11FREUNDE wird 20!

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Außerdem prä­sen­tieren wir euch an dieser Stelle in den kom­menden Wochen wei­tere spek­ta­ku­läre Repor­tagen, Inter­views und Bil­der­se­rien. Heute: Michael Bal­lack spricht über den geschei­terten Ver­such, die Cham­pions League zu gewinnen.

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Michael Bal­lack, es klingt komisch, aber war die Bayer-Elf von 2002 die beste, in der Sie je gespielt haben?
Wieso komisch? Weil es Bayer Lever­kusen war?

Genau.
Ich hatte das Glück, wäh­rend meiner Lauf­bahn mit vielen Welt­klas­se­spie­lern zusam­men­zu­spielen, aber eines kann ich sagen: Diese Mann­schaft hat funk­tio­niert. Sie war von Reiner Cal­mund und Rudi Völler her­vor­ra­gend zusam­men­ge­stellt worden und wir hatten mit Chris­toph Daum und Klaus Topp­möller zwei Trainer, die das auch sehr gut umsetzen konnten.

Die Gelehrten streiten, ob Daum oder Topp­möller der grö­ßere Ein­fluss auf die attrak­tive Spiel­weise zuge­schrieben werden muss.
Natür­lich hat Chris­toph Daum als Erster diese Mann­schaft geformt. Er war auch der viel­leicht wich­tigste Trainer in meiner Kar­riere, weil ich unter ihm mit 22 oder 23 Jahren den Durch­bruch zum Stamm­spieler auf diesem Niveau geschafft habe. Toppis größte Stärke war es, ein Ver­trau­ens­ver­hältnis zwi­schen Trainer und Spieler auf­zu­bauen. Das hat er mit Emo­tio­na­lität, Charme und auch einer gewissen Wit­zig­keit hin­be­kommen.

Er wirkte fast schon kum­pel­haft.
Ja, aber nicht immer. Sowohl er als auch Chris­toph Daum waren emo­tio­nale Typen, die nach einem ver­lo­renen Spiel auch mal den etwas anderen Wort­schatz gewählt haben. Das ist unter Fuß­bal­lern aber völlig okay.

Wäre jemand wie Klaus Topp­möller beim FC Bayern über­haupt vor­stellbar gewesen? Er trug schon mal selt­same Kra­watten und strahlte durchaus etwas Skur­riles aus.
Gute Trainer sind in der Lage, sich einem Verein anzu­passen. Toppi hatte seine Stärken in der Mann­schafts­füh­rung, und Bayern Mün­chen hat in der Regel die beste Mann­schaft, die man nur noch zum Laufen bringen muss. Aber es stimmt schon, dass die Bayern-Füh­rung immer genau hin­schaut, wel­cher Trainer von der Per­sön­lich­keit her am besten passt. Als Bayern-Trainer musst du ein bestimmtes Bild reprä­sen­tieren.

Bal­lack und 11FREUNDE

Michael Bal­lack, den Capi­tano, trafen wir in der Magazin-His­torie dreimal für große Geschichten. Das erste Mal, im Herbst 2009, ver­suchte Rafael Honig­stein in einer mehr­tä­gigen Recherche in London für uns zu ergründen, warum Bal­lack der Aus­nah­me­spieler seiner Genera­tion war, aber es ein­fach nicht mit einem großen Titel für ihn klappen sollte: Bal­lack! Die selt­same Kar­riere eines Welt­stars.“

Dann emp­fing uns Bal­lack am Ende seiner Lauf­bahn im Winter 2012 zum großen Bilanz-Gespräch am Starn­berger See. Immer wieder drehte sich das Inter­view um die Frage, ob seine Kar­riere irgendwie unvoll­endet ist. Als Jens Kir­schneck ihn dann im Sommer 2015 für unser Cham­pions-League-Spe­zial erneut befragte, warum es denn mit einem großen inter­na­tio­nalen Titel nie geklappt hatte, war er mit der ganzen Sache schon deut­lich ent­spannter: Viel­leicht hat er da oben etwas dagegen!“

2002 ist Bayer mit Topp­möller im Hur­rastil durch die Wett­be­werbe gestürmt und hat am Ende doch alles ver­loren: Meis­ter­schaft, DFB-Pokal und am Ende auch die Cham­pions League. Was hat gefehlt zum ganz großen Glück?
Viel­leicht der Glaube an den eigenen Erfolg, der sich aus der His­torie eines Klubs speist.

