Sechs ver­schie­dene Teams standen im Ver­lauf der Saison 2008/09, deren Finale sich jetzt zum zehnten Mal jährt, an der Tabel­len­spitze. Heute, wo man sich schon dar­über freut, wenn über­haupt mal wieder ein Verein dem FC Bayern über einen etwas län­geren Zeit­raum Paroli bieten kann, klingt das nach einem prallen Pot­pourri. Neben ihrer schieren Viel­falt wusste diese Spiel­zeit auch mit einer gewagten Plot­ent­wick­lung zu über­zeugen.

Wann kommt es schon vor, dass der Neunte der Vor­runde am Ende die Meis­ter­schaft feiert, wäh­rend der Herbst­meister noch auf Platz sieben durch­ge­reicht wird? Gleich­zeitig wurde das Jahr aller­dings ein Avant­gar­dist des modernen Bun­des­liga-Zeit­al­ters, waren es doch nicht der VfL Bochum oder der Karls­ruher SC, die ihm seinen Stempel auf­drückten, son­dern die als Retor­ten­klubs geschmähten Hof­fen­heim und Wolfs­burg. Und den­noch: ein Jahr voller Dramen und Skur­ri­li­täten. Vor­hang auf.

VFL WOLFS­BURG
4. JUNI 2007
Nach seiner Ent­las­sung beim FC Bayern im Januar 2007 findet Felix Magath end­lich Zeit, seinen Vater in der Karibik zu besu­chen. An seinem Domizil hat Magath kaum Han­dy­emp­fang. Er ver­bringt die Tage weit­ge­hend ohne Stör­ge­räu­sche aus Deutsch­land und ver­folgt das Bun­des­li­ga­ge­schehen eher peri­pher. Als beim Ein­kauf im nächst­ge­le­genen Ort das Telefon klin­gelt, ist die Nummer unter­drückt. Magath hebt ab und hört die Stimme von VW-Boss Martin Win­ter­korn. Der VfL Wolfs­burg sei auf der Suche nach einem Sport­di­rektor, ob er sich eine der­ar­tige Funk­tion vor­stellen könne? Am nächsten Tag besteigt Magath einen Flieger, der ihn über New York nach London bringt, von wo es im VW-eigenen Pri­vatjet nach Braun­schweig geht. Von Trainer Klaus Augen­thaler hat sich der VfL am Sai­son­ende getrennt, als um Haa­res­breite der Abstieg ver­mieden wurde. Als Magath vom ver­sam­melten Auf­sichtsrat gefragt wird, wen er als desi­gnierter Sport­di­rektor in dieser schwie­rigen Situa­tion als Coach holen würde, schmun­zelt er. Kurz über­schlägt er, welche Kan­di­daten auf dem Markt sind, und ant­wortet in der ihm typi­schen Art: Mich!“

BAYERN MÜN­CHEN
30. JUNI 2008
Als der neue Bayern-Trainer Jürgen Klins­mann die Mann­schaft zum Trai­nings­auf­takt bittet, hat er das erste Groß­pro­jekt seiner Ära bereits beendet. 15 Mil­lionen Euro hat der Verein inves­tiert, um das Gelände an der Säbener Straße in ein Leis­tungs­zen­trum nach seinem Gusto zu ver­wan­deln. Lounge-Möbel, neue Fit­ness­räume und ein E‑Lear­ning-Room“ sollen den Spie­lern den neu ein­ge­führten Acht-Stunden-Tag ver­süßen. Ein Ener­gie­feld“ wolle er auf­bauen, das den Spie­lern viel Spaß machen wird“, hat er ver­kündet. Ein von Klins­mann mit­ge­brachter Innen­ar­chi­tekt lässt Bud­dha­fi­guren im Funk­ti­ons­ge­bäude auf­stellen, die Erfolgs­schwin­gungen aus­senden sollen. Aus den USA hat der Coach Spe­zia­listen mit nach Mün­chen gebracht, doch weder der mexi­ka­ni­sche Co-Trainer Martin Vasquez noch der bra­si­lia­ni­sche Fit­ness­coach Mar­celo Mar­tins spre­chen Deutsch. Klins­manns Mantra: Wir wollen jeden Ein­zelnen jeden Tag ein Stück wei­ter­bringen, auf und außer­halb des Platzes.“ Er will alles ver­än­dern, am besten sofort. Bei der ersten Pres­se­kon­fe­renz im Amt lässt er mit­teilen, er sei all­er­gisch gegen Blitz­licht und das Kli­cken der Aus­löser störe ihn. Ein Eklat im medialen Treib­haus, in dem der FC Bayern seit jeher gedeiht. Und ein erster Riss im Ver­hältnis zu den Jour­na­listen, das sich nicht mehr ver­bes­sern wird.

