Mirko Slomka
Dass der HSV mit mick­rigen 27 Pünkt­chen noch immer die Chance hat, in der Liga zu bleiben, ist ein Umstand, der selbst im Ver­eins­heim von Tas­mania Berlin für schal­lendes Gelächter sorgen dürfte. Das 2:3 in Mainz bedeu­tete die fünfte Nie­der­lage in Folge, nur sieben Spiele wurden in dieser Saison über­haupt gewonnen, dafür stolze 75 Gegen­tore gefangen – bei einer sol­chen Bilanz würden sich sogar die Washington Gene­rals in Grund und Boden schämen. Ist aber alles egal, denn Mirko Slomka und sein Team haben den Klas­sen­er­halt nach wie vor noch in der Hand. Die beiden End­spiele gegen Fürth ver­dankt der HSV indes weniger einem eigenen Kraftakt im Abstiegs­kampf son­dern dem Umstand, dass sich die beiden anderen Bun­des­liga-Kel­ler­kinder Nürn­berg und Braun­schweig beim Niveau-Limbo der letzten Wochen noch ein wenig bemühter zeigten, die Mess­latte nach unten zu ver­schieben. Alles noch drin also. Und wie heißt es schließ­lich so schön: Ein guter Dino springt nur so hoch, wie er muss. Oder so. 

Torsten Lie­ber­knecht
Dass es aus­ge­rechnet das Hof­fen­heimer Kunst­pro­dukt ist, das der tra­di­ti­ons­rei­chen Ein­tracht den ent­schei­denden Stoß über die Klippe ver­setzte, ist sicher­lich ein beson­ders bit­teres Geschmäckle in des ein oder anderen Braun­schweiger Fans Jäger­meister. Doch trotz des raschen Abschieds nach nur einem Jahr möchten wir fest­halten, dass Torsten Lie­ber­knecht und sein Team die Bun­des­liga berei­chert haben. Im Zeit­alter der Red Bulls und VWs, der Cham­pions-League-Mil­lionen und Fan­tasie-Trans­fers, setzte die Ein­tracht aus Braun­schweig einen will­kom­menen, erdig-ehr­li­chen Gegen­part und brachte zumin­dest emo­tional die gute alte Zeit wieder. Lie­ber­knecht stand meist in Bal­lon­seide auf der Tar­tan­bahn, die Punkte wurden eher ergrätscht als erspielt, in der Mann­schaft fand sich gar der ein oder andere Schnauz­bart und hätte die Ein­tracht auch noch mit schwarz-weiß gefleckten Bällen von der Beschaf­fen­heit einer Bow­ling­kugel gespielt und Tri­kots aus Baum­wolle getragen, wir hätten gänz­lich unser Herz ver­loren. Zum Klas­sen­er­halt hat es dann aber – oh ver­dammter moderner Fuß­ball – doch nicht gereicht. Wir ziehen natür­lich trotzdem unsere Klaus-Schlappner-Gedächt­nis­schlapp­hüte, reiben uns traurig eine jäger­meis­terne Träne aus dem Mund­winkel und heben trös­tend unseren Pau­sentee zum Prosit. Auf ein bal­diges Wie­der­sehen. 

Mats Hum­mels
Dass Mats Hum­mels ins­be­son­dere für einen Ver­tei­diger ein ganz außer­ge­wöhn­lich feines Füß­chen hat, ist bekannt. Wir würden sogar so weit gehen zu sagen, dass Hum­mels, wäre er in den Acht­zi­gern aktiv gewesen, in denen die Ver­tei­diger bekannt­lich Füße mit der Form und Emp­find­sam­keit von Back­steinen hatten, zum Warm-Up mit dem Schädel gegen die Kata­kom­ben­mauern rannten und Über die Bande gekloppte Gegner“ eine eigene Rubrik in der kicker“-Spielstatistik war, Deutsch­land wahr­schein­lich als Spiel­ma­cher zu zwei WM-Titeln gezau­bert hätte. Das lässt einen zumin­dest Hum­mels Pass auf Lewan­dowski am Samstag in Berlin denken. Nachdem er mit einem Hüft­schwung, der selbst Shakira nei­disch gemacht hätte, zwei Gegen­spieler ver­nascht hatte, schob Dort­munds Schön­ling der Hertha einen Pass durch die Hin­ter­mann­schaft, den Lewan­dowski nur noch ins Eck schieben musste. Und irgendwo in Hessen erwachte Uwe Bein aus einem feuchten Traum. 

