Es gibt Fri­suren, die sind zeitlos, nun ja, nicht schön. Die Frisur von Mesut Özil anno 2006 ist eine davon: Er trug einen zot­telig geschnit­tenen Vokuhila mit blonden Strähn­chen. Der junge Schalker war eine Augen­weide für all die­je­nigen, die sich schon lei­den­schaft­lich über die Pani­ni­bilder von Ralf Fal­ken­mayer freuen konnten. Auf den zweiten Blick verbot sich jedoch jeg­liche Lächer­lich­keit: Der Junge konnte was. Wenn er am Ball war, ver­mit­telte er das genaue Gegen­teil von dem, was seine lasche Kör­per­hal­tung und die hän­genden Schul­tern in den Himmel zu schreien schienen. Er spielte Bälle mil­li­me­ter­genau auf den rich­tigen Fuß des Mit­spie­lers, war pfeil­schnell und tech­nisch überaus ver­siert. Er wirkte wie der gebo­rene Dribbler in einem Rie­sen­slalom aus hüftsteifen Bun­des­li­ga­re­cken. Man sah einen 18-Jäh­rigen, der seine Jugend damit zuge­bracht hatte, in Gel­sen­kir­chener Käfigen Gegen­spieler nass zu machen. Notiz an mich selbst,“ schrieb ich in Gedanken, Mesut Özil im Auge behalten.“

Blonde Strähn­chen? Lächer­lich!“

Und tat­säch­lich: Das junge Talent bekam immer mehr Spiel­zeit bei Schalke 04, tun­nelte sich durch die halbe Liga und spielte Alt­hauern wie Carsten Ramelow Knoten in die Beine. Trotzdem stand das Ver­hältnis zwi­schen der Schalker Ver­eins­füh­rung und dem Ruhr­pott­kind unter keinem guten Stern: Manager Andreas Müller wollte den aus­lau­fenden Ver­trag mit dem jungen Talent zwar ver­län­gern, Özil for­derte aus Schalker Sicht jedoch zu viel Geld. Schließ­lich hatte er zu diesem Zeit­punkt noch nicht einmal einen Treffer in der Bun­des­liga erzielt. Getreu dem Malo­cher­grund­satz des Klubs solle er erst kon­stante Leis­tungen zeigen, bevor er einen hoch­do­tierten Ver­trag erhielt – erst die Arbeit, dann das Ver­gnügen. Kurzum: Özils Ver­trag wurde nicht ver­län­gert.

Als Werder-Manager Klaus Allofs das hörte, muss er Spa­lier gestanden haben vor der Schalker Geschäfts­zen­trale. Nicht ver­län­gert mit Mesut Özil, wie konnte das mög­lich sein? Allofs lachte sich ins Fäust­chen und schlug zu. Mesut Özil wech­selte am Transfer-Dead­line-Day“, dem 31. Januar 2008, zu meinem Lieb­lings­verein Werder Bremen. Allofs und ich freuten uns einen Keks. Als ich meine Freude über diesen Coup mit einem befreun­deten Dort­mund-Fan teilte, lachte dieser mich aus: Mesut Özil? Lächer­lich! Ist das nicht dieses schüch­terne Kind mit blonden Strähn­chen? Viel Spaß mit dem!“ Özil selbst gab ihm die Ant­wort: Er ließ sich eine wind­schnit­tige Kurz­haar­frisur schneiden, spielte sich in Wer­ders Startelf und zau­berte fortan im Weser­sta­dion. Sein erster Bun­des­li­ga­treffer ließ nicht lange auf sich warten, von seinen Team­kol­legen bekam er bald den Spitz­namen Messi“ ver­passt. Als ich meinen Kumpel ein halbes Jahr später auf den geglückten Transfer hin­wies, wollte der sich nicht mehr an seine aus­fal­lende Kritik erin­nern. Bezeich­nend.

