Seite 3: „Männer, wir zermürben den Gegner heute durch ständiges Toreschießen“

Wie bitte?
Als mir mein Berater das Angebot vor­legte, sagte ich: Ja, super, da habe ich schon mal mit Fürth gespielt. Das Sta­dion war schön. Und da gibt’s ja auch die Ree­per­bahn. Aber wo liegt dieses St. Pauli eigent­lich?“ Dummer Ossi halt. (Lacht.)

Wie kamen Sie mit Trainer Dietmar Demuth zurecht?
Super. Ein Knei­pen­kind wie ich – tro­ckener Humor, gute Sprüche. Die Ansprache in der Kabine vor dem Bayern-Spiel ist legendär: Männer, wir zer­mürben den Gegner heute durch stän­diges Tore­schießen.“

In der Saison wären Sie bei­nahe Natio­nal­spieler geworden. Wie kam das?
Ich spielte recht gut (Acht Tore und fünf Vor­lagen in 28 Spielen, d. Red.), und weil Carsten Jancker außer Form war, machte die Sport Bild“ eine Umfrage: Wel­cher Stürmer soll mit zur WM 2002? Da tauchte dann auch mein Name auf.

Hat sich Rudi Völler gemeldet?
Nein, aber Michael Skibbe. Aller­dings dachte ich zunächst, dass das ein Scherz­anruf ist. Ich habe mich bei Kum­pels ja auch gerne mal mit Becken­bauer“ gemeldet. Aber er war es wirk­lich. Sagte, er wollte mich ein­fach mal infor­mieren, dass ich eine Option bin, falls sich jemand ver­letzt. Letzt­end­lich fuhr Jancker aber mit zur WM.

Ihre nächste WM-Chance bekamen Sie 2006.
Eines Tages sprach mich ein Redak­teur des Maga­zins Rund“ an, für das ich damals eine Kolumne schrieb. Nico, ein Mann vom pol­ni­schen Ver­band hat ange­rufen und möchte wissen, ob du pol­ni­sche Wur­zeln hast.“ Wir fanden heraus, dass meine Oma aus Ras­ten­burg stammt. Es hat eine Woche gedauert, bis ich alle nötigen Unter­lagen für den Ver­band zusam­men­hatte.

Warum haben wir Sie dann nicht im West­fa­len­sta­dion gegen Deutsch­land gesehen?
Pawel Janas, damals Trainer der Polen, rief kurze Zeit später an: Danke, dass Sie sich so bemüht haben. Wir haben nun schon unseren Kader bei­sammen, aber nach der WM würde ich mich gerne wieder melden.“ Da sagte ich: Ach, lass gut sein. Immerhin habe ich jetzt zwei Staats­bür­ger­schaften.

Sie waren nicht ent­täuscht?
Es gab schlim­mere Momente in meiner Pro­fi­zeit. Auf dem Ster­be­bett werde ich einer anderen Sache nach­trauern: dass ich in der Saison 2004/05 kein wei­teres Tor für Ein­tracht Trier gemacht habe. Wir sind damals aus der zweiten Liga abge­stiegen, weil uns ein ver­dammtes Tor gefehlt hat.

Was war so beson­ders in Trier?
Zum Ersten ist die Gegend wun­der­schön: die Wein­berge, das gute Klima, die Archi­tektur, Frank­reich ganz nah. Mit Trainer Paul Linz hat es gleich gefunkt. Bei seinem ersten Anruf ver­stand ich zwar kein Wort, denn sein pfäl­zi­scher Dia­lekt war echt hart, aber er hörte sich nett an. Also sagte ich: Ja, ich unter­schreibe.“ Bereut habe ich es nie. Wenn ich morgen im Lotto gewinne, kaufe ich mir ein Haus in Trier.

Trier ist nicht gerade als Fuß­ball­stadt bekannt.
Aber damals wur­dest du als Fuß­baller auf Händen durch die Stadt getragen, alle waren super­freund­lich, ständig wurde ich ein­ge­laden. Und einige Zeit machte ich dieses Fuß­ball­star-Ding mit: Ich trug blond­ge­färbte Haare und legte mir einen heißen Amisch­litten zu. Die Leute drehten sich um, wenn ich durch die Straßen fuhr. Ganz ehr­lich: Heute brauche ich das gar nicht. Ich sitze lieber in einer Eck­kneipe als in einem Sze­ne­café in der Schanze. Aber mit Mitte 20 war das schon auf­re­gend.