Robert Lewan­dowski
Robert Lewan­dowski findet sich aller­dings nicht in dieser Liste, weil er Hum­mels Pass mit der Gewis­sen­haftig- und Humor­lo­sig­keit eines Finanz­be­amten ins lange Eck jagte, son­dern selbst­re­dend wegen seines sen­sa­tio­nellen Frei­stoß­tores. In der 80. Minute hob Lewan­dowski einen ruhenden Ball so weich und zart und wun­der­schön über die Mauer hinweg in den Winkel, dass der ein oder andere Kol­lege ver­liebt begann, Lie­bes­briefe an dieses Tor zu schreiben, dem Tor ein Mix­tape auf­zu­nehmen und es nervös und ver­schämt zum Abschluss­ball ein­zu­laden. Und, äh, nur so rein inter­es­se­halber: Wie ist es in Deutsch­land eigent­lich recht­lich bestellt um Mann-Frei­stoßtor-Lie­bes­be­zie­hungen?

Ragnar Klavan
Quasi der Gegen­part zu Lewan­dow­skis wun­der­schönem Treffer war Ragnar Kla­vans Anti-Tor zum 1:1 gegen Frank­furt. Nach einer Ecke bekam Klavan den Ball etwa einen Meter vor der Linie auf den Schädel, Frank­furts Trapp parierte, den Nach­schuss bolzte Klavan, nun aus etwa einem halben Meter Ent­fer­nung, dem Keeper in den Wanst, im zweiten Nach­schuss konnte Klavan den Ball schließ­lich, nun noch etwa 25 cm vor der Linie, in die Maschen prü­geln. Ein Tor, so häss­lich, dass meh­rere Kol­legen spontan kot­zend dem Fuß­ball abschworen und wahr­schein­lich selbst Dona­tella Ver­sace erschro­cken zusam­men­ge­zuckt ist. Gerüchten zufolge soll dem FCA der Treffer vom DFB nach­träg­lich aberkannt werden – er war ein­fach zu häss­lich.

André Hahn
Die Erfolgs­ge­schichte von André Hahn ist so wun­derbar vom-Tel­ler­wä­scher-zum-Mil­lionär-haft, dass sich Will Smith bereits die Film­rechte gesi­chert haben soll, um mit André Hahn Das Streben nach Glück 2“ zu drehen. Noch vor nicht allzu langer Zeit hatte Hahn näm­lich den Traum vom Fuß­ball­profi quasi auf­ge­geben und berei­tete sich auf ein (sicher­lich auch ganz geiles) Berufs­leben als Auto­la­ckierer vor, um dann aber über­ra­schend doch noch Bun­des­li­ga­profi zu werden und dem­nächst viel­leicht eine WM zu spielen. Was uns, die wir nicht mal die ange­strebte Umschu­lung vom Schrei­ber­ling zum Auto­la­ckierer hin­be­kommen, vor Bewun­de­rung sprachlos hin­ter­lässt. Bei seinem letzten Spiel gegen Frank­furt ver­ab­schie­dete sich Hahn nun stan­des­gemäß mit dem Siegtor zum 2:1. Die Sache mit den Happy-Ends hat er also schon mal ver­standen. 

Carlos Zam­brano
Ver­folgte man die Bericht­erstat­tung über Frank­furts Innenverteidiger/​Holzhacker Carlos Zam­brano in den letzten Monaten, hätte man den Ein­druck gewinnen können, dass Zam­brano den Geg­nern auf dem Platz die Kehle durch­beißt und nach dem Spiel geg­ne­ri­sche Sprung­ge­lenke rituell auf einem DFB-Regel­buch opfert. Was natür­lich nicht so ist, hoffen wir mal. Dass der Peruaner aber in der Tat ganz gerne mal hin­langt, konnte man in der 50. Minute des Spiels in Augs­burg sehen, als er das Fuß­ge­lenk seines Gegen­spie­lers Ost­rzolek so beherzt und gan­denlos in den Augs­burger Boden trat, dass an genau dieser Stelle im Spät­sommer wahr­schein­lich ein Baum der Schmerzen wachsen wird. Rot hat Frank­furts Fuß­ball spie­lender Press­luft­hammer für seinen Tritt übri­gens nicht gesehen. Wahr­schein­lich hatte Schiri Daniel Sie­bert ein­fach Angst, von Zam­brano noch auf dem Spiel­feld in zwei Teile gegrätscht zu werden. 

