Herr Buncol, Sie sind im pol­ni­schen Gli­wice (deutsch: Glei­witz) geboren, genauso wie Lukas Podolski, Thomas Sobotzik, Martin Skaba und Sebas­tian Boe­nisch. Ist Gli­wice eine Fuß­ball­stadt?

Dass Spieler wie Podolski von dort kommen, ist nicht mehr als Zufall. Denn eigent­lich ist Gli­wice keine rich­tige Fuß­ball­stadt. Zumin­dest war sie es lange Zeit nicht. Piast Gli­wice hat immer in der zweiten Liga gespielt. Erst seit 2008 kicken die in der ersten pol­ni­schen Liga. An sich ist die Stadt viel­leicht ver­gleichbar mit einer Stadt aus dem Ruhr­ge­biet wie Essen oder Gel­sen­kir­chen. Auch in Gli­wice wird Kohle geför­dert. Nur dass Gli­wice weniger fuß­ball­ver­rückt ist. 



Die meisten bekannten Spieler aus Gli­wice haben Polen bereits in ihrer Kind­heit oder Jugend ver­lassen. Sie nicht. Erst mit 27 haben Sie sich für einen aus­län­di­schen Verein ent­schieden. Warum?

Die jün­geren Genera­tionen haben es heute viel ein­fa­cher. Als ich Fuß­ball gespielt habe, war das zur Zeit des pol­ni­schen Kom­mu­nismus. Da hat der pol­ni­sche Fuß­ball­ver­band ein­fach nicht erlaubt, dass ein Spieler unter 28 ins Aus­land wech­selt. Für mich war das natür­lich bitter. Bei der WM 82 in Spa­nien habe ich alle Spiele von der ersten bis zur letzten Minute gespielt. Wir sind WM-Dritter geworden. Und nach dem Tur­nier musste ich ein Angebot von Juventus Turin aus­schlagen, weil es unmög­lich war, die Liga zu ver­lassen, schließ­lich war ich erst 23.

Den­noch sind Sie mit 27 anstatt 28 Jahren gewech­selt. Wie kam es zu diesem Regel­bruch?

In Polen herrschte der Aus­nah­me­zu­stand. An der Macht war nicht die Regie­rung, son­dern das Militär. Das hatte auch Ein­fluss auf den Fuß­ball. So gab es im Land ins­ge­samt zwei Mili­tär­mann­schaften, die vom Militär gesponsort waren. Die eine war in Breslau, die andere in War­schau. Das Militär hat diesen Zustand aus­ge­nutzt und mich für zwei Jahre zu Legia War­schau geholt, da ich noch keinen Wehr­dienst geleistet hatte. Dort habe ich dann für zwei Jahre einen Ver­trag unter­schrieben. Als es später zu neuen Ver­trags­ver­hand­lungen gekommen ist, habe ich gesagt, dass ich nur ver­län­gere, wenn ich nach der WM 86 den Verein ins Aus­land ver­lassen darf. Da sie mich halten wollten, konnten wir uns einigen.

Wenn Sie sich einen Verein in Polen hätten aus­su­chen können, wäre es dann Legia War­schau gewesen?

Nein, ich wollte nie nach War­schau gehen. War­schau war die Haupt­stadt, dort trugen die Men­schen ihre Nase etwas höher. Ich kam aus Schle­sien. Da bestand eine natür­liche Riva­lität zu War­schau, weil die in der Haupt­stadt der Mei­nung waren, sie seien etwas Bes­seres. Viel­leicht war es von der Men­ta­lität her ver­gleichbar mit einem Wechsel von Köln nach Düs­sel­dorf.

Wie war Ihre Zeit in War­schau?


Für mich war es das Wich­tigste, dass ich keinen nor­malen Wehr­dienst leisten musste. Ich habe zwar eine Mili­tär­uni­form bekommen. Aber die habe ich in den Schrank gehängt und nach zwei Jahren wieder raus­ge­holt, um sie abzu­geben. Ich konnte in zivil rum­laufen und mich – wie jeder andere Fuß­baller – frei bewegen. Und das Trai­ning war nur vor­mit­tags und nach­mit­tags. Ansonsten stand mir meine Zeit frei zur Ver­fü­gung. Hätte ich zum nor­malen Wehr­dienst antreten müssen, wäre meine Fuß­ball­kar­riere viel­leicht beendet gewesen. Also kann ich im Nach­hinein nur sagen: Klar, ich war in War­schau, wo ich nicht hin wollte, aber zumin­dest konnte ich meinen Beruf aus­üben. Das war sehr viel wert.

Nach der WM 86 sind sie dann zum FC 08 Hom­burg gewech­selt. Hom­burg statt Turin. Wie kam das zustande?

