Er schlen­dert durch die Gänge des Mann­schafts­ho­tels, hält vor einem Kaf­fee­au­to­maten, bedient sich. Das Zwi­cken in der Wade scheint in diesem Moment an diesem Mitt­woch ver­stummt – und auch der Blues der ver­gan­genen Wochen. Wäh­rend die Tasse voll­läuft, blickt der Mann, auf dem die Hoff­nungen von Mil­lionen Men­schen ruhen, in den Spiegel, der über dem Auto­maten ange­bracht ist. Er stellt den Kragen seines Polo­hemds hoch, legt seinen Kopf einmal nach links, dann nach rechts. Er greift nach der Tasse. Und dann lächelt er.

Am Abend kommt dann noch die Bun­des­kanz­lerin zum Essen in das Mann­schafts­hotel am Rande von Danzig, das im 17. Jahr­hun­dert mal ein Gutshof gewesen war, und Bas­tian Schwein­s­teiger sagt: Ich mache mir keine Sorgen. Ich bin sehr heiß auf das Tur­nier. Die Mil­lionen Men­schen, die auf ihn hoffen, hoffen nun, dass das stimmt, dass seine Sorg­lo­sig­keit berech­tigt ist. Viele Belege dafür gab es zuletzt nicht.

Nur auf der Liege

Noch vor wenigen Tagen sah die ent­setzte Fuß­ball­na­tion Bas­tian Schwein­s­teiger auf einer Mas­sa­ge­liege liegen, in einem Zelt, in dem die Fit­ness­ge­räte auf­be­wahrt wurden, das war wäh­rend der Vor­be­rei­tungs­wo­chen im fran­zö­si­schen Tour­rettes. Da lag er. Er bewegte sich kaum. Ein paar Tage ging das so. Schwein­s­teiger trai­nierte nicht draußen auf dem Platz wie die anderen 22 Fuß­ball­spieler. Er lief nicht, rannte nicht, war nicht am Ball. Er lag auf der Liege im Zelt.

Diese Bilder haben Ein­druck hin­ter­lassen im Selbst­ver­ständnis der Fuß­ball­na­tion Deutsch­land. Wenn heute in War­schau die Euro­pa­meis­ter­schaft beginnt, wird die deut­sche Mann­schaft ins ukrai­ni­sche Lem­berg gereist sein, wo sie am Sonn­abend mit ihrem Spiel gegen Por­tugal ins Tur­nier ein­steigt. Bun­des­trainer Joa­chim Löw hat eine Mann­schaft bei­sammen, die seit Jahr­zehnten das größte Ver­spre­chen auf einen großen Titel ist. Bas­tian Schwein­s­teiger soll diese Mann­schaft führen. Und das ist das Pro­blem.

Ein zweiter Bal­lack?

Bas­tian Schwein­s­teiger sucht nach Halt und Form. Wird er spielen, oder wird die Mann­schaft ohne ihn aus­kommen müssen? Was bedeutet das für die Titel­aus­sichten – und was für Schwein­s­teiger? Wird Deutsch­land tri­um­phieren? Mög­li­cher­weise ohne ihn? Wird er der nächste Michael Bal­lack? Einer, dem in seiner Kar­riere die ent­schei­denden Titel ver­sagt bleiben?

Bal­lack hat eine Dekade lang erfolg­reich ver­hin­dert, dass das Land des drei­ma­ligen Welt- und Euro­pa­meis­ters in der Ver­sen­kung ver­schwindet. Als es ihn vor wich­tigen Spielen bei der WM 2006 und der EM 2008 in der Wade zwickte, herrschte helle Auf­re­gung. Von der Wade der Nation war die Rede. Seit der WM 2002 galt der Satz von Team­chef Rudi Völler, wonach alles pas­sieren dürfe, nur keine Ver­let­zung Bal­lacks. Bei der WM vor zwei Jahren ist genau das pas­siert. Bal­lack fiel aus, und Schwein­s­teiger war es, der in dessen Rolle rückte und die Panik der Deut­schen ein­fach über­spielt hat. In den Jahren danach füllte Schwein­s­teiger die Chef­rolle beim FC Bayern und in der Natio­nal­mann­schaft immer besser aus. Die Mit­spieler gestehen ihm auf dem Platz die abso­lute Hand­lungs­ho­heit zu. Aus dem zap­pe­ligen, manchmal auch lau­ni­schen Außen­spieler war ein Anführer erwachsen, ein emo­tio­naler Leader, wie Löw es for­mu­liert.