BORUSSIA DORT­MUND
4. SPIELTAG
Als Jürgen Klopp in Dort­mund anheuert, hat der Klub sport­lich schwere Jahre und eine Bei­nahe-Insol­venz hinter sich. Doch auch der ehe­ma­lige Mainzer Coach muss erst noch beweisen, dass der west­fä­li­sche Tra­di­ti­ons­verein seine Kra­gen­weite ist. Im Derby gegen Schalke liegen Klopps Borussen schon mit 0:3 hinten, kurz darauf ver­gibt Kevin Kuranyi eine hun­dert­pro­zen­tige Chance zum sicheren 0:4. Statt­dessen kommt Dort­mund durch ein Abseitstor und einen unbe­rech­tigten Hand­elf­meter noch zum 3:3. Manchmal ent­scheidet sich der Ver­lauf einer Trai­ner­kar­riere an einem ein­zigen Tag.

BAYERN MÜN­CHEN
5. SPIELTAG
Nach 67 Minuten liegt Klins­manns Elf mit 0:5 gegen Werder zurück. Zu Hause. Zum Wiesn-Auf­takt. Auch zwei Tore von Tim Borowski gegen seinen Ex-Klub können das Debakel nicht ver­hin­dern. In der Folge wird Kritik am 3 – 5‑2-System und dem Hang des Trai­ners zur Radi­kal­ro­ta­tion laut. Chris­tian Ner­linger ist der Erste, der seine Zweifel auf der Geschäfts­stelle offen kundtut. Doch als der Team­ma­nager zag­haft vor­bringt, dass der Trainer-Coup mög­li­cher­weise ein Fehler gewesen sein könnte, wollen Karl-Heinz Rum­me­nigge und Uli Hoeneß nichts davon wissen. Dabei nennen die Spieler den Trainer mit dem Son­nyboy-Lächeln inzwi­schen hinter vor­ge­hal­tener Hand den Hi-Hi-Hi“. Später sagt Sommermärchen“-Held Bas­tian Schwein­s­teiger zu den Bossen: Warum habt ihr uns nicht vorher wenigs­tens mal gefragt? Dann hätte ich euch gesagt, wie es bei der Natio­nalelf gelaufen ist.“ Was er meint: Klins­mann war als Bun­des­trainer für alles zuständig, nur nicht für die Arbeit auf dem Rasen. Die hat Jogi Löw gemacht.

TSG HOF­FEN­HEIM
6 . SPIELTAG
Die TSG Hof­fen­heim ist sicher nicht der belieb­teste Bun­des­li­ga­neu­ling, doch im Herbst 2008 machen viele Freunde des schönen Spiels vor­über­ge­hend ihren Frieden mit dem Team aus dem Kraichgau. Ver­ant­wort­lich dafür ist aus­ge­rechnet eine Nie­der­lage: In Bremen ver­lieren die Hof­fen­heimer mit 4:5, nachdem sie zuvor einen 1:4‑Rückstand auf­ge­holt haben. Es ist das spie­le­risch spek­ta­ku­lärste Spiel der gesamten Saison, und auf einmal pas­siert etwas, was die Ver­ant­wort­li­chen der TSG sich von Anfang an erhofft haben: dass ihre Mann­schaft nicht mehr nur als von Dietmar Hopp ali­men­tierte Mil­lio­nen­truppe gesehen wird, son­dern als eine Ansamm­lung junger Him­mels­stürmer, die mit berau­schendem Angriffs­fuß­ball das Publikum ver­zau­bern. Als wir mit dem Bus vom Sta­dion zum Flug­hafen gefahren sind, haben sogar die Bremer Fans applau­diert“, erin­nert sich der dama­lige Manager Jan Schin­del­meiser. 4:1 gegen Dort­mund, 5:2 in Han­nover, 3:0 gegen den HSV: Im Ver­lauf der Hin­runde spielen Carlos Edu­ardo, Chinedu Obasi und Demba Ba die Gegner zeit­weise in Grund und Boden, wäh­rend vorne der Bos­nier Vedad Ibi­sevic so ver­läss­lich knipst, dass sich manche schon an den ewigen Gerd Müller erin­nert fühlen. Und der auch nicht schlechte Innen­ver­tei­diger Mat­thias Jaissle ist nach jedem Trai­ning heil­froh, dass die Jungs am Wochen­ende in meinem Team sind“.