Schaffen ver­gan­gene Erfolge auto­ma­tisch Selbst­be­wusst­sein in der Gegen­wart?
Wenn du neu dazu kommst, ori­en­tierst du dich an der Klub­men­ta­lität und der Men­ta­lität der Spieler, die da sind. Du siehst die Pokale, und du siehst die Spieler, die sie gewonnen haben. Die indi­vi­du­elle Qua­lität war in Lever­kusen vor­handen, aber es hat immer ein Quänt­chen gefehlt.

Abge­sehen davon hat Bayer Lever­kusen damals die Fuß­ball­welt mit seinem schnellen Kom­bi­na­ti­ons­wirbel bezau­bert. Was war das Geheimnis dieser Elf?
Sie war ein­fach gut. Bayer war ein per­fektes Sprung­brett für talen­tierte Süd­ame­ri­kaner, aber auch für richtig gute deut­sche Spieler, die sich für einen Verein wie den FC Bayern noch nicht reif genug fühlten.

Ein Talent­schuppen.
Nicht nur, Bayers Aus­rich­tung war trotz allem: Wir wollen Meister werden, und wir wollen in der Cham­pions League spielen. Man hat sei­ner­zeit schon an den Ver­pflich­tungen gemerkt, dass der Verein angreifen will. Nicht so wie später, in der Zeit nach Calli, als man den besten Spieler im Zweifel dann doch ziehen ließ, statt noch zwei, drei andere um ihn her­um­zu­bauen, um es ihm schmack­haft zu machen, dass er bleibt.

War Bayer damals das per­fekte Betä­ti­gungs­feld für einen ange­henden Welt­klas­se­spieler?
Auf jeden Fall. Meine Kar­riere ver­lief ja ohnehin eher Schritt für Schritt. Ich war mit 19 noch nicht so weit wie ein Götze oder Reus, in dem Alter habe ich in Kai­sers­lau­tern oft bei den Ama­teuren gespielt.

Mit 25 Jahren waren Sie der wich­tigste Mann in einem Team, das um ein Haar die Cham­pions League gewonnen hätte.
Für mich per­sön­lich war es eines der besten Jahre in meiner Kar­riere, auch weil die Mann­schaft auf meine Posi­tion zuge­schnitten war. Das Spiel­system war sehr offensiv und wir hatten mit Lucio und Jens Nowotny zwei Innen­ver­tei­diger, die Mann gegen Mann spielen konnten. Der Trainer ist dieses Risiko bewusst gegangen und hat sich getraut, ohne Absi­che­rung zu spielen. Dadurch hatten wir im Mit­tel­feld oft­mals Über­zahl, was der Attrak­ti­vität unseres Spiels zugu­tekam. Und wir hatten viele Spieler, die offensiv gedacht haben, wie Yil­d­iray Bastürk, Bernd Schneider oder Zé Roberto.

Bar­ce­lona, Arsenal, Juventus, Liver­pool, Man­chester United: Es war nicht gerade Lauf­kund­schaft, die Sie aus dem Weg geräumt haben.
Aber es war ja, um den Begriff auf­zu­nehmen, auch keine Lauf­kund­schaft, die bei uns gespielt hat. Wir hatten Natio­nal­spieler aus Deutsch­land, Bra­si­lien, Kroa­tien, Bul­ga­rien und der Türkei, dazu noch einige, die auf dem Sprung waren. Und mit jedem großen Namen, den man aus dem Weg räumt, wächst man. Selbst wenn man zuvor auf dem inter­na­tio­nalen Par­kett noch nicht so zu Hause war.

Lässt sich das mit Borussia Dort­mund vor zwei Jahren ver­glei­chen? Auf einmal ist da ein Gefühl, die Welt aus den Angeln heben zu können?
Ich glaube, dass wir die noch etwas fei­nere Klinge gespielt haben als der BVB. Dort­mund pflegt einen anderen Stil, über­fall­artig und mit unheim­lich viel Tempo. Jürgen Klopp hat aus dem Nichts eine Mann­schaft auf­ge­baut, die ihm überall hin gefolgt ist. Ich wage ein­fach mal zu behaupten, ohne den Trainer hätten sie das nicht geschafft. Sein Ein­fluss war wahr­schein­lich größer als der jedes anderen Trai­ners auf eine Mann­schaft.

