Piotr Tro­chowski, Sie haben sich im Oktober schwer ver­letzt, Dia­gnose: Knor­pel­schaden im Knie – waren die fol­genden Wochen die schlimmsten Ihrer Kar­riere?
Ich war noch nie zuvor so schwer ver­letzt, von daher: ja. Als ich beim Doc in Mün­chen saß und er mir sagte, wie schlimm die Ver­let­zung tat­säch­lich ist, befand ich mich zunächst in einer Art Schock­starre. Man hofft ja bis zuletzt, dass es doch nicht so schlimm ist. Die Tage danach waren hart, ich war extrem nie­der­ge­schlagen und traurig. Da ich aller­dings weiß, wie wichtig posi­tives Denken ist, habe ich mir kurze Zeit später gesagt Nichts geschieht in dieser Welt ohne Grund – schaue jetzt nach vorn“.

Nur wenige Tage nach Ihrer Knie­ope­ra­tion wurde zudem ein Schien­bein­bruch dia­gnos­ti­ziert.
Das war natür­lich ein Hammer! Ich hatte starke Schmerzen. Damals konnte ich mich kaum bewegen und war daher ständig auf mein Umfeld ange­wiesen – meine Frau musste sich um alles küm­mern. Es ist mir unheim­lich schwer gefallen, meinen neuen Alltag zu akzep­tieren.

Haben Sie zu jener Zeit an ein Kar­rie­re­ende gedacht?
(Pause) Ich würde lügen, wenn ich sagte, solche Gedanken seien mir fremd gewesen. Ich habe mir in der Tat die Frage gestellt Du bist jetzt 29, kommst du nach dieser kom­pli­zierten Ver­let­zung wirk­lich noch mal zurück?“. In der­ar­tigen Momenten muss bewusst han­deln, sich posi­tive Bilder vor Augen führen, dann sind die Zweifel schnell vom Tisch.

Vor kurzem haben Sie auf Face­book zwei Fotos ihres Ober­schen­kels gepostet, eins zeigt ihn nach der OP, eins vor wenigen Wochen – der Unter­schied ist enorm. Die Vor­freude ist offen­sicht­lich groß. Haben Sie sich nun Etap­pen­ziele gesetzt?
Ich habe die Krü­cken erst relativ spät abge­legt, nach etwa sechs Monaten, seitdem geht es stetig bergauf. Mein Plan sieht so aus: Juni: Laufen; Juli. Sprinten; August: Mann­schafts­trai­ning; Sep­tember: Spielen. (lächelt) Da aller­dings nie­mand weiß, ob das Knie der zuneh­menden Belas­tung stand­hält, ist es durchaus mög­lich, dass sich mein Plan um ein oder zwei Monate nach hinten schiebt. Es ergäbe keinen Sinn, würde ich mir jetzt einen Termin als Ziel setzen. Ich lasse mich von nie­mandem unter Druck setzen, das habe ich mir fest vor­ge­nommen.

Apropos Ziele: Der FC Sevilla läuft seinen Erwar­tungen hin­terher. Sie haben vor der Saison das Ziel Inter­na­tio­naler Wett­be­werb“ aus­ge­rufen, zur­zeit beträgt der Rück­stand auf den sechsten Platz aller­dings acht Zähler – was läuft schief ?
Es reicht ein Blick auf die Sta­tistik, um zu erkennen, woran es hakt: Zuhause sam­meln wir Punkte, aus­wärts dagegen stehen wir nach Spie­lende meist mit leeren Händen da. Wir sind die viert­beste Heimm­an­schaft, haben in den Aus­wärts­par­tien jedoch nur mick­rige neun Zähler geholt. Das spricht für sich.

Eine Kopf­sache?
Ja, auch. Wir spielen aus­wärts irgendwie gehemmt. Zuhause treten wir wesent­lich domi­nanter und selbst­be­wusster auf. Ich hoffe, wir kriegen das Pro­blem bald in den Griff. Klar ist aber auch: Die Ver­ant­wort­li­chen haben in den ver­gan­genen zwei Jahren einen Umbruch voll­zogen. Viele ältere Spieler, die die erfolg­rei­chen Zeiten prägten, haben den Verein ver­lassen. Schaut man sich unseren Kader an, stellt man fest, dass wir – auf dem Papier – noch immer zu den besten spa­ni­schen Mann­schaften gehören. Leider schöpfen wir unser Poten­zial nicht aus. Das muss natür­lich drin­gend besser werden.

Stimmt es, dass das Trai­ning in Spa­nien nicht viel zu tun hat mit dem Trai­ning in Deutsch­land? Kurz: Mehr Taktik, weniger Kon­di­tion?
Vor meinem Wechsel nach Spa­nien habe ich ständig gehört, die Tak­tik­schu­lung spiele dort eine rie­sen­große Rolle. Ich dachte mir Na ja, das wollen wir erst mal sehen“. Ich war total über­rascht! Ich hätte nie­mals gedacht, dass das Tak­tik­trai­ning derart intensiv sei. Schaut man sich Spiele der Pri­mera Divison an, fällt auf, wie leicht­füßig und locker alles wirkt. Viele Deut­sche denken wahr­schein­lich Ach, die sind tech­nisch ein­fach besser, das ist deren Stil, die Spa­nier hatten schon immer gute Fuß­baller“. Aber so ein­fach ist das nicht! Das sieht zwar alles so leicht und natür­lich aus, ist aber mühsam antrai­niert, das sind Auto­ma­tismen, Spiel­züge, die im Trai­ning stun­den­lang geübt werden. Ganz deut­lich: Das Trai­ning, das ich hier in den ver­gan­genen zwei Jahren erlebt habe, ist derart viel­fältig, so was habe ich in Deutsch­land noch nie gesehen.

