Da stand er also, nach dem gewonnen Vier­tel­fi­nale gegen Bra­si­lien und grinste zufrieden in die Kameras. Ich habe es mir schwie­riger vor­ge­stellt“, sagte Thomas Meu­nier über das Duell mit seinem Pariser Mann­schafts­kol­legen Neymar, dass der bel­gi­sche Außen­ver­tei­diger klar für sich ent­schieden hatte. Dank der Hilfe seiner Kol­legen, wie er betonte. Meu­nier gewann den Groß­teil seiner Zwei­kämpfe, grätschte mit hun­dert­pro­zen­tiger Erfolgs­quote und foulte nur ein ein­ziges Mal. Blöd für ihn, dass genau dieses eine Foul mit Gelb bestraft wurde, Meu­niers zweite im Tur­nier, gleich­be­deu­tend mit einer Sperre fürs Halb­fi­nale. Auch blöd für Bel­gien, denn bis­lang war der Rechts­ver­tei­diger einer der viel­zi­tierten Dau­er­brenner“ im Team von Roberto Mar­tinez. Vier Spiele hat er absol­viert – nur im letzten und unbe­deu­tenden Grup­pen­spiel gegen Eng­land wurde er geschont – lief im Schnitt 11,6 Kilo­meter und legte zwei Tore auf, dar­unter den Last-Minute-Sieg­treffer gegen Japan.

Ins Kino gehen. Leben genießen.

Im Halb­fi­nale gegen Frank­reich wird er also nur zuschauen können. Vor wenigen Jahren wäre aller­dings zu erwarten gewesen, dass das für alle Spiele gilt. Damals kickte Meu­nier in der dritten bel­gi­schen Liga und jobbte nebenbei als Post­bote.

Auf­ge­wachsen im beschau­li­chen Saint-Ode im Süden Bel­giens trieb ihn sein Vater, selbst begeis­terter Ama­teur­fuß­baller, auf den dörf­li­chen Sport­plätzen an. Er war einer dieser Eltern­teile, die auf dem Wel­len­bre­cher am ört­li­chen Fuß­ball­feld lehnen und laut­stark wahl­weise den Schieds­richter, die Gegner, den Trainer oder das eigene Kind anschreien. Im Fall von Vater Meu­nier vor allem Letz­teres. Er ver­suchte seine geschei­terten Träume stell­ver­tre­tend durch den Sohn zu erfüllen. Scheinbar mit Erfolg: Stan­dard Lüt­tich holte Meu­nier Junior in die ver­eins­ei­gene Aka­demie. Nur um ihn zwei Jahre später, mit 15, doch wieder zu ent­lassen. Meu­nier wollte mit dem Fuß­ball auf­hören, wie er bei The Players Tri­bune“ schreibt. Das war’s“, dachte er. Ich werde auf eine nor­male Schule gehen. Nor­male Dinge tun. Ins Kino gehen. Das Leben genießen.“

Diesmal war es seine Mutter, mit der Thomas und seine Schwester nach der Tren­nung der Eltern lebten, die ihn weiter antrieb. Sie rief beim unter­klas­sigen Klub Royal Excel­sior Virton an und über­zeugte den Trainer, ihren Sohn für ein Pro­be­trai­ning auf­zu­nehmen. Meu­nier, damals noch Stürmer, gewann ein Test­spiel mit der Jugend­mann­schaft 15:3 und schoss zehn Tore. Anschlie­ßend fragte ihn der Coach ledig­lich, welche Nummer er haben wolle. Virton spielte aller­dings nur in der dritten Liga, zahlte den Spie­lern Gehälter von 400 Euro im Monat. Als Meu­nier die Schule abge­schlossen hatte, musste er sich irgendwie über Wasser halten – und wurde Post­bote, für vier Monate. Dann arbei­tete er in einer Auto­tei­le­fa­brik. In seinem zweiten Beruf lief es leid­lich, auf dem Fuß­ball­platz hin­gegen umso besser. So gut, dass der FC Brügge, der größte Verein Bel­giens und Her­zens­klub seines Groß­va­ters ihn ver­pflich­tete. Mit 19. Nach zwei Jahren schulte ihn der Trainer zum Rechts­ver­tei­diger um. Und Meu­nier debü­tierte mit 22 für die Natio­nal­mann­schaft.

Für das Wohl der Mann­schaft

Nach fünf Par­tien im Trikot der Roten Teufel“ ver­dop­pelte er seine Ein­sätze fast mit vier starken Spielen bei der EM 2016. So stark, dass Paris Saint-Ger­main ihn ver­pflich­tete. Fünf Jahre nach der dritten bel­gi­schen Liga spielte er gegen Messi und Iniesta. Eine Saison später rückte er nach Dani Alves‘ Ankunft in Paris jedoch ins zweite Glied. Außerdem über­warf er sich mit den Fans, als er auf Insta­gram bei einem Bild einer Choreo von PSGs Erz­ri­valen Olym­pique Mar­seille Gefällt mir“ drückte. Es macht mir ein­fach Spaß, Fuß­ball zu spielen. Und das ist es, was ich im Moment ver­misse“, sagte Meu­nier über die Situa­tion im Verein. Die WM dürfte des­halb der berühmte Balsam für seine Fuß­bal­ler­seele sein.

Meu­nier ist nach seinem rasanten Auf­stieg demütig, nicht über­heb­lich geworden. Weil einige psy­cho­lo­gi­sche Her­aus­for­de­rungen“ wie die Tren­nung seiner Eltern oder der Raus­wurf aus der Lüt­ti­cher Aka­demie seinen Cha­rakter geformt haben, sagt er. Und, weil er die Nie­de­rungen des Fuß­balls erlebt hat, wo man sich mit einem Nebenjob als Post­bote über Wasser halten muss. So ist im End­ef­fekt jedes Spiel auf diesem Niveau für Thomas Meu­nier ein High­light. Das nächste könnte jedoch erst das Finale sein. Wegen der Gelb­sperre, die er aber kei­nes­wegs bereut: Ich habe nicht gezö­gert. Das Foul war für das Wohl der Mann­schaft.“ Nun muss er auf seine Kol­legen hoffen. Damit er nach dem End­spiel sagen kann, er habe es sich schwie­riger vor­ge­stellt, gegen Raheem Ster­ling oder Ante Rebic zu ver­tei­digen.