HERTHA BSC
7. SPIELTAG
In der zweiten Saison von Lucien Favre hält sich Hertha BSC von Anfang an im Vor­der­feld auf. Das ist zum einen den beiden Stür­mern Marko Pan­telic und Andrej Woronin zu ver­danken, auch wenn Favre meist nur einen von beiden auf­laufen lässt. Zum anderen aber auch der sta­bilen Defen­sive um die beiden inter­na­tional erfah­renen Ver­tei­diger Josip Simunic und Arne Fried­rich. Und dann ist da noch Tor­wart Jaroslav Drobny. Der knapp 30-jäh­rige Tscheche ist auf dem Zenit seines Schaf­fens. Dass die Ber­liner in Lever­kusen mit 1:0 gewinnen, ist allein ihm zu ver­danken, was Lucien Favre nach dem Spiel zu einem inter­es­santen Ver­gleich ani­miert. Drobny“, sagt er, hat gehalten wie Jesus.“ Auch der Trainer selbst erar­beitet sich in dieser Zeit einen exzel­lenten Ruf, zumin­dest in Bezug auf seine Arbeit mit dem Team. In Fragen der Kader­pla­nung gilt er hin­gegen als großer Zau­derer, der nicht nur Manager Dieter Hoeneß zur Ver­zweif­lung bringt. Auf der Hertha-Geschäfts­stelle kur­siert damals ein Witz: Wenn Favre im Super­markt steht, wird er ver­hun­gern, weil er nicht weiß, ob er Wurst, Käse oder Milch kaufen soll.“

BAYERN VS. HOF­FEN­HEIM
16. SPIELTAG
In den Tagen vor dem Spit­zen­spiel des Zweiten gegen den Ersten steht Hof­fen­heim Kopf. Reporter und TV-Sender aus der ganzen Welt drängen sich auf dem länd­lich gele­genen Trai­nings­ge­lände der TSG, um ihr Publikum auf das Duell Welt­klub versus Dorf­klub vor­zu­be­reiten. Und der kecke Empor­kömm­ling macht das Spiel gerne mit. Wenn Sie flotte Sprüche hören wollen, dann müssen Sie nach Mün­chen gehen“, lässt Hof­fen­heims Trainer Ralf Rang­nick die Welt­öf­fent­lich­keit wissen. Wenn Sie flotten Fuß­ball sehen wollen, dann sind Sie bei uns genau richtig.“ Wäh­rend­dessen gibt sich Uli Hoeneß alle Mühe, mit der Mär vom beschei­denen Dorf­verein auf­zu­räumen. Da wird übri­gens mehr gezahlt, als sie überall rumer­zählen“, sagt der Wurst­fa­bri­kant vor der Partie. Am Ende gewinnen die Bayern durch ein Tor von Luca Toni in der Nach­spiel­zeit mit 2:1, doch die Hof­fen­heimer gehen mit der tröst­li­chen Erkenntnis aus dem Spiel, dass sie mit dem Rekord­meister durchaus mit­halten können – und eine Woche später sind Sie tat­säch­lich Herbst­meister. Damit endet die Halb­serie mit dem maximal mög­li­chen Erfolg, was dem Auf­steiger end­gültig den Status des Under­dogs nimmt. Sie ver­lieren ja kein Spiel absicht­lich“, sagt Jan Schin­del­meiser heute. Doch mit jedem wei­teren Spiel auf dem ersten Tabel­len­platz steigt die Erwar­tungs­hal­tung an diese junge Mann­schaft, und es ist nicht leicht, damit umzu­gehen.“ Was übri­gens nicht nur für die Spieler gilt. Der ganze Verein war berauscht“, sagt Vedad Ibi­sevic, doch damit ist es nicht nur für ihn nach dem Jah­res­wechsel schnell vorbei. Im Trai­nings­lager im spa­ni­schen La Manga reißt beim 18-fachen Tor­schützen der Hin­runde das Kreuz­band. Wäh­rend er nach der Ope­ra­tion im Kran­ken­haus liegt, schaut er im TV das Früh­stücks­fern­sehen“. Über­rascht sieht er einen Film­be­richt aus der Mann­schafts­ka­bine der Hof­fen­heimer – und fragt sich, ob sein Verein mög­li­cher­weise ein biss­chen die Boden­haf­tung ver­loren hat.

