11 WIRD 20!

Kommt mit uns auf eine wilde Fahrt durch 20 Jahre Fuß­ball­kultur: Am 23. März erschien​„DAS GROSSE 11FREUNDE BUCH“ mit den besten Geschichten, den ein­drucks­vollsten Bil­dern und skur­rilsten Anek­doten aus zwei Jahr­zehnten 11FREUNDE. In unserem Jubi­lä­ums­band erwarten euch eine opu­lente Werk­schau mit unzäh­ligen unver­öf­fent­lichten Fotos, humor­vollen Essays, Inter­views und Back­s­­tages-Sto­­­ries aus der Redak­tion. Beson­deres Leckerli für unsere Dau­er­kar­ten­in­haber: Wenn ihr das Buch bei uns im 11FREUNDE SHOP bestellt, gibt’s ein 11FREUNDE Notiz­buch oben­drauf. Hier könnt ihr das Buch be­stellen.

Außerdem prä­sen­tieren wir euch an dieser Stelle in den kom­menden Wochen wei­tere spek­ta­ku­läre Repor­tagen, Inter­views und Bil­der­se­rien. Heute: Mythos Cosmos: Glanz und Elend der ame­ri­ka­ni­schen Ope­ret­ten­liga.

11 Freunde Das große 11 Freunde Buch Kopie

Der Frei­stoß vom Sech­zehner ging weit übers Tor. Klaus Topp­möller drehte sich um und lief zurück in die eigene Hälfte. Doch das Publikum in Dallas kreischte, als hätte der Mann aus der Vor­dereifel aus spitzem Winkel per Fall­rück­zieher in letzter Minute den ent­schei­denden Treffer erzielt. Die Zuschauer hatten vom Fuß­ball keine Ahnung. Die glaubten, ein Tor wäre, wenn der Ball wie beim Ame­rican Foot­ball über die Latte flog.“

Topp­möller war 1980 vom 1. FC Kai­sers­lau­tern nach Texas gewech­selt. Wegen einer Knie­ver­let­zung sah sich der Stürmer in Deutsch­land bereits mit dem Kar­rie­re­ende kon­fron­tiert. Doch Dallas Tor­nado, die Mann­schaft von Öl-Mil­li­ardär Lamar Hunt, der 1960 die Ame­rican Foot­ball League gegründet hatte, brauchte drin­gend einen Star.

ABC hatte soeben die TV-Rechte für die North Ame­rican Soccer League (NASL) erworben. Es schien, als könnte Soccer dem Dis­co­t­rend nach­folgen – und das nächste heiße Ding werden. Und zumin­dest an der Ost­küste eilte den New York Cosmos der Ruf als Dream­team der neuen Fuß­ball-Ästhetik voraus.

Topp­möller spielte mit offenen Karten: Einen Orkan würde der ange­schla­gene 29-Jäh­rige auf dem Spiel­feld bei Tor­nado nicht mehr ent­fa­chen. Ich konnte kaum schmerz­frei auf­treten.“ Aber Hunt wollte das deut­sche Locken­köpf­chen. Und ein Mann wie er dul­dete keine Absagen, also bekam er seinen Star. Topp­möl­lers fuß­bal­le­ri­sche Qua­li­täten spielten bei dem Deal keine Rolle mehr: Ver­trag­lich erhielt der Deut­sche das Recht zuge­si­chert, in jedem Spiel nach 30 Minuten aus­ge­wech­selt zu werden. Am Trai­ning brauchte er über­haupt nicht teil­zu­nehmen. Im Halb­fi­nale der Play-Offs spielten wir gegen Cosmos. Vor mir tän­zelte Franz Becken­bauer in die Arena und ich hinkte mit einem dickem Ver­band hin­terher, wäh­rend der Sta­di­on­spre­cher brüllte: Ladies and gen­tlemen, from West-Ger­many, Klaus Toppi‘ Topp­muuel­leer.“ Herz­lich will­kommen in der Traum­fa­brik des Fuß­balls.

Wichtig: ange­mes­sene Ver­mark­tung

Der Mann aus Rivenich war einer von vielen kleinen und großen Fuß­ball­stars aus Europa, die in der Boom-Zeit der NASL dem Lockruf des Geldes über den großen Teich folgten. Bis 1975 fris­tete die 1968 ins Leben geru­fene Liga noch ein tristes Dasein auf High-School-Sport­plätzen und in Vor­stadt­sta­dien. Auch sieben Jahre nach dem Start der Pro­fi­klasse bestanden die meisten Kader nur aus Stu­denten und Teil­zeit­kräften. Nichts deu­tete darauf hin, dass sich daran etwas ändern würde. Der Zuschau­er­schnitt in der NASL lag im Jahr 1974 bei 5954. Ein Rekord in der jungen Liga­ge­schichte.

Der Mann, der den Sport aus seiner Nische holen sollte, pro­du­zierte von Berufs wegen Stars. Der Chef des Medi­en­kon­zerns Warner Com­mu­ni­ca­tions, Steve Ross, hielt sich die New York Cosmos seit 1971 als sein exklu­sives Spiel­zeug. Seine Geschäfts­freunde Ahmet und Nesuhi Ertegün, die Gründer von Atlantic Records, hatten dem Fuß­ball-Laien dazu geraten. Die beiden Türken liebten Fuß­ball und ihr cle­verer Geschäfts­sinn ließ sie glauben, dass mit Soccer die Hege­monie der hei­ligen Trias von Base­ball, Bas­ket­ball und Foot­ball als medi­en­kom­pa­tible Sport­arten zu durch­bre­chen sei. Wichtig war dabei nur, das Spiel ange­messen zu ver­markten.

Eine ein­fache Formel

Für Auf­sehen hatte der Verein bis dahin nur einmal gesorgt: Als Cosmos-Keeper Shep Mes­sing für das Erotik-Magazin Viva“ posiert und seine Männ­lich­keit dort weich gezeichnet den Lesern feil­ge­boten hatte. Die Ver­eins­füh­rung sah die Anstands­re­geln ver­letzt und sus­pen­dierte den Har­vard-Absol­venten vor­über­ge­hend. Immerhin besaß Cosmos fortan ein Image – ein sel­tenes Gut in dieser Phase: Bei Aus­wärts­spielen der Männer vom Big Apple segelten auf­blas­bare Puppen von den Rängen.

Wenn Steve Ross etwas machte, dann richtig. 1975 nahm er die Sache selbst in die Hand. Vom Fuß­ball hatte er keine Ahnung, also ent­wi­ckelte der mäch­tige Warner-Boss ein simples Prinzip zur Gewinn­ma­xi­mie­rung mit dem Fuß­ball­verein. Die ein­fache Formel: Kauf die berühm­testen Namen im Welt­fuß­ball – und deine Mann­schaft wird die größte Attrak­tion des Uni­ver­sums. Die New York Cosmos sollten nicht länger elf Männer und ein Fuß­ball sein. Ross wollte eine Boy­group in Shorts, eine Garde aus Pop­stars, keine Metro­po­liten mehr, son­dern schon Kos­mo­po­liten. Eine Truppe larger than life – größer als das Leben.