Und Topp­möller hat damals ein­fach gesagt: Ich habe eine geile Truppe, und die lasse ich jetzt ein­fach mal spielen.“
So unge­fähr, aber Toppi hat das sehr gut gemacht. Er hatte das rich­tige Gefühl dafür, was diese Mann­schaft braucht. Manchmal können ja schon kleine Dinge dafür sorgen, dass etwas aus dem Ruder läuft.

Nach dem 2:2 im Halb­fi­nale bei Man­chester United wurde die Bayer-Elf im Old Traf­ford mit ste­henden Ova­tionen ver­ab­schiedet.
Das war eine Gän­se­h­aut­at­mo­sphäre, die ich nie ver­gessen werde. Dort so zu bestehen, war toll.

Stimmt es, dass die Mann­schaft beim Rück­spiel bereits auf dem Zahn­fleisch ging?
Wir hatten viele Ver­letzte. Jens Nowotny hatte sich das Kreuz­band gerissen, Zoltan Sebe­scen hat mit einem Knor­pel­schaden gespielt und sich dabei das Knie rui­niert. Wegen der Drei­fach­be­las­tung waren die meisten an ihre kör­per­li­chen Grenzen gestoßen, und es war offen­sicht­lich, dass wir auf der Felge liefen.

Über das 1:1 im Rück­spiel hat Reiner Cal­mund später gesagt: Danach habe ich Bal­lack zum Ritter geschlagen. Er ist schon halb bei Bayern Mün­chen, hat die WM vor der Brust und wirft sich in jeden Ball, als gäbe es kein Morgen.
Das Lob ehrt mich, aber wenn du nach der Saison zu einem direkten Kon­kur­renten wech­selst, musst du tat­säch­lich noch bes­sere Leis­tungen bringen, um einen ver­söhn­li­chen Abschluss zu errei­chen. Außerdem ging es immerhin darum, die Cham­pions League zu gewinnen. Die Chance dazu hat man im Leben nicht so oft.

Hat das Team daran geglaubt, im Finale als Sieger vom Platz zu gehen?
Ja, klar. Letzt­lich ist es ja auch nur an ein paar Klei­nig­keiten geschei­tert. Zum Bei­spiel war Zé Roberto wegen eines blöden Ball-Weg­tip­pelns für das Finale gesperrt. Das hat uns sehr weh getan.

Am Ende hat Bayer nicht nur den Cham­pions-League-Titel ver­spielt. Wie konnte es pas­sieren, dass diese tolle Elf kom­plett leer aus­ging?
Das fragen sich die Leute in Lever­kusen wahr­schein­lich noch heute.

War der Kader zu klein?
Mag sein. Bayer Lever­kusen konnte zwar damals in einen Top­kader inves­tieren, aber eben nicht in zwanzig Spieler. So hat man dann gesagt, wir haben zehn, elf richtig gute Leute und schauen, wie weit wir damit kommen. Irgendwo hast du immer eine Schwach­stelle und in diesem Fall war das viel­leicht die man­gelnde Tiefe des Kaders. Obwohl der Kräf­te­ver­schleiß gerade im End­spiel für mich kein Argu­ment war, weil wir in den letzten zwanzig Minuten nur gedrückt haben und eine Chance nach der anderen hatten. Real Madrid hatte viel grö­ßere kör­per­liche Pro­bleme als wir, hat aber letzt­lich von einem Sonn­tags­schuss von Zine­dine Zidane pro­fi­tiert.

Und vom bes­seren Tor­wart.
Der, der dann wäh­rend des Spiels reinkam (der junge Iker Cas­illas, d. Red.). So beginnen Kar­rieren.

