Wolf­gang Holz­häuser, Sie treten als Geschäfts­führer von Bayer 04Leverkusen zurück. Haben Sie die Lust am Meckern ver­loren?
Im Gegen­teil. Wenn mir etwas fehlen wird, dann das Meckern. Etwas zu ent­wi­ckeln, war und ist Teil meiner Men­ta­lität.

Warum hören Sie dann auf?
Ich wollte den Tag meines Abschieds selbst bestimmen. Mir klang der Satz des ehe­ma­ligen Telekom-Chefs Ron Sommer im Ohr, der sagt, dass die Leis­tung einer Lauf­bahn stets vom Ende aus beur­teilt wird. Als wir in dieser Saison bei den Bayern gewannen, fing ich an zu über­legen, ob diese Spiel­zeit viel­leicht die rich­tige für den Abschied sein könnte.

Und wann waren Sie sicher?
Vor einem Spiel, dass wir mal wieder unbe­dingt gewinnen mussten“, wie es so schön heißt. Ich stand einen Kilo­meter von der BayArena im Auto an einer Ampel und grü­belte, ob ich mich eigent­lich aufs Spiel freue oder ob ich Angst vor der Nie­der­lage habe. Das erste Mal über­legte ich, ob es nicht besser wäre, wieder nach Hause zu fahren. Mir wurde klar, dass ich mit dem Druck nicht mehr so umgehen kann wie früher.

Sie haben die Liga häufig mit Reform­vor­schlägen kon­fron­tiert. Welche Ihrer Ideen halten Sie im Nach­hinein für völ­ligen Quatsch?
Ob es völ­liger Quatsch war, lasse ich mal dahin gestellt, aber ich habe mal den Vor­schlag gemacht, die Span­nung in der Liga durch ein zeit­lich auf­ein­an­der­fol­gendes Hin- und Rück­spiel zu erhöhen und dabei dem Gesamt­sieger Euro­pa­po­kal­muster einen Extra­punkt zu geben. Stellen Sie sich vor, wir ver­lieren durch ein Abseitstor in Mün­chen, und am Samstag drauf folgt das Rück­spiel bei uns. Der Vor­schlag war so bri­sant, dass Sepp Blatter einen Brief schrieb, um uns davon abzu­bringen und Franz Becken­bauer sagte: Fuß­ball muss ein­fach bleiben, den muss sogar meine Oma ver­stehen.“ Die Dis­kus­sion anzu­stoßen war poli­tisch falsch, auch wenn ich die Idee nach wie vor für nicht schlecht halte.

Welche Ideen waren noch poli­tisch unver­mit­telbar?
Ich plä­diere wei­terhin dafür, ein Halb­fi­nale und Finale um die deut­sche Meis­ter­schaft zu spielen.

Eine Play-Off-Runde.
Falsch, es soll nicht jeder gegen jeden spielen, son­dern am Sai­son­ende ein Halb­fi­nale Erster gegen Vierter und Zweiter gegen Dritter statt­finden. Da würde die Nation beben. Ist aber nicht durch­setzbar.

Warum eigent­lich nicht?
Weil wir Deut­schen kon­ser­vativ sind und der Fuß­ball erz­kon­ser­vativ.

Viel­leicht kommt Bewe­gung in die Sache, wenn der FC Bayern auch nächstes Jahr mit 25 Punkten Vor­sprung Meister wird.
Glaube ich nicht, dafür werden allein schon die Bayern sorgen.

Welche Idee haben Sie nie zu äußern gewagt.
Zu spät, ich habe sie leider vor einem halben Jahr geäu­ßert.

Welche meinen Sie?
Der Fuß­ball hat fast alle Sport­arten aus dem Fern­sehen ver­drängt. Das finde ich fürch­ter­lich. Wissen Sie, wer Deut­scher Meister über 100 Meter ist?

Ähem.
Sehen Sie, das weiß kein Mensch. Durch den neuen TV-Ver­trag haben alle Ver­eine nun gut zehn Mil­lionen Euro mehr im Jahr. Mein Vor­schlag war, ob wir Bun­des­li­gisten uns nicht darauf ver­stän­digen könnten, einen geringen Pro­zent­satz davon anderen Sport­arten zur Ver­fü­gung zu stellen. Weil das Geld sonst wieder nur in die Taschen der Spieler und derer Berater wan­dert. Aber viele haben mich aus­ge­lacht.

Und welche Reform darf nie­mals kommen?
Die Abschaf­fung der Ver­zah­nung zwi­schen den Ligen. Die Bun­des­liga darf nie ein geschlos­senes System werden. Auf- und Abstieg muss es immer geben.