VFL WOLFS­BURG
JANUAR 2009
Das Ziel, das inter­na­tio­nale Geschäft zu errei­chen, liegt für den VfL Wolfs­burg in Magaths zweiter Saison in weiter Ferne, der VW-Klub belegt den neunten Tabel­len­platz. In der Win­ter­pause fragt Magath die Spieler unver­blümt, was ihre Ziele seien. Auf­grund der Situa­tion setzen die Füh­rungs­spieler niedrig an: UEFA-Cup! Doch Magath ant­wor­tete, er sei nach Wolfs­burg gekommen, um Meister zu werden“, erin­nert sich Marcel Schäfer, und fügt hinzu: Da haben wir uns natür­lich erst mal ver­wun­dert ange­schaut.“ Oft fühlt sich der Trainer zu dieser Zeit unver­standen. Er ist gekommen, um den Klub in der Tabelle nach oben zu bringen. Im UEFA-Cup hat sich der VfL als Grup­pen­sieger durch­ge­setzt. Den­noch ist die Kritik an ihm, seinen rigiden Methoden, seiner Art der Kom­mu­ni­ka­tion, sowohl in den Medien als auch im internen Zirkel nie abge­ebbt. Viel­leicht ist Wolfs­burg doch nicht reif für die große Bühne, denkt er, lässt die Option ver­fallen, seinen Ver­trag vor­zeitig um ein Jahr zu ver­län­gern – und kün­digt seinen Aus­stieg zum Sai­son­ende an.

HERTHA VS. BAYERN
20. SPIELTAG
Vor der Partie des Dritten gegen den Zweiten erkun­digt sich Bayern-Stürmer Miroslav Klose im Spie­ler­tunnel nach dem ihm unbe­kannten Bra­si­lianer Rodnei. Miro, pass auf, das ist ein rich­tiger Klotz“, ant­wortet Her­thas Pres­se­spre­cher Hans-Georg Felder. Der kann dir richtig weh tun.“ Später ist es jedoch vor allem Frank Ribéry, der gegen Rodnei keinen Stich bekommt. Nach dem 2:1 durch zwei Tore von Andrej Woronin ist Hertha erst­mals Tabel­len­führer.

