Seite 2: „Sie wollen mich weinen sehen“

Der Trai­nings­streik ent­wi­ckelt sich zur Staats­af­färe. Prä­si­dent Nicolas Sar­kozy beauf­tragt Sport­mi­nis­terin Rose­lyne Bachelot, den Skandal in Süd­afrika auf­zu­klären. Die Repu­ta­tion unseres Landes ist in Gefahr“, sagte diese nach Gesprä­chen mit Rädels­führer Evra und anderen Betei­ligten. Diese Spieler sind nicht länger Vor­bilder für Frank­reichs Jugend. Sie haben die Träume ihrer Lands­leute, Freunde und Anhänger zer­stört.“

Liliam Thuram, Teil der Welt­meis­terelf von 1998, for­derte öffent­lich, Evra auf Lebens­zeit aus der Natio­nalelf zu ver­bannen. Die Sport­zei­tung L’Équipe“ kom­men­tierte: Evra hat die Funk­tion eines Mann­schafts­ka­pi­täns mit der Rolle eines Gang-Lea­ders ver­wech­selt. Er besitzt weder die Größe noch das Cha­risma oder die Aura für die Kapi­täns­binde.“

Evra vs. Suarez

Anelka, der Stein des Anstoßes, bekam eine Sperre von 18 Spielen auf­ge­drückt, Evra durfte fünf Par­tien nicht mit­wirken. Und verlor die Kapi­täns­binde, die er seitdem im Natio­nal­trikot nicht mehr trug. Seinen starken Cha­rakter hat Evra durch die Affäre nicht ver­loren. Im Gegen­teil. 2012 sorgte er erneut für Schlag­zeilen. Bei einem Spiel zwi­schen Man­chester United und Liver­pool wurde der Fran­zose mit sene­ga­le­si­schen Wur­zeln von Luis Suárez ras­sis­tisch belei­digt – beim nächsten Auf­ein­an­der­treffen ver­wei­gerte Evra ihm den Hand­schlag. Eine Geste, die mil­lio­nen­fach im Internet geteilt und öffent­lich dis­ku­tiert wurde.

Trotz aller Kritik blieb Evra auch in der Natio­nalelf stets in einer Füh­rungs­rolle. Franck Ribéry erin­nert sich, wie Evra bei einem WM-Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiel gegen Weiß­russ­land 2013 in der Halb­zeit laut wurde. Frank­reich lag 0:1 zurück, bis der Ver­tei­diger eine Ansprache unter Män­nern“ (Ribéry) hielt – die Fran­zosen kamen mit Schaum vor dem Mund aus der Kabine und siegten mit 4:2.

Evra selbst sieht die Dis­kus­sion um seine Ver­gan­gen­heit im Natio­nal­trikot prag­ma­tisch: Ich brauche nicht das Kapi­tänsamt, um meine Rolle auf dem Platz und in der Kabine aus­zu­füllen.“

Er nahm Pogba unter seine Fit­tiche – und tanzte mit ihm

Auch 2016 füllt der Ver­tei­diger unter Didier Deschamps, der Evra von 2002 bis 2005 bereits beim AS Monaco trai­nierte, sein Amt als Anführer per­fekt aus. Jung­star Paul Pogba nahm der Alt-Inter­na­tio­nale unter seine Fit­tiche; in Inter­net­vi­deos tanzen die beiden zusammen im Mann­schafts­hotel, nach dem Sieg gegen Deutsch­land inter­viewten sich die beiden Spieler von Juventus Turin für einen TV-Sender gegen­seitig auf Ita­lie­nisch.

Ich bin stolz auf meine Team­kol­legen“, sagte Evra nach dem Halb­fi­nal­sieg. Sie geben ihr Bestes, um mich nach einem EM-Tri­umph weinen zu sehen.“ In Paris könnte es nun so weit kommen. Wenn Patrice Evra, der eins­tige Staats­feind, für seine Farben im Stade de France kämpft.