Vor der WM war ich mir nicht sicher, ob Polen stark genug ist, einen ähn­li­chen Erfolg wie den dritten Platz bei der WM 82 zu wie­der­holen. Schließ­lich hatten wir eine starke Gruppe und hätten auch in der Vor­runde schei­tern können. Und wenn du in der Vor­runde raus­fliegst, dann inter­es­siert sich kein Schwein für dich. Kein Turin, und auch kein Hom­burg. Also musste ich über­legen, ob ich auf Risiko gehe: Kommen wir wieder so weit oder nicht, spiele ich um einen Ver­trag bei einem großen Verein oder nicht? Mir war eigent­lich klar, dass die Mann­schaft nicht so gut war wie 82. Wir waren alle älter geworden. Daher habe ich letzt­lich nach dem Motto gehan­delt: Haupt­sache, ins Aus­land.

Und dieses Motto führte dann zum Wechsel nach Hom­burg?

Auf die WM in Mexiko haben wir uns 10 Tage in Nürn­berg vor­be­reitet. Dort sind Berater auf mich zuge­kommen. Ich habe nicht lange über­legt und den Ver­trag in Hom­burg unter­schrieben, bevor wir nach Mexiko gereist sind. Ich dachte mir: Hom­burg ist zwar ein kleiner Verein, aber wenn ich dort gut spiele, kann ich immer noch wech­seln. Das war sicher­lich die weniger ris­kante Vari­ante, aber im End­ef­fekt habe ich alles richtig gemacht. Wir haben mit Polen die Vor­runde nur mit Mühe über­standen und waren dann im Ach­tel­fi­nale direkt weg. Und mit Hom­burg sind wir im ersten Jahr Bun­des­liga nicht abge­stiegen. Das war für Hom­burg­sche Ver­hält­nisse schon ziem­lich gut. Schließ­lich hatten wir keine allzu gute Mann­schaft.

Eine Mann­schaft, zu der auch Jimmy Hartwig zählte.


Ja, aber Jimmy war zu der Zeit kör­per­lich schon kaputt. Er konnte nicht mehr laufen und hat ständig Pro­bleme mit seinem Knie gehabt. Wenn er gespielt hat, hat er das Bein nach­ge­zogen. Jeder konnte sehen, dass er nicht fit war. Leider hat sein Knie ein­fach nicht mehr mit­ge­macht. Aber als Kol­lege war er super okay. Ein netter, lus­tiger Kerl, der mir sehr geholfen hat.

Neues Land, fremde Sprache, neue Mann­schaft. Wie kamen Sie denn zurecht?

Es war nicht ein­fach für mich. Am Anfang konnte ich fast gar nichts ver­stehen. Aber mit der Zeit habe ich immer mehr Wörter gespei­chert. Mitt­ler­weile haben die Bra­si­lianer bei Bayer Lever­kusen einen Dol­met­scher auf dem Trai­nings­platz. Damals war das anders. Ich habe ein­fach geguckt, was meine Mit­spieler machen, und das gleiche getan. Und irgendwie kommt man dann zurecht. Natür­lich war es nicht leicht, aber die Fuß­ball­sprache lernt man doch auf kurz oder lang.

Nach einer Saison Hom­burg sind sie nach Lever­kusen gewech­selt und haben die deut­sche Staats­bür­ger­schaft ange­nommen, was in der pol­ni­schen Öffent­lich­keit als Skandal emp­funden wurde.

Bei Lever­kusen waren wir fünf Aus­länder (Bum-kun Cha, M.Q. da Paixao Tita, Minas Hant­z­idis, Flo­rian Hin­ter­berger und Andrzej Buncol, Anm. d. Red.). Das waren zwei zu viel, da laut Regeln nur drei Spielen durften. Da mein Vater aber in Deutsch­land geboren wurde, war es kein Pro­blem, die deut­sche Staats­bür­ger­schaft anzu­nehmen. Das habe ich auch gemacht.

Und die Reak­tionen fielen heftig aus. Die pol­ni­sche Öffent­lich­keit sah darin einen Skandal. Haben sie das nach­voll­ziehen können?

Nein, denn ich habe meinen pol­ni­schen Pass nicht abge­geben. Ich hätte noch 50 wei­tere Spiele für Polen machen können. Wenn ich den pol­ni­schen gegen den deut­schen Pass ein­ge­tauscht hätte, okay…, aber das habe ich nicht. Trotzdem hat mich die pol­ni­sche Presse ziem­lich weg­ge­putzt. Die haben mich Ver­räter genannt und Jagd auf mich gemacht, als hätte ich den Staats­prä­si­denten erschossen. Aber das Pro­blem war ein ganz anderes: Antoni Piech­niczek hatte nach der WM 86 seinen Trai­ner­stuhl geräumt und Platz für Wojciech Lazarek gemacht. Mit seiner ersten Amts­hand­lung hatte der erst mal erklärt, dass er auf alle im Aus­land spie­lenden Pofis ver­zichtet. Danach spielte die pol­ni­sche Natio­nal­mann­schaft wirk­lich schlecht. Und weil ich nicht mehr mit­spielte, war ich der Sün­den­bock. Dass ich nicht mehr für Polen gespielt habe, lag aber nicht an meinem deut­schen Pass, son­dern am Trainer.