Dann kam das Finale der Cham­pions League gegen den FC Chelsea in Mün­chen. Dahoam! Und es kam mit einer Wucht, wie sie fürch­ter­li­cher nicht sein konnte. Schwein­s­teiger vergab nach der Ver­län­ge­rung im Elf­me­ter­schießen den letzten, den ent­schei­denden Schuss. Der Ball klatschte an den Pfosten. Chelsea gewann. Ein schreck­li­cher Moment für die Bayern, ein tra­gi­scher für Schwein­s­teiger. Er wirkte wie ein gebro­chener Mann.

Jeder hat gesehen, wie Schwein­s­teiger sich das Trikot übers Gesicht zerrte, weil er sich schämte. Und weil er nicht ertragen konnte, wie der Gegner die Tro­phäe davon­trug. Es sind Ver­zweif­lungs­bilder, die man gerade auch von Bal­lack kennt, und sie sind erdrü­ckend ähn­lich.

Zweimal hat der Sachse im Finale der Cham­pions League gestanden, 2002 mit Lever­kusen und 2008 mit dem FC Chelsea. Beide Male hat er ver­loren. Vor allem die Nie­der­lage 2008 gegen Man­chester United war für den Deut­schen tra­gisch, als sein Mit­spieler John Terry den ent­schei­denden Elf­meter gegen den Außen­pfosten drosch und Bal­lack im Mos­kauer Regen auf Höhe der Mit­tel­linie auf die Knie sank. Er selbst hatte seinen Elf­meter ver­wan­delt. Ein schwa­cher Trost.

Deutsch­land bangt um seine Wade – und um seinen Kopf

Schwein­s­teiger hat es schlimmer erwischt. Noch wenige Tage zuvor, im Halb­final-Rück­spiel gegen Real Madrid, hat er den ent­schei­denden Elf­meter ver­wan­delt und die Bayern über­haupt erst in das Finale gebracht – in dem er dann den ganz großen Tri­umph ver­mas­selte. Jupp Heynckes, Bay­erns Trainer, sagte danach, dass man damit erst mal fertig werden müsse. Gerade bei Schwein­s­teiger werde es ein paar Tage dauern. Aber er wird das weg­ste­cken, sagte Heynckes. Große Ent­täu­schungen gehörten zum Fuß­baller-Leben dazu wie Siege und Titel.

Schon in Tour­rettes hatte sich dann noch her­um­ge­spro­chen, dass irgend­etwas mit Schwein­s­tei­gers Wade sei. Er hatte sich die Ver­let­zung zu Beginn des Finals zuge­zogen und dann bis ins Elf­me­ter­schießen durch­ge­halten. Ein Blut­erguss, hieß es, nicht weiter schlimm. Doch dann zwickte die Wade hart­nä­ckiger als erwartet. Oder war es gar nicht die Wade? Ist Schwein­s­tei­gers Kopf nun die Wade der Nation?

EM als Grup­pen­the­rapie

Über die ange­knackste Psyche der Bayern ist viel dis­ku­tiert worden. Es war ja nicht nur ein Knacks, den es zu ver­kraften galt. Die Meis­ter­schaft war schon im April nach der erneuten Nie­der­lage gegen Dort­mund futsch. Mitte Mai wollten die Bayern im Pokal­fi­nale zurück­schlagen. Sie wurden vor­ge­führt – 2:5. Dann noch das Spiel gegen Chelsea.