TSG HOF­FEN­HEIM
21. SPIELTAG
Das Spiel in Stutt­gart steht sinn­bild­lich für die Rück­runde der TSG. Noch immer spielt die Mann­schaft zeit­weise groß­ar­tigen Fuß­ball, doch der Lauf, das Selbst­ver­ständ­liche der Hin­serie ist weg. Die Partie im Neckar­sta­dion schafft es in alle Jah­res­rück­blicke, weil Sejad Sali­hovic im Stutt­garter Fünf­me­ter­raum seinen Schuh ver­liert, den VfB-Keeper Jens Leh­mann gemei­ner­weise aufs Tor­netz schleu­dert. Um die Demü­ti­gung kom­plett zu machen, ver­schießt Sali­hovic in der Nach­spiel­zeit gegen Leh­mann einen Elf­meter. Die Gründe dafür, dass Hof­fen­heim die Tabel­len­spitze aus den Augen ver­liert, sind aller­dings viel­fältig. Der bewusst kleine Kader wird nach der inten­siven Vor­runde von Ver­let­zungen geplagt, neben Ibi­sevic fallen auch Chinedu Obasi, Carlos Edu­ardo und Mat­thias Jaissle länger aus. Über­dies birgt der Erfolg Risiken und Neben­wir­kungen, denn die Spieler der TSG werden von der Kon­kur­renz gejagt. Demba Ba und Obasi erhalten Ange­bote aus der Pre­mier League, Sali­hovic vom FC Bayern. Regel­mä­ßigen Beob­ach­tern fällt auf, dass der Fuhr­park der Profis im Laufe der Saison immer größer und teurer wird. Der­weil for­dert Erfolgs­trainer Rang­nick öffent­lich Ver­stär­kungen zur neuen Saison, was Dietmar Hopp nach­haltig ver­stimmt. Manager Schin­del­meiser kommt sich ange­sichts der unter­schied­li­chen Inter­essen manchmal vor wie ein Sand­wich.

HERTHA BSC
23. SPIELTAG
Dop­pelter Grund zur Freude für den Haupt­stadt­verein, der nicht nur mit 3:1 beim Angst­gegner Energie Cottbus gewinnt, son­dern seinen Vor­sprung an der Tabel­len­spitze auf vier Punkte aus­baut. Nach dem Abpfiff pro­biert Her­thas Manager ein paar unge­lenke Tanz­schritte am Mit­tel­kreis, die als Dieter-Hoeneß-Shuffle“ in die Bun­des­li­ga­ge­schichte ein­gehen. Am Abend macht Pres­se­spre­cher Felder für die Mann­schaft einen Tisch im Dis­coclub Felix“ am Bran­den­burger Tor klar. Pan­telic, Woronin, Fried­rich und Kol­legen werden durch den Hin­ter­ein­gang rein­ge­lassen, dann geht es mit dem Fahr­stuhl direkt ins Séparée. Dort fließ der Wodka in Strömen. Als der drei­fache Tor­schütze Woronin am nächsten Morgen nach dem Aus­laufen der Presse Rede und Ant­wort stehen soll, ist er noch kaum ver­hand­lungs­fähig. Man muss die Feste feiern, wie sie fallen, und tat­säch­lich ist für Hertha BSC mit diesem Spiel der Höhe­punkt der Spiel­zeit erreicht. Kurz darauf bedeuten drei Nie­der­lagen in Folge das Ende aller Meis­terträume, was den heu­tigen Hertha-Trainer und dama­ligen Mit­tel­feld­motor Pal Dardai aber nicht über­rascht. Zum Schluss war unser Glück auf­ge­braucht“, sagt er mit dem Abstand von zehn Jahren. Wir haben in diesem Jahr viele Spiele nur mit einem Tor Abstand gewonnen. Und wenn du zu viele knappe Ergeb­nisse hast, zeigt dies, dass du nicht die Klasse hast.“

WOLFS­BURG VS. BAYERN
26. SPIELTAG
Dieser Samstag wird den Wen­de­punkt in der Spiel­zeit mar­kieren. Der VfL Wolfs­burg und der FC Bayern liegen mit einem Punkt Rück­stand auf Hertha BSC auf Platz zwei und drei. Das Sta­dion in Wolfs­burg ist an und für sich keine Kulisse, die dem FC Bayern beson­deren Respekt abnö­tigt. Doch die Elf ist genervt von Klins­manns tak­ti­scher Plan­lo­sig­keit. Allein mit Parolen wie Pushen, pushen!“ und Wir müssen Gas geben!“ ist der Ver­bund hoch­de­ko­rierter Profis nicht zur Ein­heit zu ver­schweißen. Ganz anders die VfL-Akteure, die auf der Ziel­ge­raden der Saison spüren, wie ihnen das Trai­ning am Mount Magath“ wich­tige Sub­stanz gibt. Sie erteilen den Münch­nern eine Lehr­stunde. In der 89. Minute steht Ersatz­keeper Lenz bereit. Beim Stand von 5:1 wech­selt Magath Diego Benaglio aus. Natür­lich wusste ich“, sagt der Trainer, dass mir die Medien diese Aus­wechs­lung als späte Rache an den Bayern aus­legen würden.“ Doch er schwört, dass er mit dem Berater von Lenz ver­ab­redet habe, dem Keeper auf­grund seines nied­rigen Grund­ge­halts bei Spielen mit hoher Füh­rung Ein­satz­zeiten zu geben. Nach dem Spiel geht Jürgen Klins­mann, der zuvor stets das Kol­lektiv her­vor­ge­hoben hat, auf Distanz: Mir geht es darum, dass es eine reine Wil­lens­the­matik ist, sich auf­zu­op­fern für den FC Bayern. Das wurde nicht gemacht.“

