Zoltan Sebe­scen, auf einem alten Foto spielen Sie Ryan Giggs im Cham­pions-League-Halb­fi­nale 2002 schwin­delig. Giggs hat am ver­gan­genen Dienstag sein 132. Spiel in der Königs­klasse absol­viert. Was machen Sie zur­zeit?

Zoltan Sebe­scen: Ich war nach meiner aktiven Kar­riere Jugend­ko­or­di­nator bei den Stutt­garter Kickers und bin seit zwei­ein­halb Jahren als Spie­ler­be­rater bei der Firma MWS tätig.

Wie ist das, als ehe­ma­liger Profi diese Seite des Geschäfts ken­nen­zu­lernen?

Zoltan Sebe­scen: Sehr inter­es­sant und abwechs­lungs­reich, sonst würde ich es nicht machen. Das Wich­tigste für mich war, dass man ganz nah am Fuß­ball dran bleiben kann. Man trifft sehr viele Leute, die man von früher kennt und kommt viel rum in der Welt.

Sie können sich trotzdem vor­stellen, dass wir mit Ihnen gerne über Ihre aktive Pro­fi­kar­riere spre­chen möchten…

Zoltan Sebe­scen: Und wahr­schein­lich soll es um meine Zeit in Lever­kusen gehen…

Nervt es Sie, immer wieder auf die Saison 2001/2002 ange­spro­chen zu werden?

Zoltan Sebe­scen: Wie könnte mich das nerven? Das war eine der schönsten Erfah­rungen meiner Kar­riere und wir haben eine über­ra­gende Saison gespielt. Es war ein tolles Jahr, am Ende hat das i‑Tüpfelchen gefehlt. Vize­kusen“ inter­es­siert mich nicht. Ich bin stolz, auf das, was wir erreicht haben.

Ver­spüren Sie kein biss­chen Ver­bit­te­rung?

Zoltan Sebe­scen: Nach so langer Zeit nicht mehr. Als wir damals noch mitten in der Saison steckten, waren wir natür­lich ent­täuscht und ver­bit­tert. Heute ver­spüre ich eher eine gewisse Wehmut. Aber Stolz und Freude über­wiegen.

Sie spielten in einer der besten deut­schen Mann­schaften der ver­gan­genen zehn Jahre…

Zoltan Sebe­scen: Ohne Frage. Wir haben mit unserer Art zu spielen viele Sym­pa­thie­punkte gewonnen. Nicht nur in Lever­kusen, son­dern in ganz Deutsch­land.

Trotz aller spie­le­ri­scher Klasse wird in der Öffent­lich­keit immer von Vize­kusen“ die Rede sein. Stört Sie dieses stark leis­tungs­be­zo­gene Denken im Fuß­ball­ge­schäft?

Zoltan Sebe­scen: Es steckt in der Natur des Men­schen, dass man immer das Best­mög­liche errei­chen will. Nur darf man nicht glauben, dass das immer mit einem Titel endet. Dafür muss alles passen. Und wenn es nicht klappt, heißt es nicht, dass alles andere schlecht war. Wir leben in einer Leis­tungs­ge­sell­schaft, aber ich denke, die Leute, die sich wirk­lich mit dem Fuß­ball beschäf­tigen, hono­rieren Leis­tungen – auch wenn am Ende kein Titel heraus springen sollte.

Gerade wenn man sich das Cham­pions-League-Finale 2002 gegen Real Madrid vor Augen führt, ist die Saison ver­dammt bitter gelaufen.

Zoltan Sebe­scen: Jeder der das Spiel gesehen hat, kann bestä­tigen, dass wir über 90 Minuten nicht nur gleich­wertig, son­dern besser waren. Man braucht für so einen Titel anschei­nend Glück. Oder Zine­dine Zidane.

Haben Sie noch Kon­takt zu den alten Kol­legen?

Zoltan Sebe­scen: Ich bin hin und wieder in Lever­kusen und schaue mir ein Spiel an. Ansonsten sind Jens Nowotny, Carsten Ramelow und Jörg Butt Spieler, mit denen ich ab und zu tele­fo­niere und mich aus­tau­sche. Wenn ich in der Nähe bin, schaue ich schon mal auf einen Kaffee bei den Jungs vorbei.

Reden Sie dann auch über das ver­lo­rene Finale oder hat selbst so ein rie­siges Ereignis nach zehn Jahren seinen Glanz ver­loren?

Zoltan Sebe­scen: Es gibt immer wieder Situa­tionen, in denen man dann über die alten Zeiten spricht. Aber es ist nicht so, dass dieses Thema unser Gespräch beherrscht. Wir hatten in all den Jahren genug Zeit das Spiel hun­dert Mal zu zer­pflü­cken.


Ein anderes Thema, das man mit Ihnen asso­zi­iert, ist das kurze Län­der­spiel gegen Hol­land. Sie durften nur eine Halb­zeit spielen, beide Gegen­tore fielen über ihre Seite, später hagelte es Kritik und Häme. Hätten Sie gerne auf diese Erfah­rung ver­zichtet?

Zoltan Sebe­scen: Wenn mich heute jemand fragt, was für mich der abso­lute Höhe­punkt meiner Kar­riere war, dann war das mit Abstand mein Län­der­spiel.

Noch vor dem Cham­pions-League-Finale?

Zoltan Sebe­scen: Auf jeden Fall. Aus meiner Sicht gab es nichts Grö­ßeres, als ein Mal für Deutsch­land auf­laufen zu dürfen und dieses Trikot zu tragen. Es war nur eine Halb­zeit, aber über­legen Sie sich mal, wie viele Fuß­baller es in Deutsch­land gibt, und wie wenige sich über­haupt Natio­nal­spieler nennen dürfen. Für mich war das ein Rie­sen­er­folg. Auch wenn ich natür­lich weiß, dass das Spiel nicht beson­ders gut lief. Mir wird das nie­mand madig reden.

Sei­ner­zeit wurden Sie von der Presse förm­lich zer­rissen.

Zoltan Sebe­scen: Damals hat mich das natür­lich schwer getroffen. Mir war klar, dass das für die Medien der ein­fachste Weg war, einen jungen Spieler mit gerade einmal sieben Bun­des­li­ga­spielen als Schul­digen dar­zu­stellen. Im Nach­hinein weiß ich, wie diese Mecha­nismen funk­tio­nieren. Ich hatte das große Glück, zwei Wochen später gegen den HSV drei Tore zu machen und ein viertes vor­zu­be­reiten. Nach diesem Spiel wurde es dann schlag­artig ruhiger.

Nach dem Motto: Ganz so schlecht kann er dann doch nicht gewesen sein.“

Zoltan Sebe­scen: Genau. Diese Rück­schläge sind natür­lich schwierig, aber man muss lernen damit umzu­gehen. Außerdem wächst man auf diese Art und Weise. Die nega­tiven Seiten des Geschäfts sind viel wich­tiger, um zu reifen und mit schwie­rigen Situa­tionen in Zukunft besser umgehen zu können.

Ein Rat­schlag, den Sie als Spie­ler­be­rater auch an junge Spieler wei­ter­geben können.

Zoltan Sebe­scen: Natür­lich. Mir hat man das damals auch schon gesagt, aber es kam nicht an. Da ist eine Welt zusammen gebro­chen. Zum Glück konnte ich mich relativ schnell davon erholen.