Seite 2: „Wenn du erst mal dreißig bist, wird es eng“

Bar­ce­lona, Arsenal, Juventus, Liver­pool, Man­chester United: Es war nicht gerade Lauf­kund­schaft, die Sie aus dem Weg geräumt haben.
Aber es war ja, um den Begriff auf­zu­nehmen, auch keine Lauf­kund­schaft, die bei uns gespielt hat. Wir hatten Natio­nal­spieler aus Deutsch­land, Bra­si­lien, Kroa­tien, Bul­ga­rien und der Türkei, dazu noch einige, die auf dem Sprung waren. Und mit jedem großen Namen, den man aus dem Weg räumt, wächst man. Selbst wenn man zuvor auf dem inter­na­tio­nalen Par­kett noch nicht so zu Hause war.

Lässt sich das mit Borussia Dort­mund vor zwei Jahren ver­glei­chen? Auf einmal ist da ein Gefühl, die Welt aus den Angeln heben zu können?
Ich glaube, dass wir die noch etwas fei­nere Klinge gespielt haben als der BVB. Dort­mund pflegt einen anderen Stil, über­fall­artig und mit unheim­lich viel Tempo. Jürgen Klopp hat aus dem Nichts eine Mann­schaft auf­ge­baut, die ihm überall hin gefolgt ist. Ich wage ein­fach mal zu behaupten, ohne den Trainer hätten sie das nicht geschafft. Sein Ein­fluss war wahr­schein­lich größer als der jedes anderen Trai­ners auf eine Mann­schaft.

Und Topp­möller hat damals ein­fach gesagt: Ich habe eine geile Truppe, und die lasse ich jetzt ein­fach mal spielen.“
So unge­fähr, aber Toppi hat das sehr gut gemacht. Er hatte das rich­tige Gefühl dafür, was diese Mann­schaft braucht. Manchmal können ja schon kleine Dinge dafür sorgen, dass etwas aus dem Ruder läuft.

Nach dem 2:2 im Halb­fi­nale bei Man­chester United wurde die Bayer-Elf im Old Traf­ford mit ste­henden Ova­tionen ver­ab­schiedet.
Das war eine Gän­se­h­aut­at­mo­sphäre, die ich nie ver­gessen werde. Dort so zu bestehen, war toll.

Stimmt es, dass die Mann­schaft beim Rück­spiel bereits auf dem Zahn­fleisch ging?
Wir hatten viele Ver­letzte. Jens Nowotny hatte sich das Kreuz­band gerissen, Zoltan Sebe­scen hat mit einem Knor­pel­schaden gespielt und sich dabei das Knie rui­niert. Wegen der Drei­fach­be­las­tung waren die meisten an ihre kör­per­li­chen Grenzen gestoßen, und es war offen­sicht­lich, dass wir auf der Felge liefen.

Über das 1:1 im Rück­spiel hat Reiner Cal­mund später gesagt: Danach habe ich Bal­lack zum Ritter geschlagen. Er ist schon halb bei Bayern Mün­chen, hat die WM vor der Brust und wirft sich in jeden Ball, als gäbe es kein Morgen.
Das Lob ehrt mich, aber wenn du nach der Saison zu einem direkten Kon­kur­renten wech­selst, musst du tat­säch­lich noch bes­sere Leis­tungen bringen, um einen ver­söhn­li­chen Abschluss zu errei­chen. Außerdem ging es immerhin darum, die Cham­pions League zu gewinnen. Die Chance dazu hat man im Leben nicht so oft.

Hat das Team daran geglaubt, im Finale als Sieger vom Platz zu gehen?
Ja, klar. Letzt­lich ist es ja auch nur an ein paar Klei­nig­keiten geschei­tert. Zum Bei­spiel war Zé Roberto wegen eines blöden Ball-Weg­tip­pelns für das Finale gesperrt. Das hat uns sehr weh getan.

Am Ende hat Bayer nicht nur den Cham­pions-League-Titel ver­spielt. Wie konnte es pas­sieren, dass diese tolle Elf kom­plett leer aus­ging?
Das fragen sich die Leute in Lever­kusen wahr­schein­lich noch heute.

War der Kader zu klein?
Mag sein. Bayer Lever­kusen konnte zwar damals in einen Top­kader inves­tieren, aber eben nicht in zwanzig Spieler. So hat man dann gesagt, wir haben zehn, elf richtig gute Leute und schauen, wie weit wir damit kommen. Irgendwo hast du immer eine Schwach­stelle und in diesem Fall war das viel­leicht die man­gelnde Tiefe des Kaders. Obwohl der Kräf­te­ver­schleiß gerade im End­spiel für mich kein Argu­ment war, weil wir in den letzten zwanzig Minuten nur gedrückt haben und eine Chance nach der anderen hatten. Real Madrid hatte viel grö­ßere kör­per­liche Pro­bleme als wir, hat aber letzt­lich von einem Sonn­tags­schuss von Zine­dine Zidane pro­fi­tiert.

