René Adler, wo haben Sie eigent­lich Ihre Brille?

René Adler: Was Sie so alles wissen wollen. Ich trage gerade Kon­takt­linsen.

Und wir dachten immer, Tor­hüter bräuchten gute Augen.

René Adler: Ich kann schon gut genug sehen, glauben Sie mir. Aber es stimmt, seit drei Jahren brauche ich eine Brille.

Weil Sie ein Gegentor aus großer Ent­fer­nung bekommen haben?

René Adler: Nein, ich stand dabei gar nicht im Tor. Es war im Herbst und ich merkte, dass ich bei nicht so gutem Licht Pro­bleme hatte, die Ver­kehrs­schilder auf der Auto­bahn zu erkennen. Ich habe keine große Stärke, aber das mit den Kon­takt­linsen habe ich mir ein­fa­cher vor­ge­stellt. Ich dachte, die kann ich den ganzen Tag über tragen. Mein Arzt riet mir dann, auch ab und zu mal eine Brille zu tragen. Damit habe ich kein Pro­blem, auch wenn mir mal nach­ge­sagt wurde, dafür sei ich zu eitel.

Sie waren die Nummer eins im deut­schen Tor, doch wegen eines Rip­pen­bruchs ver­zich­teten Sie auf die WM. Heute spricht jeder nur noch über Manuel Neuer. Denken Sie manchmal daran, wie es ohne Ver­let­zung hätte laufen können?

René Adler: Es war nicht so, dass ich nicht spielen wollte, son­dern ich konnte nicht spielen. Mein gesund­heit­li­cher Zustand hat es nicht zuge­lassen. Es wäre mir und dem Verein gegen­über fahr­lässig gewesen, wenn ich vor der WM anders ent­schieden hätte. Wer weiß, wie lange ich dann aus­ge­fallen wäre. Aber natür­lich würde ich lügen, wenn ich sagen würde, es hat mir nichts aus­ge­macht.

Was hat es Ihnen denn aus­ge­macht?

René Adler: Das will ich gar nicht hier aus­breiten. Das sind Gedanken, die nichts bringen, die auch nicht leis­tungs­för­dernd sind. Ich habe die neue Situa­tion zu akzep­tieren. Das habe ich jetzt geschafft.

Fühlen Sie sich ver­gessen?

René Adler: Es ist nicht immer ganz ein­fach, beson­ders dann nicht, wenn Fuß­ball der Lebens­mit­tel­punkt ist. Dann erfor­dert eine solche Situa­tion viel Zeit. Ich habe mit Men­schen aus anderen Bran­chen gespro­chen. Und ich bin relativ schnell darauf gekommen, dass es vielen von denen doch wesent­lich schlechter geht als mir.

Viele fanden bemer­kens­wert, dass Sie nach der WM sagten: Manuel Neuer ist die Nummer eins, er hat sich einen Vor­sprung erar­beitet. Sie bringen offenbar einen ganz neuen Ton in den Kon­kur­renz­kampf.

René Adler: Ich würde das nicht an meiner Posi­tion fest­ma­chen. Es ist mehr ein Ergebnis eines Genera­ti­ons­wech­sels und dass es grund­sätz­lich nicht mehr diese Alpha­tiere im Team gibt. Es hat sich etwas gewan­delt im Mit­ein­ander. Natür­lich ist das auch typ­be­dingt. Ich bin kein Typ Kahn und kein Typ Leh­mann, ich bin ein Typ Adler. Ich weiß, wie ich leben und wie ich einen Kon­kur­renz­kampf führen möchte, der gewinn­brin­gend für die Mann­schaft ist.

Hört sich an, als hätten Sie sich abge­funden mit der Rang­folge.

René Adler: Ich habe ganz nüch­tern die Situa­tion zu ana­ly­sieren, die nichts damit zu tun hat, dass ich mich hier kampflos ergebe. Ganz und gar nicht. Jeder, der mich kennt, weiß, wie ehr­geizig ich bin und dass ich auf meiner Posi­tion ver­suche, für das Team alles her­aus­zu­holen. Das ist ja auch das, was das Trai­ner­team der Natio­nal­mann­schaft ein­for­dert. Gerade in Hin­blick auf ein großes Tur­nier. Da ist jeder Spieler wichtig. Auch der zweite oder dritte Tor­wart. Jeder hat seine Rolle zu erfüllen.

Wie finden Sie Ihre Rolle?

René Adler: Das ist nicht immer ganz ein­fach, das gebe ich zu, gerade für einen, der mal die Nummer eins war, dessen Kar­riere bis dahin immer nur steil nach oben ging, und es kaum Wider­stände zu über­winden gab. Jetzt gab es einen Rück­schlag und ich habe gelernt, damit umzu­gehen.

Droht Ihnen jetzt das Schicksal vieler Ihrer Vor­gänger im Natio­nal­team, auf Jahre hinaus Nummer zwei zu bleiben?

René Adler: Ich bin nie­mand, der mit seinem Schicksal hadert. Die Situa­tion ist momentan klar, aber sie spornt mich an. Fragen Sie mal Pepe Reina bei den Spa­niern. Ein Welt­klas­se­tor­hüter, aber er hat Iker Cas­illas vor sich. Auch Reina hat seinen Anteil, dass Spa­nien Europa- und Welt­meister geworden ist. Das sollte man sich vor Augen führen und nicht nur sagen: Ja, ich bin jetzt ent­täuscht und trotzig.

Wie lange haben Sie gebraucht, zu dieser Erkenntnis zu gelangen?