So bekommt die EM gerade eine ganz neue Bedeu­tung. Die jungen Münchner wie Toni Kroos, Thomas Müller oder Manuel Neuer erkennen hierin eine Chance, die ver­ma­le­deite Saison doch noch mit einem Titel zu retten. Bei Schwein­s­teiger scheint die Fall­höhe noch einmal größer aus­zu­fallen. Er wirkt bedrückt. Man­chen beschlich bereits das Gefühl, als sei es Schwein­s­tei­gers letzte Chance.

Im Pres­se­zen­trum neben dem Mann­schafts­lager will Löw von so etwas natür­lich nichts hören. Am Don­nerstag ist er opti­mis­tisch. Sagt, dass Schwein­s­teiger sich einen bes­seren Rhythmus erar­beitet habe, dass er kör­per­lich in einem bes­seren Zustand sei als in der ver­gan­genen Woche. Ich denke, er ist ein­satz­be­reit, sagt Löw. Ein­satz­be­reit. Reicht das?

Am Montag trai­nierte Schwein­s­teiger das erste Mal mit Ball und Mann­schaft. Beschwer­de­frei, wie es hieß.

In Best­form kann er nicht sein. Dafür hat Schwein­s­teiger zu viel weg­ste­cken müssen. An Körper und Geist. Einen Schlüs­sel­bein­bruch im Herbst und einen Außen­band­riss im Knö­chel im Früh­jahr sowie die ver­lo­renen Finals. Seitdem hat Bas­tian Schwein­s­teiger sich kaum geäu­ßert. Es geht mit gut, war mal ein Satz. Er taste sich an seine Sprit­zig­keit heran. Das alles habe doch sehr viel mit dem Kopf zu tun.“ Und außerdem: Einen Titel hole man nicht ein­fach nur so, durchs Reden oder dass er auf einen zukommt. Man muss dafür etwas tun. Dann schwieg er wieder.

Dafür dis­ku­tiert die Nation: Wird er spielen? Und wenn – wie?

Ein Stra­tegie, ein Sym­me­triker

Schwein­s­tei­gers Spiel hat nicht dieses Auf­säs­sige eines Thomas Müller, das Anstif­tende von Mario Götze oder gar das Lyri­sche von Mesut Özil, die dem Spiel der deut­schen Mann­schaft die beson­deren Momente ver­leihen. Und doch ist Bas­tian Schwein­s­teiger ein beson­derer Fuß­baller. Viel­leicht des­wegen, weil er ein anderer Fuß­baller geworden ist, als vor­ge­sehen war. Vor­ge­sehen war das Spek­ta­kel­hafte, begründet in seiner Drib­bel­kunst, der flinken Auf­fas­sungs­gabe und den fre­chen Füßen. Nun steht er im Zen­trum des Spiels. Mit seiner Ball­si­cher­heit, seinem Posi­ti­ons­spiel und seiner Über­sicht sorgt er für die Sym­me­trie und Statik im Team. Er ver­bindet das Auf­säs­sige, das Anstif­tende und das Lyri­sche. Und Schwein­s­teiger kann die Mann­schaft tragen. Er hält das Spiel in seinem Zen­trum zusammen. Schwein­s­teiger ist Löws Schlüs­sel­spieler. Er ist sein stra­te­gi­scher Takt­geber. Unklar ist, wel­chen Takt Schwein­s­teiger der­zeit anschlagen kann.

90 Län­der­spiele mit 27

Lieber möchte ich 90 Län­der­spiele und einen WM- oder EM-Titel haben, als Rekord­na­tio­nal­spieler zu werden. Dieser Satz stammt von Schwein­s­teiger aus dem Sep­tember 2009. Damals bestritt er sein 70. Län­der­spiel – mit 25 Jahren. Er war damit auf dem besten Weg, Lothar Mat­thäus abzu­lösen, mit 150 Ein­sätzen Rekord­halter. Kurz vor der EM 2004 hatte er sein Debüt in der Natio­nal­mann­schaft gegeben. Seitdem ist er 2006 und 2010 WM-Dritter geworden und 2008 EM-Zweiter. Inzwi­schen steht er bei 90 Län­der­spielen. Einen Titel aber hat er immer noch nicht gewonnen.