Und der Sub­stanz­ver­lust hat keine Rolle gespielt?
Im End­spiel nicht, aber mir fällt eine andere Geschichte ein. In der Zwi­schen­runde, die es damals noch gab, mussten wir zu Juventus Turin. Das Spiel wurde wegen Nebels um eine Woche ver­schoben, aber dann herrschte schon wieder Nebel. Leider war Calli nicht da, er war aus irgend­einem Grund in Süd­ame­rika. Jeden­falls sagte die UEFA: Wir haben keinen Aus­weich­termin mehr, es muss auf jeden Fall gespielt werden.“ Am Mitt­woch­abend ging es nicht mehr, also Don­nerstag, 15 Uhr. Wir sind erst stun­den­lang durch Turin gegurkt, um noch ein Restau­rant zu finden. Ein Hotel in der näheren Umge­bung war auch nicht zu kriegen, so dass wir zwei Stunden Rich­tung Alpen gefahren und nachts um zwei ins Bett gekommen sind. Am nächsten Morgen ging es nach dem Früh­stück gleich wieder zurück, wir waren schon um zwölf im Sta­dion, hockten drei Stunden in der Kabine und ver­loren mit 0:4. Das war aber nicht das Pro­blem, wir sind ja trotzdem wei­ter­ge­kommen. Doch zwei Tage nach dieser Odyssee mussten wir in Bremen spielen und ver­loren auch dort. Diese Punkte haben in der Bun­des­liga am Ende gefehlt.

Was hatte Reiner Cal­munds Abwe­sen­heit damit zu tun?
Wir hatten das Gefühl, dass es anders gelaufen wäre, wenn er dabei gewesen wäre. Sagen wir so: Hätte es sich um Real Madrid gehan­delt, wäre das sicher nicht pas­siert. Aber es war ja nur Bayer Lever­kusen.

Klaus Topp­möller hat mit der dama­ligen Saison seinen Frieden gemacht und gemeint, Titel würden ohnehin über­schätzt. Wich­tiger sei gewesen, dass Bayer den schönsten Fuß­ball gespielt habe.
Das ist sicher auch Selbst­schutz, um mit der Situa­tion im Nach­hinein besser zurecht­zu­kommen. Damals hat er das jeden­falls nicht gesagt.

Jens Nowotny glaubt, mit Chris­toph Daum als Trainer hätte Lever­kusen in der Saison alle drei Titel geholt.
Ach, ich weiß nicht. Zwei Jahre zuvor sind wir unter Chris­toph Daum auch nicht Deut­scher Meister geworden, obwohl wir vor dem letzten Spiel in Unter­ha­ching drei Punkte Vor­sprung hatten. Und das lag nicht nur an meinem Eigentor. (Lacht.)

Sind Sie 2002 in der Über­zeu­gung zum FC Bayern gewech­selt, es sei nur eine Frage der Zeit, bis Sie die Cham­pions-League-Tro­phäe in den Händen halten?
Zunächst mal war es nach den vielen knapp ver­passten Titeln mit Bayer ein Segen für mich, den Verein zu wech­seln und fri­sche Luft zu bekommen.

Sie sind aber mit dem FC Bayern nie so nah an diesen Pokal her­an­ge­kommen wie mit Bayer Lever­kusen.
Das stimmt. Ich bin der Mei­nung, dass der FC Bayern damals nicht die Mann­schaft hatte, um die Cham­pions League zu gewinnen. National haben wir zwar in vier Jahren drei Dou­bles gewonnen, doch inter­na­tional sind wir nicht mal in die Nähe des Halb­fi­nals oder Finals gekommen. Das kann kein Pech, kein Zufall gewesen sein und zeigt, dass diese Mann­schaft nicht so gut war wie die heu­tige.

Die besten deut­schen Spieler haben sich die Bayern aber schon damals geholt.
Das hat zu der Zeit nicht gereicht. Nach meinem Weg­gang hat man beim FC Bayern ange­fangen, größer zu inves­tieren und diese Stra­tegie hat sich aus­ge­zahlt. Der Verein war ja finan­ziell gesund genug, um sich das leisten zu können, und hat gemerkt: Das beste Kapital sind immer die Spieler.