René Adler: Ich habe mit der Zeit alles rational auf­ge­ar­beitet. Und glauben Sie mir, es gab Situa­tionen, in denen ich nicht so aus­ge­gli­chen und gelassen war. Mich beschäf­tigt die Situa­tion schon noch, mal mehr, mal weniger. Es gibt viele Bei­spiele im Sport, die zeigen, wie schwer es ist, wenn man nicht spielt.

An wen denken Sie dabei?

René Adler: Nehmen wir Mario Gomez, der schon seit Jugend­na­tio­nal­mann­schafts­zeiten ein Kumpel von mir ist. Vor einigen Monaten musste er viel Kritik ein­ste­cken. Ob sie gerecht­fer­tigt war oder nicht. Er kam lange Zeit nicht zum Ein­satz, hat aber an sich geglaubt, hat gekämpft und hat gewonnen. Er hat mir gesagt, dass es nicht ein­fach ist, zu wissen, dass man nur Stürmer Nummer vier ist und trotzdem jeden Tag zum Trai­ning fahren und sich rein­hauen muss. Es gibt aber keine Alter­na­tive: Man muss wei­ter­kämpfen, denn im End­ef­fekt macht man es für sich. Und manchmal drehen sich die Dinge ja auch wieder.

Hat es ein Tor­hüter nicht schwerer, weil dieser nicht nur auf die eigene Stärke, son­dern auch auf eine Schwäche oder das Pech des Kon­kur­renten ange­wiesen ist?

René Adler: Man sollte primär auf seine eigenen Stärken schauen. Es ver­bietet sich doch für einen Sportler, zuerst auf die Schwäche des anderen zu schauen. Und wenn sie da ist, was nützt es, wenn man dann gerade selbst nicht stark ist? Dann zieht Nummer drei oder vier an einem vorbei. Ich denke, wenn die eigene Stärke stimmt, ist es relativ egal, wie der Kon­kur­rent spielt.

Wird sich Manuel Neuers Stan­ding durch seinen Wechsel zum FC Bayern weiter ver­bes­sern?

René Adler: Manuel wird sich reif­lich über­legt haben, was er machen wird. Gene­rell ist ein Ver­eins­wechsel keine ein­fache Sache. Man hat viele Dinge abzu­wägen. Der FC Bayern ist nun mal der Klas­sen­primus in Deutsch­land, dort zu spielen, ist schon eine Repu­ta­tion.

Ihr Ver­trag läuft noch ein Jahr in Lever­kusen. Wollen Sie ver­län­gern?

Rene Adler: Richtig ist, dass wir in Gesprä­chen sind. Aber ich kann hier und heute wirk­lich nichts Kon­kretes sagen.

Im Cham­pions-League-Finale hat sich in Edwin van der Sar ein großer Tor­wart ver­ab­schiedet, was fast ein wenig unter­ge­gangen ist. Haben Sie es bemerkt?

René Adler: Und ob. Er war einer der besten Tor­hüter der Welt. Für mich war er sehr wichtig und prä­gend. Sein Abschied ist ein Ein­schnitt, weil er ein Tor­wart war, der eine neue Tor­hü­ter­ge­nera­tion ent­wi­ckelt hat, durch sein modernes Tor­wart­spiel, das er ein­ge­führt hat. Wenn man selbst Tor­hüter ist, weiß man, wie stark es ist. Diese Ball­an­nahme, diese Ball­mit­nahme, und dann seine tor­hü­te­ri­schen Fähig­keiten. Er wird fehlen.

In der Bun­des­liga sind in dieser Saison 39 Tor­hüter ein­ge­setzt worden. Ist die Szene gerade so in Bewe­gung?

René Adler: Es hat sich in Deutsch­land ein Trend ent­wi­ckelt hat, der sta­tis­tisch belegbar ist. Die Trainer von heute setzen immer mehr auf jün­gere Feld­spieler. Doch man hat weiter auf erfah­rene Tor­hüter gesetzt. Auch das ändert sich gerade. Mit dieser Saison wurden ver­mehrt auch jün­gere Tor­hüter in die Ver­ant­wor­tung genommen, schauen Sie sich doch mal um. Ich kann aus meiner Erfah­rung sagen, wie es ist, als junger Tor­hüter rein­zu­kommen. Man spielt ein halbes Jahr, kommt in einen Flow, denkt gar nicht groß nach. Die Krise kommt meist später, im zweiten oder dritten Jahr. Die müssen sie dann meis­tern.

Und Sie meis­tern nebenher einen gemein­samen Haus­halt mit Ihrem Bruder. Wie geht so etwas?

René Adler: Gut, sehr gut sogar. Aber Sie müssen die Vor­ge­schichte kennen. Familie steht bei mir über allem. Mein Bruder ist in meinem Leben ein unheim­lich wich­tiger Faktor. Als ich mit 15 von zu Hause weg bin und nach Lever­kusen ging, war er elf. Es war für ihn nicht ganz ein­fach, wenn auf einmal der große Bruder weg ist, mit dem man immer gespielt hat. Er hat mir das später auch mal erzählt, dass es da auch Nächte gab, in denen er geweint hat, als er echt traurig war. Heute unter­stütze ich meinen Bruder, wo ich kann.

Wir nehmen mal an, dass Ihre Woh­nung in Köln so groß ist, dass man sich gege­be­nen­falls aus dem Weg gehen kann?

René Adler: So groß ist sie gar nicht. Jeder hat zwar sein Zimmer, aber dadurch, dass ich durch Fuß­ball oft weg bin, stellt sich das Pro­blem gar nicht. Wir haben uns jeden­falls noch nie gestritten.