Nun haben wir schon so viele Pferde sich vor Apo­theken erbre­chen sehen, dass wir es eigent­lich hätten besser wissen müssen. Doch das Ver­trauen in die eigene logis­ti­sche Kom­pe­tenz ist uner­schüt­ter­lich und wir lieben es, wenn ein Plan funk­tio­niert. 

Der Plan ist der: Um 12 Uhr Start in London-Heathrow wegen einer anderen Geschichte, die hier nichts weiter zur Sache tut, 14.15 Uhr Lan­dung in Wien, 15 Uhr Inter­view mit Carsten Jancker in der Geschäfts­stelle des SK Rapid. Sollte eine gering­fü­gige Ver­spä­tung ein­treten, möge der Foto­graf doch bitte zunächst die Fotos machen.

Nebel in Heathrow, Regen in Wien, Unfall auf der Stadt­au­to­bahn


Schuld ist am Ende nicht der Nebel in Heathrow, den es näm­lich nicht gibt. Ebenso kein Fehl­ver­halten der Flug­ge­sell­schaft. Und auch nicht der ergie­bige Regen in Wien oder höchs­tens indi­rekt, weil ein mög­li­cher­weise wet­ter­be­dingter Ver­kehrs­un­fall für jene Voll­sper­rung der Wiener Stadt­au­to­bahn ver­ant­wort­lich ist, die dem Taxi­fahrer tiefe Sor­gen­falten ins Gesicht gräbt.

Hmh“, sagt der Fahrer, was machen wir jetzt?“ Dann nennt er eine ver­wir­rende Kom­bi­na­tion von Straßen, die unter Umständen geeignet sei, uns unter Ver­mei­dung der Auto­bahn vom Flug­hafen (gelegen im Süd­osten der öster­rei­chi­schen Haupt­stadt) zur Geschäfts­stelle von Rapid (Nord­westen) zu bringen. Mitt­ler­weile ist es kurz nach halb drei. Hmh“, sage ich, ich muss um 15 Uhr da sein.“ – Wird eng“, sagt der Taxi­fahrer.

Ein Taxi­fahrer wie Niki Lauda

Doch er stellt sich als Fahrer heraus, wie ihn Öster­reich seit dem feu­er­in­ferno­be­dingten Kar­rie­re­ende von Niki Lauda nicht mehr gesehen hat. Schon zwanzig Minuten nach dem ver­ein­barten Inter­view­termin kommen wir an. Wir haben dann zuerst die Fotos gemacht“, sagt der Foto­graf. Neben ihm steht Carsten Jancker in einem gestreiften Hemd mit grauer Weste – einer­seits das ver­traute Gesicht aus unzäh­ligen Fuß­ball­schlachten, ande­rer­seits schon ein wenig dem aktu­ellen Geschehen ent­rückt. Obwohl dieser kan­tige Schädel noch vor gut zwei Jahren dem Ball hin­terher gejagt ist, ver­strömt er bereits das Cha­risma eines Mannes aus einer anderen Ära. Man kann ihn sich schwer­lich in einer Mann­schaft mit, sagen wir mal, Mesut Özil oder Mario Götze vor­stellen.

Sind Sie wirk­lich erst um 14 Uhr gelandet?“, fragt Jancker und zieht die Augen­braue hoch. 14.15 Uhr“, lautet die Replik. Sport­lich“, sagt Jancker. Er sagt das nach einer kurzen Pause und so läuft nachher auch das Inter­view. Carsten Jancker ist kein Mensch, der wie aus der Pis­tole geschossen ant­wortet. Er über­legt, bevor er etwas sagt. Wälzt die Frage hin und her, bis er ihr Gefah­ren­po­ten­tial ein­schätzen kann. Und wenn er spricht, spricht er bedächtig. Aber durchaus poin­tiert.

Halb Deutsch­land hielt den glatz­köp­figen Jancker für einen Nazi

Nach einer Weile brö­ckelt die Deckung ein wenig. Jancker erzählt, wie einst Kaiser Franz“ höchst­per­sön­lich auf seine Mailbox sprach, um ihn zu den Bayern zu lotsen. Wie es sich anfühlte, als halb Deutsch­land den glatz­köp­figen Stürmer für einen Nazi hielt. Und warum er einst­mals Berti Vogts vor lau­fender Kamera ein schnei­diges Vogts, du Arsch­loch!“ ins Gesicht brüllte. Das muss ich mir aber noch mal über­legen, ob ich das mit dem Vogts drin lasse“, sagt Jancker. Am Ende wird es drin bleiben.

Wäh­rend seiner aktiven Zeit hatte Carsten Jancker oft den Ruf des Arro­ganten, dessen Auf­stieg vom ein­fa­chen Jungen aus Meck­len­burg zum Natio­nal­spieler ihn über­heb­lich gemacht und dem ein­fa­chen Fan ent­fremdet hat. Im Inter­view ist von dieser angeb­li­chen Atti­tüde nichts zu spüren: Jancker, der heute als Sport­ma­nager im Nach­wuchs­be­reich von Rapid Wien arbeitet, ant­wortet höf­lich, geduldig und gele­gent­lich sogar char­mant.

Nur ganz am Schluss ist er über­for­dert. Das 60-Euro-Taxi vom Hinweg noch im Kopf, fragen wir nach der besten Mög­lich­keit, mit öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln zum Flug­hafen zu gelangen. Janckers Blick ist leer, diese Frage hat er sich erkennbar noch nie gestellt. Doch das erle­digt dann der Pres­se­spre­cher von Rapid. Fünf Stunden nach der Ankunft haben wir Wien wieder ver­lassen und sind pünkt­lich in Berlin gelandet. Wir lieben es, wenn ein Plan funk­tio­niert.