1.

Eins muss vor­neweg klar­ge­stellt werden. Näm­lich der Wort­laut von Regel 12 der vom Inter­na­tional Foot­ball Asso­cia­tions Board (IFAB) gehü­teten Fuß­ball­re­geln bezüg­lich des Hand­spiels. Ein Hand­spiel liegt vor, wenn ein Spieler den Ball absicht­lich mit der Hand oder dem Arm berührt. Fol­gendes ist zu berück­sich­tigen: die Bewe­gung der Hand zum Ball (nicht des Balls zur Hand), die Ent­fer­nung zwi­schen Gegner und Ball (uner­war­teter Ball), die Posi­tion der Hand (das Berühren des Balls an sich ist noch kein Ver­gehen)“, steht da geschrieben. Wenn sich das von Fans über Spieler bis zu Kom­men­ta­toren und Jour­na­listen end­lich alle merken würden, wären wir schon ein ganzes Stück weiter.

2.

Zusätz­lich beinhaltet das Regel­werk noch die Aus­nahmen für den Tor­hüter im Straf­raum. Außer­halb gelten auch für ihn bekann­ter­maßen die glei­chen Regeln. Diese Unter­schei­dung wurde erst 1871 in die Regeln auf­ge­nommen. Davor war es näm­lich aus­nahmslos jedem Spieler auf dem Platz erlaubt, den Ball mit der Hand zu spielen. Übri­gens: Die Schuh­pflicht wurde erst 1950 ein­ge­führt.

3.

Und nochmal Regel­kunde: Klar, so einen 100 km/​h‑Freistoß bekommt man nur ungerne volles Rohr in den Korpus gedreht – wes­halb der Schutz von Gesicht, Brust und Kron­ju­welen mit Armen und Händen ein alt­be­kanntes Bild in den Mauern dieser Welt ist. Prak­tisch bewegt sich dabei ja auch der Ball zur Hand und nicht umge­kehrt. Der DFB aller­dings ver­tritt eine klare Posi­tion: Schutz­hand“ ist nicht erlaubt. Andere Natio­nal­ver­bände sind gegen­sätz­li­cher Mei­nung. Einmal mehr zeigt sich der Kern des Pro­blems: die Aus­le­gungs­sache.

4.

Wenig aus­zu­legen war eigent­lich 2009 im ent­schei­denden Playoff-Spiel um die WM-Qua­li­fi­ka­tion zwi­schen Frank­reich und Irland. Thierry Henry hatte in der Ver­län­ge­rung in bester Beach­vol­ley­ball-Manier den Ball vorm Toraus mit der Hand gepritscht und anschlie­ßend in die Mitte gelegt, wo Wil­liam Gallas voll­streckte. Frank­reich fuhr zur WM und Henry sagte: Natür­lich war es ein Hand­spiel, aber ich bin nicht der Schieds­richter.“ Die Hand des Fro­sches“ war geboren. Der iri­sche Ver­band drohte der FIFA mit Klage, for­derte ein Wie­der­ho­lungs­spiel und die Nach­no­mi­nie­rung für das Tur­nier, stieß beim Welt­ver­band aber auf taube Ohren und gab irgend­wann Ruhe. Sechs Jahre später stellte sich heraus: Die FIFA hatte Irland fünf Mil­lionen Euro Ent­schä­di­gung gezahlt – oder eher: Schwei­ge­geld.

5.

Nicht so ein­deutig wie Henry äußerte sich Lars Stindl 2017. Ganz ast­rein sei sein Tor gegen Ingol­stadt nicht gewesen. Als eine Ecke in den Straf­raum kommt, stellt sich Stindl beim Kopf­ball eini­ger­maßen doof an, wes­halb der Ball erst an seine Brust, von da an den aus­ge­streckten Arm und von diesem wie­derum ins Tor springt. Der Treffer zählt. Eine ver­tret­bare Ent­schei­dung, weil keine Absicht vorlag. Oder etwa doch? Schiri-Chef Lutz-Michael Fröh­lich sah näm­lich wegen des aus­ge­streckten Arms ein straf­bares Hand­spiel. Der gleiche Fröh­lich, der sich beim DFB mit für die Aus­le­gung ver­ant­wort­lich zeichnet, dass keine Absicht vor­liegt, wenn der Ball erst von einem anderen Kör­per­teil an Hand oder Arm prallt. Wir finden: Ja gut, äh.