Seite 3: „Werder ist mehr als nur die Summe der Punkte"

Göd­decke: Das ist auch der Grund, wa­rum Koh­feldt noch im Amt ist. Weil die Klub­füh­rung trotz der Tabel­len­si­tua­tion genau weiß, welche Qua­li­täten er besitzt. Und dass unter diesen Vor­aus­set­zungen nie­mand den Job besser machen könnte. Ich bin kein Spieler, ich kann nur als Fan urteilen. Und da erzähle ich gerne die Geschichte, wie mich der Trainer vor dem Pokal­halb­fi­nale gegen die Bayern in der ver­gan­genen Saison gefragt hat, wie die Stim­mung inner­halb der Kurve ist. Machen Lucien Favre oder Hansi Flick so was auch?

Guer­rero: Der Weser-Kurier“ hat kürz­lich Namen wie Andreas Herzog oder Bruno Lab­badia in die Runde geschmissen, aber das nehme ich nicht ernst. Selbst wenn wir absteigen: Der rich­tige Trainer, um dann eine hoch­in­ter­es­sante Mann­schaft zusam­men­zu­stellen, wäre Koh­feldt.

Munk: Schon merk­würdig, dass wir alle so gelassen mit einem mög­li­chen Abstieg umgehen.

Guer­rero: Ich glaube, dass das alle, die auch nur einen Funken Ahnung vom Fuß­ball haben, schon in den fetten Cham­pions-League-Jahren nach der Meis­ter­schaft 2004 kommen gesehen haben. Die teuren Euro­pa­po­kalk­ader, die Ent­wick­lung des modernen Fuß­balls …

Göd­decke: … der Umbau des Sta­dions, die im Ver­gleich nied­ri­geren Zuschau­er­zahlen und schwä­chere Wirt­schafts­kraft …

Munk: Mein Neben­blogger hat neu­lich geschrieben, dass man dem Klub trotz der miesen Situa­tion auch des­halb nicht böse sein kann, weil wir hier seit drei Jahr­zehnten eigent­lich ein großes Wunder erleben. Ein Verein, der im Grunde genommen keine Spit­zen­mann­schaft hätte sein dürfen und trotzdem mehr Titel gewonnen hat als die halbe Liga zusammen. So lange standen wir auf der Son­nen­seite des Fan­da­seins. Jetzt kommt der Schatten.

Guer­rero: Werder ist mehr als nur die Summe der Punkte. Werder ist ein sozialer Raum, der für gewisse Werte steht, für Offen­heit, Tole­ranz, Lei­den­schaft, und ja, auch Treue zu einem Trainer, der zwar gerade keine Spiele gewinnt, aber für all diese Werte steht und auch des­halb so zu Werder passt. Viel­leicht kann man das alles nicht ver­stehen, wenn man nicht aus Bremen kommt. Im Rest des Landes gelten wir als armes Drecks­loch, dabei ist das eine wun­der­schöne, sehr lebens­werte Stadt mit einer ganz beson­deren Men­ta­lität, die von keiner anderen Insti­tu­tion so reprä­sen­tiert wird wie Werder. Mir geht es schon gar nicht mehr darum, ob wir absteigen. Son­dern, wie wir das tun. Mit wel­cher Hal­tung. Ich gehe lieber mit geradem Rücken in die zweite Liga und halte an den Idealen des Ver­eins fest, statt all das über Bord zu schmeißen, um ja nur irgendwie genü­gend Punkte zu holen. Das ist mir mehr wert als der Meis­ter­titel.

Bei Wie­senhof oder Wohn­in­vest kotze ich im Strahl“

Fernando Guerrero

Munk: Klingt ja sehr schön, aber so idea­lis­tisch geht es auch bei Werder nicht zu. Mit dem Solar­dach einen auf Öko machen und sich dann einen Hüh­ner­k­nast als Brust­sponsor holen, um nur ein Bei­spiel zu nennen. Damit hat sich der Verein auch ein Stück seines Images rui­niert.

Guer­rero: Gut, da gebe ich Dir Recht. Bei Wie­senhof oder Wohn­in­vest kotze ich noch immer im Strahl.

Göd­decke: Wenn wir hier am 16. Mai gegen Köln im Sta­dion stehen und uns von der Bun­des­liga ver­ab­schieden, werde ich heulen wie ein Schloss­hund. Auch weil ich weiß, was der Abstieg für Folgen hätte. Als wir 2016 fast runter mussten, wurden im Klub Listen mit Mit­ar­bei­tern auf­ge­stellt, die im Falle eines Abstiegs gekün­digt worden wären. Das macht mich auch des­halb betroffen, weil ich viele dieser Mit­ar­beiter per­sön­lich kenne.

Munk: Das ist halt das wirk­liche Pro­blem mit dem Gang in die zweite Liga. Wenn die Spieler ein paar hun­dert­tau­send Euro weniger ver­dienen, hält sich mein Mit­leid in Grenzen. Aber dann würden überall Abstriche gemacht werden müssen, die Hälfte des Etats würde weg­fallen. Machen wir uns nichts vor: Der Abstieg wäre für Werder eine wirt­schaft­liche Kata­strophe.

Guer­rero: Viel­leicht müssen wir die ganze Scheiße dann ein­fach aus­sitzen und darauf warten, dass sich all die Rum­me­nigges und Hopps an ihrer Gier ver­schlu­cken und das ganze kaputte System moderner Fuß­ball in sich zusam­men­kracht. Und in zwanzig Jahren feiern wir dann hier im Eisen“ viel­leicht doch noch eine Meis­ter­schaft.