BAYERN MÜN­CHEN
29. SPIELTAG
0:1 ver­liert der FC Bayern gegen Schalke. Noch einmal führt Jürgen Klins­mann im hell­blauen Ober­hemd an der Sei­ten­linie seinen Veits­tanz auf, geht jede Spiel­si­tua­tion pan­to­mi­misch mit. Oben auf der Ehren­tri­büne, neben Uli Hoeneß, sitzt Jupp Heynckes. Das Schicksal will es, dass er aus­ge­rechnet heute einer Ein­la­dung seines alten Freundes gefolgt ist. Nach dem Spiel werden die beiden am Tegernsee im Haus von Hoeneß essen und den Abend bei einem Glas Rot­wein aus­klingen lassen. Als Heynckes am nächsten Tag zurück nach Düs­sel­dorf fliegt, tagen an der Säbener Straße die Bayern-Bosse. Und als Heynckes in der Rhein­me­tro­pole landet, hat er bereits eine Nach­richt auf dem Handy: Sofort zurück­kommen! Am trai­nings­freien Mon­tag­morgen wird das Kapitel Klins­mann offi­ziell beendet, mit sofor­tiger Wir­kung über­nehmen Heynckes und Her­mann Ger­land. Es ist voll­bracht“, heißt es in einer SMS, die ein Bayern-Spieler nach dem Raus­wurf an einen TV-Jour­na­listen schickt. Bei all seinen Erneue­rungen hat der Schwabe offenbar eine Kern­kom­pe­tenz des Trai­ner­be­rufs ver­nach­läs­sigt: den Umgang mit seinen Spie­lern. Und Uli Hoeneß ant­wortet jenen, die Klins­mann mit dem frisch­ge­wählten US-Prä­si­denten ver­glei­chen: Wenn er der Obama des deut­schen Fuß­balls ist, bin ich Mutter The­resa.“

HAM­BURGER SV
31. SPIELTAG
In Ham­burg ereignet sich eine Tra­gödie in vier Akten. Der HSV ver­spielt in nur 19 Tagen alles – und jedes Mal heißt der Gegner Werder Bremen. Bis dahin ist im DFB-Pokal, im UEFA-Cup und in der Meis­ter­schaft alles mög­lich, dann aber treffen die Ham­burger inner­halb kür­zester Zeit in allen drei Wett­be­werben viermal auf den Rivalen von der Weser. Es beginnt mit dem DFB-Pokal­halb­fi­nale, in dem der HSV im Elf­me­ter­schießen schei­tert. Das Rück­spiel im UEFA-Cup steht auf des Mes­sers Schneide, als eine auf dem Spiel­feld lie­gende Papier­kugel einen Eck­ball ver­ur­sacht, den Frank Bau­mann zum vor­ent­schei­denden Bremer Treffer ein­köpft. Im Banne dieses Fluchs ver­lieren die Ham­burger auch das Meis­ter­schafts­spiel – und schließen die Saison als Tabel­len­fünfter ab. Martin Jol, der HSV-Trainer, der nach der Saison das Weite sucht, gibt zu Pro­to­koll: Ich kann Bremen nicht mehr sehen.“

VFB STUTT­GART
33. SPIELTAG
In einer Saison, in der fast jeder Klub aus der oberen Hälfte mal als Tabel­len­führer grüßt, lacht Stutt­gart um ein Haar zuletzt. Der VfB, der die Rück­runde noch einen Platz weiter süd­lich begonnen hat als Wolfs­burg, näm­lich auf Rang zehn, hat vor dem letzten Spieltag eine rea­lis­ti­sche Chance auf den Titel. Und das, obwohl mit Markus Babbel als Nach­folger des glück­losen Armin Veh ein Mann auf der Bank sitzt, der nicht einmal über eine Fuß­ball­leh­rer­li­zenz ver­fügt.