Als ein Archi­tekt des Liga­ver­bandes DFL haben Sie die Kom­mer­zia­li­sie­rung des Fuß­balls mit voran getrieben. Was ist eigent­lich für Sie Fuß­ball­kultur?
Blöd gesagt: Sonn­tag­morgen im Regen mit den Rent­nern bei einem Jugend­spiel am Spiel­feld­rand zu dis­ku­tieren. Fuß­ball­kultur ist jeden­falls nicht, wenn Fans bei einem Bun­des­li­ga­spiel, wenn das Fern­sehen da ist, auf dem Zaun stehen und Tra­di­tion ein­klagen. Das sorgt zwar für Atmo­sphäre, hat aber nichts mit Fuß­ball­kultur zu tun.

Träumen Sie noch oft von 2002?
Ja, aber schlimmer ist das Trauma von Unter­ha­ching. Bis heute bin ich noch höchst frus­triert, wenn ich da vor­bei­fahre. 2002 waren wir immerhin drei Mal Zweiter in wich­tigen Wett­be­werben. Aber 2000 in Unter­ha­ching waren wir prak­tisch Meister. Dort zu ver­lieren, war furchtbar.

Welche Spie­ler­trans­fers haben Ihnen am meisten bedeutet?
Simon Rolfes und Stefan Kieß­ling. Rolfes, weil er von vielen als Zweit­li­ga­spieler gescholten wurde, und es bei uns in die Natio­nalelf schaffte. Kieß­ling, weil er mit einer Ablöse von fünf Mil­lionen Euro ein großes Wagnis dar­stellte. Seine Ein­stel­lung stimmte, aber anfangs ging vieles schief. Bild“ titelte: Die teu­erste Brat­wurst der Bun­des­liga“. Wenn ich die Schlag­zeile finde, lass ich sie ein­rahmen und hänge neben­dran sein Bild mit der Tor­jä­ger­ka­none.

Und wel­cher Spieler berei­tete Ihnen die meisten schlaf­losen Nächte?
Bal­lack. Dabei konnte der Michael gar nichts dafür. Wir haben das Thema falsch ein­ge­schätzt. Wir fürch­teten, Simon Rolfes würde wegen seines Knor­pel­scha­dens nicht mehr zurück­kommen und wir brauchten einen Leit­wolf. Aber er war nicht mehr der Bal­lack, den wir aus der ersten Zeit bei Bayer 04 kannten.

Karl-Heinz Rum­me­nigge emp­findet die Bezeich­nung Funk­tionär“ als Belei­di­gung. Wie sehen Sie das?
Ich emp­finde ihn nicht als negativ, schließ­lich habe ich nur so Spuren im Fuß­ball hin­ter­lassen können. Als Aktiver hätte ich das nie geschafft.

Ihnen ist es gelungen, den despek­tier­li­chen Begriff der Werkself“ in ein posi­tives Licht zu rücken.
Ich habe mich lange dagegen gewehrt, das Bayer Lever­kusen ein Klub ist, der im Labor geschaffen wurde und Geld ohne Ende bekommt. Meine Politik zielte darauf ab, eine Nische zu finden, die sowohl einen Gegen­satz zu soge­nannten Tra­di­ti­ons­klubs als auch zu Ver­einen wie Wolfs­burg oder Red Bull Gott­weißwas bildet. Diese Nische heißt nun Werkself“.

Mit Vize­kusen“ wird Ihnen das nie gelingen.
Aber auch den Begriff haben wir uns schützen lassen. Uli Hoeneß hat mal gesagt: Wer Vize­kusen schützen lässt, würde bei mir ent­lassen.“ Mich hat das amü­siert: Denn ich wollte nie für die Bayern arbeiten und offenbar hat ihn meine Aus­sage geschäft­lich inter­es­siert. Unser Kon­zept war, dass die Nation in Tränen aus­bre­chen solle, wenn wir wieder mal Zweiter werden. Als Vor­bild diente Ray­mond Poul­idor, der in Frank­reich in den Sech­zi­gern zum Idol seiner Ära avan­cierte, weil er bei der Tour de France drei Mal Zweiter und fünf Mal Dritter wurde, das Rennen aber nie gewann.

Stich­wort: Hoeneß. Wer war in all den Jahren Ihr Lieb­lings­feind unter den Bun­des­liga-Bossen?
Heri­bert Bruch­hagen, obwohl der Begriff Feind“ nicht stimmt. Wir schätzen uns sehr, aber wir können nicht umhin uns ständig aufs Neue die Mei­nung zu geigen. Er stellt sich ja gern als Retter der Ent­rech­teten dar. Des­wegen nenne ich ihn den Robin Hood aus dem Rie­der­wald“. Ein guter Mann, aber am Ende auch nur ein Dieb. (Lacht.)