Patrick Rakovsky
Auch den bit­teren Gang in die Zweite Liga antreten muss der 1. FC Nürn­berg. Dass wir uns an dieser Stelle Ersatz­tor­hüter Patrick Rakovsky her­aus­pi­cken, hat nur bedingt mit feh­lendem Fin­ger­spit­zen­ge­fühl unse­rer­seits zu tun. Viel eher liegt es daran, dass Rakovskys Eigentor im Spiel gegen Schalke irgendwie bezeich­nend für die gesamte Nürn­berger Saison war. Ein Schuss von Chinedu Obasi klatschte in der 92. Minute gegen den Pfosten, von dort an Rakovskys Rücken und ins Netz. Dafür konnte Rakovsky frei­lich nichts, zudem war das Spiel ohnehin schon gelaufen, den­noch ist sein Eigentor ein pas­sendes Symbol für eine Nürn­berger Saison, die ins­ge­samt unglück­li­cher ver­lief als ein Besuch von Naddel bei der Berufs­be­ra­tung. Zumin­dest aber wissen sie in Nürn­berg, wie man wieder auf­steigt. Sie haben das ja oft genug schon üben können. 

Levan Kobia­sh­vili
Als Levan Kobia­sh­vili 1998 zum SC Frei­burg kam, stand der 1. FC Kai­sers­lau­tern vor der Meis­ter­schaft als Auf­steiger, Hansa Ros­tock stürmte in den UI-Cup, Nasen­pflaster waren ein all­seits aner­kanntes Fuß­baller-Acces­soire, ein talen­tierter junger Sprech­ge­sangs­künstler namens NANA schenkte uns unver­gess­liche Hits und wir hielten Babalou für die Krone der Getränke-Evo­lu­tion. Nun hängt Her­thas geor­gi­scher Ver­tei­diger seine mit extra langen Schraub­stollen aus­ge­stat­teten Schuhe an den Nagel und das stimmt uns traurig, denn mit ihm geht eines der letzten Relikte aus der seligen, unschul­digen Fuß­ball­zeit kurz vor der end­gül­tigen Durch­kom­mer­zia­li­sie­rung. Aber so ist das wahr­schein­lich ein­fach, Zeit ver­geht, Babalou schmeckt nicht mehr, für ein Nasen­pflaster wird man trotz der wis­sen­schaft­lich nach­ge­wie­senen Vor­züge auf dem Bolzer gna­denlos aus­ge­lacht, wir warten immer noch ver­ge­bens auf die nächste NANA-Platte und Fri­suren wie die von Kobia­sh­vili machen sie heute auch nicht mehr. Wir werden ihn ver­missen. Schnüff.

Ivan Perisic
Als Ivan Perisic im Spiel gegen Glad­bach mit nur einem Schuss dreimal Alu­mi­nium traf, ließ uns das zunächst einen skep­ti­schen Blick auf das Halt­bar­keits­datum der Son­der­posten-Schmier­wurst werfen, die wir gerade löf­felten. Erst die Zeit­lupe bewies, dass wir nicht hal­lu­zi­nierten. Perisic schoss aus spitzem Winkel aufs Tor, der Ball flog zunächst an den linken Pfosten, dann an die Latte und schließ­lich an den rechten Pfosten, von wo er wieder zurück ins Feld sprang. Viel­leicht Zufall, viel­leicht ein Knick in den phy­si­ka­li­schen Gesetzen des Uni­ver­sums, in jedem Falle aber ein Pfosten-Latte-Pfos­ten­treffer, der so unwahr­schein­lich ist, dass Galileo Mys­tery“ am heu­tigen Montag ver­mut­lich eine Son­der­sen­dung über diesen Schuss aus­strahlen wird, um zu klären, ob da nicht viel­leicht über­na­tür­liche Kräfte am Werk waren.

Mario Vrancic
Gra­tu­lieren möchten wir an dieser Stelle Mario Vrancic und dem SC Pader­born, der am Wochen­ende den Auf­stieg in die Bun­des­liga ein­tü­tete. Vrancic stach beim zähen 2:1‑Sieg mit einem Tor und einer Tor­vor­lage heraus, also sind wir in erster Linie ihm zu Dank ver­pflichtet, dass wir uns nächste Saison so Knal­ler­be­geg­nungen wie Pader­born-Hof­fen­heim, Pader­born-Augs­burg oder auch Pader­born-Wolfs­burg ansehen dürfen. Ob in der Sky“-Geschäftsstelle schon resi­gnie­rend Schnaps getrunken wird, wissen wir nicht. In jedem Falle aber Glück­wunsch zum Auf­stieg!