ARMINIA BIE­LE­FELD
34. SPIELTAG
Im Sai­son­ver­lauf ist der DSC Arminia meist in den nie­deren Tabel­len­re­gionen unter­wegs, steht aber selten ganz unten drin. Dann aller­dings ver­liert das Team mit 0:6 in Dort­mund, ver­harrt vor dem letzten Spiel auf Platz 16 und ani­miert die Klub­füh­rung zu einer bemer­kens­werten Panik­re­ak­tion: Sie ent­lässt Trainer Front­zeck und ver­pflichtet den als Feu­er­wehr­mann“ popu­lären, doch seit vier Jahren eme­ri­tierten Jörg Berger. Der wirkt auf den Kader indes weniger wie ein Retter, son­dern wie ein etwas aus der Zeit gefal­lener Onkel. Er hat viele Ein­zel­ge­spräche geführt“, sagt Artur Wich­niarek, damals bester Tor­schütze, aber was willst du in fünf Tagen groß ändern?“ Zu Wich­niarek meint Berger, er solle weiter so spielen und seine Buden machen, dann sei alles in Ord­nung. Da hat er mir aber nichts Neues gesagt.“ Die Arminen stürzen auf Platz 18 und Jörg Berger ist so schnell ver­schwunden, wie er gekommen war.

HERTHA BSC
34. SPIELTAG
Am letzten Spieltag ver­geigt Hertha die Qua­li­fi­ka­tion für die Cham­pions League, durch ein 0:4 beim Absteiger Karls­ruher SC. Nicht nur Andrej Woronin wun­dert sich über Lucien Favres Auf­stel­lung, denn der Trainer ver­bannt sowohl ihn als auch Kapitän Arne Fried­rich auf die Bank. Im Hertha-Umfeld hält sich hart­nä­ckig die abstruse Ver­schwö­rungs­theorie, dass sich der am Sai­son­ende schei­dende Manager nicht die Qua­li­fi­ka­tion für die Königs­klasse ans Revers heften soll. Tat­säch­lich ver­lässt Dieter Hoeneß nach einem Macht­kampf mit dem Prä­si­dium den Klub. Im Jahr darauf steigt Hertha ab, Favre wird nach dem siebten Spieltag ent­lassen.

VFL WOLFS­BURG
34. SPIELTAG
Der VfL besiegt den SV Werder mit 5:1. Die Mann­schaft legt nicht den Hauch eines Zwei­fels an den Tag, dass sie bereit für den Titel ist. Wir waren von den Fähig­keiten jedes Spie­lers absolut über­zeugt, wir hatten das Team ja in Gänze zusam­men­ge­stellt“, erklärt Magaths Co-Trainer Bernd Hol­ler­bach die Archi­tektur des Meis­ter­teams, und natür­lich war da das geniale Zusam­men­spiel, das unser Offen­siv­trio Misi­movic, Dzeko und Gra­fite an den Tag legte.“ Felix Magath been­dete zu seiner aktiven Zeit erfolg­reiche Spiel­zeiten stets mit einem feuchten Abend im Ham­burger Sze­ne­lokal Zwick“, wo er am Tresen saß und so lange Rot­wein in sich hin­ein­schüt­tete, bis es nicht mehr ging. In Wolfs­burg kommen auf ihn nun aber behörd­liche Pflichten zu. Nach dem Ein­trag ins Gol­dene Buch der Stadt darf er kurz am Weiß­wein nippen, dann tritt er gegen 22 Uhr vor 100 000 Fans auf und sagt mit einer satten Por­tion magath­scher Ironie: Ich bin ja seit einiger Zeit im Geschäft, aber ich muss sagen, es war auf keiner Sta­tion so schön wie hier.“ Sein Enga­ge­ment endet an diesem Tag. In wenigen Wochen wird er seinen Dienst auf Schalke antreten.