Bas­tian Schwein­s­teiger ist auch der Leader einer Genera­tion, die den Ver­gleich mit der Mann­schaft von 1972, der besten deut­schen über­haupt, nicht zu scheuen braucht. Aber: Sollte diese Genera­tion keinen Titel holen, wird das ihr ewiger Makel werden. Nicht, weil es von ihr erwartet wurde, son­dern weil es erwartet werden durfte. Löw sagt, die junge Mann­schaft habe Poten­zial und Ehr­geiz genug, um einen Titel zu holen. Viel­leicht aber, sagt der Bun­des­trainer, haben sie erst in zwei oder vier Jahren ihren abso­luten Zenit erreicht. Meint er damit auch seinen Top­mann im Zen­trum?

Bas­tian Schwein­s­teiger ist jetzt 27. Bestes Fuß­bal­ler­alter, hieß es mal. Heute weiß nie­mand mehr, was das beste Fuß­bal­ler­alter ist. Spieler wie Özil oder Sami Khe­dira sind schon mit Anfang 20 auf einem so hohen Niveau ange­langt, dass keiner sagen kann, ob es noch weiter nach oben geht. Auch Schwein­s­teiger war einer jener Spieler, die früh gut sind und noch besser werden, die in ihren Klubs Ver­ant­wor­tung über­nehmen und schnell auf viele Län­der­spiele kommen. Die aber gefährdet sind, auch schneller zu ver­brennen. Mat­thäus, der mit fast 40 noch die EM 2000 spielte, war eine Aus­nahme und wird das immer bleiben.

Große Spiele gegen Por­tugal

Das erste Spiel, das den Deut­schen bevor­steht, ist gegen Por­tugal. Es wäre ein guter Ein­stieg für Schwein­s­teiger, der als so etwas wie der per­so­ni­fi­zierte Por­tu­gal­schreck gilt. Bei der WM 2006 schoss er im Spiel um Platz drei zwei Tore zum 3:1‑Sieg, und bei der EM 2008 lei­tete er mit seinem Tor den 3:2‑Sieg im Vier­tel­fi­nale ein. Das waren große Tage.

An den klei­neren Tagen, als nicht klar war, wel­chen Dreh seine Kar­riere nehmen würde, hat er seine Fin­ger­nägel schwarz lackiert, seine Haare sil­bern gefärbt, weiße Schals umge­bunden und der Kanz­lerin ins Ohr geraunt: Sie können mich immer duzen. Das war bei der Heim-WM 2006, als er zusammen mit Podolski noch das ulkige Gute-Laune-Paar des deut­schen Fuß­balls gab. Als Poldi & Schweini waren sie die Strah­le­männer des Som­mer­mär­chens.

Sechs lange Jahre später steht Trainer Löw vor einer wich­tigen Ent­schei­dung. Stellt er Schwein­s­teiger auf den Platz, oder lässt er es sein? Ein Schwein­s­teiger tut der Mann­schaft gut. Nur benö­tigt er für sein Spiel Fit­ness und Rhythmus, die er nach lang­wie­rigen Ver­let­zungen nicht haben kann. Sein Spiel kreist zwi­schen Ball­si­cher­heit und Spiel­kon­trolle. Doch es ist ein schmaler Grad, bis aus Spiel­kon­trolle Spiel­ver­schlep­pung wird, wenn sein Wirken das Spiel sta­tisch und durch­schaubar werden lässt. Wie neu­lich im Ber­liner Pokal­fi­nale. Schwein­s­teiger spielte in einer eigenen Geschwin­dig­keit, in einer lang­sa­meren. Seine kör­per­li­chen Defi­zite waren augen­schein­lich. Wenn er einem Dort­munder hin­ter­her­lief, wirkte es, als tuckerte ein Traktor einem Sport­wagen hin­terher. Und Löw liebt Tempo.