Und vom bes­seren Tor­wart.
Der, der dann wäh­rend des Spiels reinkam (der junge Iker Cas­illas, d. Red.). So beginnen Kar­rieren.

Und der Sub­stanz­ver­lust hat keine Rolle gespielt?
Im End­spiel nicht, aber mir fällt eine andere Geschichte ein. In der Zwi­schen­runde, die es damals noch gab, mussten wir zu Juventus Turin. Das Spiel wurde wegen Nebels um eine Woche ver­schoben, aber dann herrschte schon wieder Nebel. Leider war Calli nicht da, er war aus irgend­einem Grund in Süd­ame­rika. Jeden­falls sagte die UEFA: Wir haben keinen Aus­weich­termin mehr, es muss auf jeden Fall gespielt werden.“ Am Mitt­woch­abend ging es nicht mehr, also Don­nerstag, 15 Uhr. Wir sind erst stun­den­lang durch Turin gegurkt, um noch ein Restau­rant zu finden. Ein Hotel in der näheren Umge­bung war auch nicht zu kriegen, so dass wir zwei Stunden Rich­tung Alpen gefahren und nachts um zwei ins Bett gekommen sind. Am nächsten Morgen ging es nach dem Früh­stück gleich wieder zurück, wir waren schon um zwölf im Sta­dion, hockten drei Stunden in der Kabine und ver­loren mit 0:4. Das war aber nicht das Pro­blem, wir sind ja trotzdem wei­ter­ge­kommen. Doch zwei Tage nach dieser Odyssee mussten wir in Bremen spielen und ver­loren auch dort. Diese Punkte haben in der Bun­des­liga am Ende gefehlt.

Was hatte Reiner Cal­munds Abwe­sen­heit damit zu tun?
Wir hatten das Gefühl, dass es anders gelaufen wäre, wenn er dabei gewesen wäre. Sagen wir so: Hätte es sich um Real Madrid gehan­delt, wäre das sicher nicht pas­siert. Aber es war ja nur Bayer Lever­kusen.

Klaus Topp­möller hat mit der dama­ligen Saison seinen Frieden gemacht und gemeint, Titel würden ohnehin über­schätzt. Wich­tiger sei gewesen, dass Bayer den schönsten Fuß­ball gespielt habe.
Das ist sicher auch Selbst­schutz, um mit der Situa­tion im Nach­hinein besser zurecht­zu­kommen. Damals hat er das jeden­falls nicht gesagt.

Jens Nowotny glaubt, mit Chris­toph Daum als Trainer hätte Lever­kusen in der Saison alle drei Titel geholt.
Ach, ich weiß nicht. Zwei Jahre zuvor sind wir unter Chris­toph Daum auch nicht Deut­scher Meister geworden, obwohl wir vor dem letzten Spiel in Unter­ha­ching drei Punkte Vor­sprung hatten. Und das lag nicht nur an meinem Eigentor. (Lacht.)

Sind Sie 2002 in der Über­zeu­gung zum FC Bayern gewech­selt, es sei nur eine Frage der Zeit, bis Sie die Cham­pions-League-Tro­phäe in den Händen halten?
Zunächst mal war es nach den vielen knapp ver­passten Titeln mit Bayer ein Segen für mich, den Verein zu wech­seln und fri­sche Luft zu bekommen.

Sie sind aber mit dem FC Bayern nie so nah an diesen Pokal her­an­ge­kommen wie mit Bayer Lever­kusen.
Das stimmt. Ich bin der Mei­nung, dass der FC Bayern damals nicht die Mann­schaft hatte, um die Cham­pions League zu gewinnen. National haben wir zwar in vier Jahren drei Dou­bles gewonnen, doch inter­na­tional sind wir nicht mal in die Nähe des Halb­fi­nals oder Finals gekommen. Das kann kein Pech, kein Zufall gewesen sein und zeigt, dass diese Mann­schaft nicht so gut war wie die heu­tige.

Die besten deut­schen Spieler haben sich die Bayern aber schon damals geholt.
Das hat zu der Zeit nicht gereicht. Nach meinem Weg­gang hat man beim FC Bayern ange­fangen, größer zu inves­tieren und diese Stra­tegie hat sich aus­ge­zahlt. Der Verein war ja finan­ziell gesund genug, um sich das leisten zu können, und hat gemerkt: Das beste Kapital sind immer die Spieler.

War Ihre Sehn­sucht nach dem großen inter­na­tio­nalen Titel der Grund dafür, 2006 zum FC Chelsea zu gehen?
Die Bayern haben mir damals ein neues Angebot über vier Jahre gemacht, aber ich habe gedacht: Wenn du die Cham­pions League gewinnen willst, musst du dich noch mal ver­än­dern. Der andere Grund war, dass ich unbe­dingt im Aus­land spielen wollte. Ich war 28 Jahre alt, als ich die Ent­schei­dung traf, und das war für mich die letzte Chance, noch mal zu einem großen inter­na­tio­nalen Verein zu gehen. Wenn du erst mal dreißig bist, wird es eng.