Wie nah ging Ihnen die öffent­liche Reak­tion in Polen?

Ich war nicht belei­digt, aber traurig. In meinen Augen hatte ich nichts Schlimmes gemacht. Es gibt Hun­derte Polen, die es gemacht haben wie ich. Nur ich war bekannt, ich war Fuß­baller, und dann mussten sie drauf­hauen. Das habe ich damals als sehr unge­recht emp­funden. Irgend­wann hat sich das Ganze nor­ma­li­siert. Aber das erste halbe Jahr war schon heftig.

Mit Trainer Erich Rib­beck hatten sie bei Lever­kusen einen Trainer, der nicht unbe­dingt für hef­tige Reak­tionen bekannt ist. Es heißt, er pflege zivi­li­sierte Umgangs­formen und sei nie laut geworden.

Wer das sagt, hat keine Ahnung. Ich habe Rib­beck oft genug laut erlebt. Schließ­lich ist es für uns in der Bun­des­liga zunächst nicht gut gelaufen.

Dafür umso besser im Uefa-Pokal. Sie haben gleich in ihrer ersten Saison den Titel geholt. Doch das Final-Hin­spiel bei Espanyol Bar­ce­lona wurde mit 0:3 ver­loren. Wie haben Sie sich danach noch moti­viert?


An das Finale kann ich mich noch genau erin­nern. Wir hatten das Spiel eigent­lich unter Kon­trolle. Und das hört sich bei einem 0:3 total Banane an. Aber im Hin­spiel waren wir sehr gut, hatten zwei, drei gute Chancen, bis Espanyol kurz vor der Halb­zeit mit der ersten Chance das 1:0 machte. Dann sind wir in die Kabine gegangen und haben uns gesagt: Das drehen wir gleich noch.“ Auf dem Platz sah das dann anders aus. Zu Beginn von Hälfte zwei haben wir uns das 0:2 gefangen, dann das 0:3, und das war´s. Noch wäh­rend des Rück­flugs aus Bar­ce­lona hat Rib­beck sich ein Mikrofon genommen und gesagt: Es ist noch nichts ver­loren. Wir haben noch ein Rück­spiel, in dem wir das Ergebnis drehen können.“ Viele Leute im Flug­zeug haben geschmun­zelt, und die VIPs haben ihn aus­ge­lacht. Doch ich habe daran geglaubt, denn wir waren die bes­sere Mann­schaft, obwohl wir 0:3 ver­loren hatten.

Das Rück­spiel gab Erich Rib­beck und Ihnen Recht. Warum ist Bar­ce­lona so ein­ge­bro­chen?


Ich hatte das Gefühl, Espanyol ist sich zu sicher. Mit dem 3:0 im Rücken dachten die wohl, die Sache sei schon gelaufen. Die sind mit der Ein­stel­lung auf den Platz gegangen, dass nichts mehr pas­sieren kann.

Und zunächst sah es auch danach aus. Zur Halb­zeit stand es noch 0:0. Was haben sie gedacht, als sie in der Kabine saßen?


Wir müssen immer weiter machen und alles pro­bieren. Wir brau­chen das erste Tor, dann nehmen wir die Zuschauer mit.“ Das habe ich gedacht. Ich wollte uns ein­fach nicht auf­geben. Und das hat auch funk­tio­niert. Mit dem ersten Tor kam das Sta­dion, es tobte. Und dann haben wir den nötigen Druck auf­ge­baut, das 2:0 und 3:0 geschossen und das Spiel im Elf­me­ter­schießen gedreht – unglaub­lich.

Ihr größter Erfolg als Spieler?

Nein, es war ganz sicher ein Rie­sen­er­folg. Aber mein größter Erfolg war der dritte Platz mit Polen bei der WM 82.

Ich nehme an, sie haben den Lever­ku­sener Euro­po­kal­sieg trotzdem gebüh­rend gefeiert…


Wir haben drei Tage gefeiert. In der Nähe vom Sta­dion war eine große Halle, in der wir die ganze Nacht Party gemacht haben. Am nächsten Tag dann mit dem Auto­korso durch Lever­kusen, ein Besuch beim Bür­ger­meister und Freitag ab ins Trai­nings­lager, wo wir uns auf das letzte Bun­des­li­ga­spiel gegen Bayern vor­be­reitet haben. Am Samstag vor dem Spiel wurden noch Fotos mit dem Pokal gemacht und ein biss­chen von dem übli­chen Trara, dann ging es los. Ich muss schon sagen, dass wir recht ordent­lich gefeiert hatten, aber irgendwie haben wir es im Laufe des Spiels geschafft, 3:0 vorne zu liegen. Wir waren so eupho­risch, dass wir uns in einen Rausch gespielt haben. Am Ende haben wir noch 3:4 ver­loren. Aber die Haupt­sache war ja, dass die Fans ein gutes Spiel gesehen haben. Also haben wir danach wei­ter­ge­feiert.


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