemüt­lich gemacht wie der SC Frei­burg. Trotz zahl­rei­cher Abgänge der besten Spieler wie Admir Meh­medi, Maxi­mi­lian Philipp oder Caglar Söyüncü geriet der Sport­club in den letzten Jahren nie in ernst­hafte Abstiegs­nöte. Auch Ben­fica Lis­sabon ver­folgt eine ähn­liche Stra­tegie. Jedoch auf einem völlig anderen Niveau.

Jugend­ar­beit als Eck­pfeiler

Unter Prä­si­dent Luís Filipe Vieira, der seit 2003 im Amt ist, defi­nieren sich die Adler eben­falls als Aus­bil­dungs­klub. Aller­dings nicht für Bun­des­li­gisten, die um Europa mit­spielen, son­dern für die ganz großen und finanz­stärksten Player im inter­na­tio­nalen Spit­zen­fuß­ball. Durch das Credo, das auf exzel­lentes Scou­ting, gezielte Spie­ler­ent­wick­lung und wirt­schaft­liche Erträge setzt, erzielte Ben­fica seit 2010 über eine Mil­li­arde Euro an Trans­fer­ein­nahmen. Ver­käufe von Top­spie­lern der Kate­gorie Àngel Di María, Jan Oblak oder Axel Witsel führten zu einer äußerst posi­tiven Trans­fer­bi­lanz von 500 Mil­lionen Euro.

Ähn­lich wie beim Bun­des­li­gisten spielt dar­über hinaus die Jugend­ar­beit eine ent­schei­dende Rolle. Wäh­rend das Nach­wuchs­leis­tungs­zen­trum des Sport­clubs nicht nur all­jähr­lich mit der Höchst­be­wer­tung aus­ge­zeichnet wird und regel­mäßig Spieler wie Mat­thias Ginter, Oliver Bau­mann oder Daniel Cali­giuri aus­bildet und wei­ter­ver­kauft, genießt auch das Trai­nings­zen­trum von Ben­fica welt­weit einen exzel­lenten Ruf. Im Caixa Futebol-Campus, der direkt am Meer in der Bucht von Seixal liegt, trai­nieren die Jugend­spieler in Sicht­weise zum Pro­fi­team und gehören in ihrer jewei­ligen Alters­klasse fast immer zu den besten in Europa. So über­rascht es nicht, dass Ben­fica seit 2006 über 400 U‑Nationalspieler her­vor­ge­bracht hat. Einige von ihnen, wie Renato San­ches, Ber­nardo Silva oder zuletzt Joao Félix spülten nach ihrem Durch­bruch im Pro­fi­team hun­derte Mil­lionen an Euro in die Kassen. Doch auch die Aus­bil­dung von weniger bekannten Spie­lern erfreut den tech­ni­schen Direktor des Campus, Pedro Mar­ques: Selbst, wenn einer von ihnen später bei einem klei­neren por­tu­gie­si­schen Verein spielt, ist das ein Erfolg.“