War Ihre Sehn­sucht nach dem großen inter­na­tio­nalen Titel der Grund dafür, 2006 zum FC Chelsea zu gehen?
Die Bayern haben mir damals ein neues Angebot über vier Jahre gemacht, aber ich habe gedacht: Wenn du die Cham­pions League gewinnen willst, musst du dich noch mal ver­än­dern. Der andere Grund war, dass ich unbe­dingt im Aus­land spielen wollte. Ich war 28 Jahre alt, als ich die Ent­schei­dung traf, und das war für mich die letzte Chance, noch mal zu einem großen inter­na­tio­nalen Verein zu gehen. Wenn du erst mal dreißig bist, wird es eng.

Mit Chelsea standen Sie 2008 noch mal im Finale – und ver­loren gegen Man­chester United erneut. Welche Nie­der­lage war schmerz­hafter?
Am meisten weh tat das Halb­fi­na­laus gegen Bar­ce­lona im Jahr darauf, als wir meines Erach­tens noch besser waren als 2008 und leider – ich kann es nicht anders sagen – der Schieds­richter sehr zwei­fel­hafte Ent­schei­dungen traf.

Das fast iko­no­gra­fi­sche Bild, wo Sie Referee Tom Hen­ning Øvrebø über den halben Platz ver­folgen, drückt also tat­säch­lich die reine Ver­zweif­lung aus?
Absolut. Da waren zwei oder drei Hand­spiele dabei und ein Foul, bei dem man als Schieds­richter schon mit zwei Scheu­klappen rum­laufen musste, um keinen Elf­meter zu geben. Trotz all dieser Sachen hätte es ja fast gereicht, aber dann schießt Bar­ce­lona in der 94. Minute zum ersten Mal aufs Tor, der Ball ist drin, und du kannst nicht mal mehr reagieren.

War das der Moment, wo Ihnen däm­merte, dass es in diesem Leben nichts mehr wird mit Ihnen und diesem ver­ma­le­deiten Pokal?
Nein, das war eher im Finale 2008, als ich wäh­rend des Elf­me­ter­schie­ßens machtlos im Mit­tel­kreis stand. Zu wissen, dass nur noch dieser eine Elf­meter von John Terry rein­gehen muss, damit du end­lich den Pokal hast – und dann schießt er an den Pfosten. Da habe ich wirk­lich gedacht, viel­leicht hat der da oben etwas dagegen, dass ich das Ding in den Händen halte.

Was finden Sie schlimmer: die Cham­pions League nicht gewonnen zu haben oder nie Welt­meister geworden zu sein?
Ideell hat der Welt­meis­ter­titel eine viel grö­ßere Bedeu­tung, weil eine Welt­meis­ter­schaft nur alle vier Jahre statt­findet. Die Welt­meister kann man pro­blemlos bis 1954 run­ter­beten, aber ich könnte aus dem Steg­reif nicht sagen, wer 2003, 2004 oder 2005 die Cham­pions League gewonnen hat. Dadurch, dass der Wett­be­werb Jahr für Jahr läuft, ist er ein biss­chen aus­tausch­barer. Sport­lich sieht es natür­lich etwas anders aus, da hat die Cham­pions League ein grö­ßeres Gewicht, weil dort die Besten der Besten spielen. Man muss in einer Cham­pions-League-Saison mehr Top­mann­schaften aus dem Weg räumen als bei einer WM. Letzt­lich kann man die Frage nur per­sön­lich beant­worten.

Und das fiele in Ihrem Fall wie aus?
Welt­meister ist für mich der grö­ßere Titel, aber den Cham­pions-League-Pokal hätte ich eher ver­dient gehabt. Ich stand zwar 2002 auch in einem WM-Finale, aber bis auf das End­spiel haben wir damals nicht den attrak­tivsten Fuß­ball gespielt. Und es war vorher auch nicht im Ansatz zu erwarten gewesen, dass wir dort Welt­meister werden.

Phi­lo­so­phi­sche Frage zum Schluss: Ist es viel­leicht gar nicht schlecht, wenn der Mensch im Leben nicht alle Ziele erreicht?
Fuß­baller sind inso­fern ein Son­der­fall, als sie ihre Kar­riere aus bio­lo­gi­schen Gründen nach fünf­zehn oder zwanzig Jahren beenden müssen. In meinem neuen Leben spielt es keine große Rolle, ob ich früher einmal die Cham­pions League gewonnen habe oder nicht. Man darf sich halt nicht nur über Fuß­ball defi­nieren.