Seite 4: „Zeugwart würde ich gerne machen“

In der Bild“-Zeitung stand, Sie lebten damals in einer Ein­zim­mer­woh­nung und gingen in Second-Hand-Läden ein­kaufen. War das Gehalt so schlecht?
Ich lebe heute noch in einer Ein­zim­mer­woh­nung. Ist doch okay. Ich kann mich eh nur in einem Zimmer auf­halten. Die Second-Hand-Sache stimmt nicht ganz. Ab und zu schauten wir bei Sergej Bar­barez oder anderen HSV-Profis, was die so tragen. Die Ernüch­te­rung kam dann in den Bou­ti­quen: 800 Euro für eine Hose? Nur weil die von Dolce & Gab­bana ist? Sind die wahn­sinnig? Ich bin dann meis­tens zu H&M gegangen und habe mir eine ähn­liche Hose gekauft.

Ist Ihnen Geld wichtig?
Natür­lich würde ich gerne Sicher­heiten haben und einen unbe­fris­teten Arbeits­ver­trag. Aber ich brauche keinen Luxus. Ich glaube auch, dass der Satz Je rei­cher, umso gei­ziger“ wahr ist. Als ich selbst gutes Geld ver­diente, habe ich viel mehr drauf geachtet, bloß nicht zu viel aus­zu­geben.

Als Sie vor einigen Monaten als Bus­fahrer anfingen, berich­teten viele Medien dar­über und ver­öf­fent­lichten auch Ihr Gehalt.
Das ist ein deut­sches Ding. Was macht der Nachbar? Was ver­dient er? Wel­ches Auto fährt er? Es kann halt nicht jeder nach der Pro­fi­kar­riere Spie­ler­be­rater, Manager oder Prä­si­dent werden. Manche werden Lehrer wie Knut Rein­hardt, einige Maler wie Rudi Kargus. Andere Bus­fahrer. Ich bin immer gerne Auto gefahren.

Hatten Sie nie Lust, im Fuß­ball­ge­schäft zu arbeiten?
Zumin­dest nicht in einer füh­renden Posi­tion. Dafür bin ich nicht hart genug. Ich könnte einem ehe­ma­ligen Mit­spieler nicht sagen, dass er gefeuert ist. Stani, Dicker, du bist raus!“ Geht nicht. Zeug­wart würde ich hin­gegen gerne machen.

Sie waren nach Ihrer Pro­fi­kar­riere: Küchen­hilfe, Bestatter, Paket­zu­steller, Dis­po­nent, Bus­fahrer. Wel­chen Job werden Sie garan­tiert nicht mehr machen?
Teer­ar­beiter. Der Gestank, die Hitze: unmensch­lich. Por­no­star hatte ich mal über­legt. Aber da meinte meine dama­lige Frau, das ist nichts für mich. (Lacht.)

Wann waren Sie zuletzt in einem Casino?
2007 habe ich mich bun­des­weit für alle Spiel­banken sperren lassen. Seitdem war ich nie wieder in einem Casino. Zuge­geben: Ich tippe einmal im Monat 50 Euro auf Fuß­ball­spiele. Das ist nichts im Ver­gleich zu früher.

Wie war es denn früher?
Da gab es auch mal richtig Ärger. In Ahlen wurde ich abge­zogen. Ein Bekannter, der bei der Rei­ni­gungs­firma des Ver­eins arbei­tete, hatte mich zu einer Runde ein­ge­laden. Ich sagte zu und nahm, wie immer, 1000 Euro mit. 900 in der rechten Hosen­ta­sche fürs Zocken, 100 in der linken für Getränke und das Taxi nach Hause. Auf einmal hatte ich vier Asse auf der Hand. Selt­sa­mer­weise prä­sen­tierte ein anderer einen Royal Flush, für den man auch ein Ass braucht. Es waren also fünf Asse in Umlauf. Okay“, sagte ich, das war’s für mich.“ Ich bin auf­ge­standen und gegangen. Am nächsten Tag kamen die Typen zum Trai­ning und sagten, dass ich ihnen 8600 Euro schulde. Später tauchten sie bei meiner Woh­nung auf. Ich rief also den Ver­eins­prä­si­denten Helmut Spikker an, der die Ange­le­gen­heit klären wollte.

Mit Erfolg?
Nun ja, am Ende des Monats wurden mir nur 468 Euro über­wiesen. Ich fragte, wo die rest­li­chen 8600 Euro blieben. Spikker sagte: Ach ja, damit haben wir deine Schulden bezahlt.“

Die einen kennen Sie heute als Welt­po­kal­sie­ger­be­sieger, die anderen als noto­ri­schen Zocker.
So ist das. Das Zockerimage werde ich nun nicht mehr los. Aber ich will mich nicht beschweren. Ich hätte mich ein­fach nie auf solche Runden ein­lassen sollen.

Die Zockerei hat Sie sogar Ihre Pro­fi­kar­riere gekostet: 2009 kün­digte Union Berlin mitten in der Saison Ihren Ver­trag. Sport­chef Chris­tian Beeck warf Ihnen vor, spiel­süchtig zu sein.
Beeck ist der schlimmste Mensch im Fuß­ball­ge­schäft. Als er mir damit kam, hatte ich mich längst für die Casinos sperren lassen. Ich ließ mich auch von einem Arzt unter­su­chen. Seine Dia­gnose: Ich bin nicht spiel­süchtig. Vor Gericht kam es zum Pro­zess, den ich gewann.

Nico Pat­schinski, wenn Sie heute nicht in Ham­burg Bus fahren würden, wo wären Sie gerne?
Ich wäre gerne Martin Bro­deur von den New Jersey Devils. Ein NHL-Eis­ho­ckey­tor­hüter im Ruhe­stand, der heute wieder in der Ein­sam­keit von Quebec oder am Onta­riosee in einer Holz­hütte lebt.

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