Bevor Sie weiter schwärmen: Haben Sie ein Bei­spiel parat? 
In der Pri­mera Divi­sion wird weniger wert auf das Kör­per­liche gelegt. Die Spa­nier sind bekannt­lich nicht so robust wie bei­spiels­weise die Eng­länder oder Deut­schen, sie sind ja auch eher kleiner. Die Spieler legen daher enormen Wert darauf, ihre Stärken zu betonen, sie arbeiten stets daran, diese zu opti­mieren. In anderen Worten: Technik und Spiel­ge­schwin­dig­keit werden hier groß geschrieben. Ich behaupte, in keiner anderen Liga wird das Pres­sing so exzel­lent umge­setzt wie in der Pri­mera Divi­sion.

Der­zeit werden viele Bun­des­li­ga­klubs für ihr tem­po­rei­ches Spiel gelobt, ist ihnen die Pri­mera Divi­sion den­noch voraus?
Betrachtet man die gesamte Liga, würde ich sagen: ja. Die stärksten deut­schen Mann­schaften können gut mit­halten, das sehen wir ja gerade in der Cham­pions League. Aller­dings hätten die Klubs, die zur­zeit im Mit­tel­feld stehen, sicher­lich Pro­bleme mit dem Tempo und Pres­sing in Spa­nien.

Wo sehen Sie in Deutsch­land Nach­hol­be­darf?
In Spa­nien ist die Trai­nings­vor­be­rei­tung wesent­lich inten­siver, der Trainer geht mehr ins Detail. Nicht selten werden sogar in der Halb­zeit per Touch­screen aus­führ­lich Spiel­züge erklärt, die Ana­lyse ist umfas­sender. Anderes Bei­spiel: Bereits vor dem Trai­ning stehen regel­mäßig Bespre­chungen und Tak­tik­schu­lungen an. Ver­gleich­bares habe ich in der Bun­des­liga extrem selten erlebt, viel­leicht gele­gent­lich vor einem Spieltag, das war es dann aber auch schon. Hier dagegen werden wir bei­nahe täg­lich damit kon­fron­tiert.

In diesen Tagen heißt es in diversen Medien, die beiden Halb­fi­nal­par­tien stünden sym­bo­lisch für die der­zei­tigen Macht­ver­hält­nisse im euro­päi­schen Fuß­ball – halten Sie solche Aus­sagen für über­trieben?
Ja, ein­deutig. Hier geht es doch ledig­lich um eine Saison, im nächsten Jahr sieht es wahr­schein­lich wieder ganz anders aus. Man sollte nicht zu viel hin­ein­in­ter­pre­tieren. Es wäre arro­gant, die eng­li­schen Klubs abzu­schreiben – Man­chester United, Chelsea und Man­chester City werden in der kom­menden Runde wieder ein ent­schei­dendes Wört­chen mit­reden, davon bin ich über­zeugt. Außerdem spielen doch auch Zufälle eine Rolle. Hätte Dort­mund nicht in der Nach­spiel­zeit das ent­schei­dende Tor gegen Malaga geschossen, stünden drei spa­ni­sche Teams im Halb­fi­nale. Real dagegen wäre gegen Man­chester United bei­nahe aus­ge­schieden, ich erin­nere nur an die Rote Karte für Nani, die das Spiel auf den Kopf stellte. In den wich­tigen Par­tien ent­scheiden meist Nuancen über Sieg oder Nie­der­lage.

Piotr Tro­chowski, Sie waren im ver­gan­genen Monat in Ihrer Heimat Ham­burg – wie schätzen Sie die der­zei­tige Situa­tion des HSV ein?
Ich erzähle nichts Neues, wenn ich sage, dass der Mann­schaft die Kon­stanz fehlt. Beim HSV herrscht unheim­lich viel Unruhe, das kenne ich noch aus meiner Zeit in Ham­burg. Vor einem Spieltag habe ich eigent­lich immer das Gefühl, alles sei mög­lich, doch es eben immer eine Art Lot­terie. Mal gibt es eine klare Aus­wärts­pleite, anschlie­ßend wieder einen Heim­sieg. Ich ver­misse die Sta­bi­lität.

Viele Kri­tiker sagen, dem Ham­burger Sport­verein fehle ein Kon­zept? Sehen Sie das ähn­lich?
Ich bin zu weit weg, um derlei zu bestä­tigen. Ich kenne auch die Struk­turen inner­halb der Mann­schaft nicht gut genug. Nur so viel: Änderst du nach ver­lo­renen Spielen ständig die Auf­stel­lung, trägst du nicht gerade dazu bei, ein Gebilde zu sta­bi­li­sieren. Im Gegen­teil, so was birgt große Pro­bleme in sich. Für einen Profi ist es näm­lich extrem schwierig, Top­leis­tungen abzu­rufen, wenn man immer wieder draußen sitzt, plötz­lich rein­ge­schmissen wird, um auf einer neuen Posi­tion Akzente zu setzen, und dann im nächsten Spiel erneut auf die Bank muss. Jeder Spieler braucht einen Rhythmus und das nötige Ver­trauen. Stän­dige Wechsel ver­un­si­chern eine Mann­schaft. Auf Dauer sind doch meis­tens die­je­nigen erfolg­reich, die kon­se­quent einen Weg ver­folgen. Und zwar einen Weg, von dem sie über­zeugt sind, dass er zum Ziel führt.