Bezeich­nend auch, wie Özil bei Bremen in der Saison 2008/2009 wei­ter­machte: In der Bun­des­liga schlug er fast im Allein­gang den FC Bayern Mün­chen (End­ergebnis: 5:2, Özil glänzte mit zwei Vor­lagen und einem Treffer) und in der Woche darauf zeigte er Rekord­auf­steiger TSG Hof­fen­heim, wie sich Nie­der­lagen anfühlen (End­ergebnis: 5:4, Özil machte das 1:0 und das 5:4). Ich traute kaum meinen Augen, als Özil Gewalt­schüsse von der Straf­raum­kante in den kurzen Winkel kloppte. Jedes Wochen­ende konnte ich mich fortan daran erfreuen, dass diese junge Traum­pass­ma­schine, die als wan­delnder Stil­bruch begann, nun für meinen Verein an der Seite von Diego und Pizarro für die Defen­siv­reihen der Liga den Schwindel neu erfand. Allofs und Schaaf hatten es wieder einmal geschafft: Nach Micoud und Diego hatten sie mit Özil erneut einen großen Zehner aus dem Hut gezau­bert. Dieses Mal aller­dings mit Ansage.

Denn Özil stand bereits als desi­gnierter Nach­folger von Diego fest, als im Laufe der Saison klar war, dass der Bra­si­lianer zu Juventus Turin wech­seln würde. Der Höhe­punkt der Zehner-Liaison stand jedoch noch bevor: 2009 qua­li­fi­zierte sich Werder mit diesem Mit­tel­feld-Traumduo für das Pokal­fi­nale von Berlin. Ich konnte glück­li­cher­weise Karten ergat­tern, beim Finale saß ich direkt am Spiel­feld­rand: Ein abso­luter Traum. Der Gegner hieß Vize­kusen“, der Pokal­sieg war also fest ein­ge­plant. Das ein­zige, was einem hol­ly­woodreifen Schnulzen-Dreh­buch wider­sprach, war Mesut Özil. Denn er und nicht Diego und Frank Bau­mann, die ihre Abschieds­spiele gaben, machte den Sieg­treffer für die Bremer.

Diegos recht­mä­ßiger Thron­folger

Immerhin berei­tete Diego den Treffer von Özil vor – es war, als wenn Diego das Zehner-Szepter an seinen recht­mä­ßigen Thron­folger wei­tergab. Die Szenen nach dem Sieg­treffer spielten sich in Zeit­lupe ab: Özil fei­erte sein Tor an der Eck­fahne und ließ sich von Diego hoch­heben. Die 50 Meter zwi­schen mir und ihm waren auf fünf Zen­ti­meter geschrumpft. Es war, als wenn ich Teil der Jubel­traube wäre. Nach dem Abpfiff ver­ab­schie­deten sich der schei­dende Bremen-Kapitän Frank Bau­mann und der Mit­tel­feld­re­gis­seur Diego mit dem Pokal in der Hand von den Werder-Fans. Und spä­tes­tens als Mesut Özil seinem Trainer Thomas Schaaf eine Bier­du­sche ver­passte, war klar: Um eine Vakanz auf der Zeh­ner­po­si­tion musste man sich bei Werder dank Özil keine Sorgen machen.

Über­wäl­tigt und ganz betrunken von so viel Emo­tionen und Bier wollte ich nach dem Spiel sogar noch einen geschmack­losen Pokal­sieger 2009“-Schal von einem win­digen Schal­ver­käufer mit immer­glei­chen Motiven beider Final­teil­nehmer ver­kaufte. Ich fragte ihn: Wie viel für den Bremen-Pokal­sieger-Schal?“ – 30 Euro!“, sagte der geschäfts­tüch­tige Schal­ver­käufer, obwohl der Hals­wärmer vor dem Spiel noch 15 Euro gekostet hatte. 30 Euro? Soviel hab­bich­nich­mehr…“, sagte ich wahr­heits­gemäß, aber hakte nach, wie viel für den Lever­kusen-Pokal­sieger-Schal?“ – Zwei Euro.“, ant­wor­tete der Schal­mann. Und so besitze ich bis heute den ein­zigen Leverkusen-Pokalsieger-2009“-Schal der Welt – er wird immer ein Andenken an Mesut Özil sein.