Jetzt können Sie es doch sagen: Was hat Sie an Reiner Cal­mund am meisten genervt?
Die episch langen Mit­tag­essen, bei denen man sich par­tout nicht weg­stehlen konnte.

Weil soviel gegessen oder so aus­dau­ernd geredet wurde?
Das eine bedingte das andere.

Wie ging das über­haupt? Sie, der penible Mann der Zahlen und Cal­mund, der für Trans­fers auch mal in die Trick­kiste griff.
So gesehen waren wir kon­ge­niale Partner. Wissen Sie, ich habe den Satz geprägt: Pro­fi­fuß­ball heißt: Sport ist Maximum bei aus­ge­gli­chener Finanz­struktur.“ Das haben wir hin­be­kommen. Wir haben die Ziele, die wir erreicht haben, immer bezahlen können.

Sind Sie eigent­lich so penibel, wie es immer heißt?
Ich kann penibel sein, wenn wir einen Trans­fers von einer Mil­lion machen, das Geld in drei Raten fließt und Mit­ar­beiter ver­gessen, Zinsen zu ver­ein­baren. Denn eine Mil­lion ist nicht eine Mil­lion, wenn ich sie über einen Zeit­raum von zwei Jahren bekomme. Dann muss ich 30 000 Euro Zinsen drauf legen. Da bin ich penibel, aber sonst würde ich mich nicht als Appat­schik sehen. Ich bin sehr von Musik beein­flusst, wenn Sie jetzt nicht hier wären, würde unter Garantie der iPod laufen.

Und was?
Jazz. Früher habe ich viel Rock gehört. Emerson, Lake & Palmer, Chi­cago, Blood, Sweat and Tears, Pink Floyd. 1975 aber fragte mich ein Stu­di­en­freund, ob ich mit zu einem Kon­zert von Pass­port käme.

Dem Pro­jekt des deut­schen Jaz­zers Klaus Dol­dinger.
Ich sagte: Bist Du bescheuert, was soll ich mit Dol­dinger?“ Aller­dings spielte er an dem Abend mit zwei Schlag­zeu­gern, einer war Keith Moon, der Drummer von The Who. Also ging ich mit und war fortan Jazz-Fan.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn im Sta­dion nach dem Abpfiff sofort die Par­ty­mucke los­d­röhnt.
Ich ver­suche, es nach bestem Wissen und Gewissen zu igno­rieren. Auch ein Vor­stoß, den ich heute nicht mehr machen würde.

Die Par­ty­mucke abzu­schaffen?
Das nicht, aber ich habe mich sehr für eine wie­der­erkenn­bare Ver­eins­hymne ein­ge­setzt. Aller­dings kam bei der Auf­tragsar­biet ein furcht­bares Gedudel heraus, aber nichts Gehalt­volles mit dem Poten­zial zu wachsen, wie etwa You never walk alone“ beim FC Liver­pool.

Wel­ches Ritual werden Sie in Zukunft ver­missen?
Zwanzig Minuten vor Anpfiff von der Ersatz­bank den Spie­lern beim Warm­ma­chen zuzu­schauen, mit ihnen beim Auf­laufen abzu­klat­schen und nach dem Spiel in die Kabine zu kommen. Ich bin beim letzten Sai­son­spiel in Ham­burg, als alle schon weg waren, nochmal zurück in Kabine, um sie mir genau anzu­schauen, denn ich wusste: Hier komme ich nie wieder her.

Sie sind sehr sen­ti­mental.
Ich neige zur Melan­cholie. Des­wegen möchte ich auch keine offi­zi­elle Ver­ab­schie­dung. Kurz den Mit­ar­bei­tern Auf Wie­der­sehen“ sagen, das schaffe ich, aber es darf nicht länger als fünf Minuten dauern.

Weil sonst die Tränen schießen.
So unge­fähr.

Und Bilder, so wie wir sie nun auch von Jupp Heynckes kennen, wollen Sie nicht.
Ich will sie nie­manden zumuten. Wer mich kennt, weiß, dass ich diese Ader habe. Um mich auf­zu­mun­tern, brauche ich regel­mäßig meine Por­tion Deep Purple.

Früh­phase.
Made in Japan“, na klar.

Das Livealbum.
Und dann natür­lich Child in Time“.

Ist das der Song, den Sie sich gönnen, wenn Sie am 30. Sep­tember end­gültig die hei­ligen Hallen in der BayArena ver­lassen?
Nein, dann wird wohl ein Song des Jaz­zers Nils Land­gren laufen.

Und wel­cher?
Please don’t tell me how the story ends“