11FREUNDE am Morgen

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Auf dem Gipfel. Drei Wochen vor dem Cham­pions-League-Finale wurde ich vom Stern“ gebeten, ein Por­trait von Thomas Tuchel zu schreiben. Und weil der Coach natür­lich nicht allzu viel Zeit für lange Kamin­ge­spräche hatte, wühlte ich auch in den Erin­ne­rungen. Zu aller­erst fiel mir unsere toll­kühne Ver­klei­dungs­ak­tion zu Mainzer Zeiten ein. Wir hatten Tuchel gefragt, ob er sich nicht mal für uns als John McEnroe ver­kleiden wolle, um so seinen Jäh­zorn auf die Schippe zu nehmen. Solche Anfragen werden gestellt, um umge­hend eine Absage zu kas­sieren. Nicht so im Falle Tuchels. Der lief tat­säch­lich ein paar Tage später für unseren Foto­grafen mit Lang­haar­pe­rücke, Stirn­band und weißen Kla­motten über einen Mainzer Ten­nis­platz. Was gut illus­triert, dass Tuchel schon damals weitaus mehr über sich selber lachen konnte, als es das öffent­liche Kli­schee ver­muten ließ. Min­des­tens eben so gut in Erin­ne­rung war mir sein Gast­spiel bei einem unserer Sai­son­rück­blicke. Da erzählte er unter anderem, wie er die Mainzer Mann­schaft auf ein Spiel gegen den 1. FC Köln vor­be­rei­tete, indem er die Kölner mit den Haupt­dar­stel­lern aus dem Film Hilfe, die Kör­per­fresser kommen“ ver­glich. Ich dachte schon damals, dass der als Tak­tik­nerd ver­schriene Tuchel offenbar ein ziem­lich guter Päd­agoge ist. In den Jahren seither ist vieles dazu­ge­kommen, an Finesse, Können und Sou­ve­rä­nität, sonst hätte er am Sams­tag­abend nicht im End­spiel in Porto über Guar­diolas Man­chester City tri­um­phiert. Was aber immer schon da war, war seine schier unstill­bare Begeis­te­rung für den Fuß­ball – und zugleich die selbst­iro­ni­sche Spie­ge­lung des eigenen Wahn­sinns. Das ist oft über­sehen worden, wenn er wieder mal als ver­bis­sener, humor­loser Dis­zi­plin­fa­na­tiker beschrieben wurde. Und so stand es dann auch als Vor­spann unter dem Stern-Por­trät: Es ist Zeit, das Bild zu kor­ri­gieren, das wir vom Trainer Thomas Tuchel haben!“

Zitat des Tages

Ich muss jetzt Dinge tun, die ich mir selber ver­spro­chen habe. Bei­spiels­weise mit meinen Söhnen Lei­cester durch Europa zu folgen. Wann werde ich schon jemals wieder die Gele­gen­heit dazu haben?“

Gary Lineker quittiert seinen Dienst bei BT Sports und konzentriert sich aufs Wesentliche.
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Auf­stieg

Der FC Venedig ist zurück in der Serie A. 19 Jahre sind eine ver­dammt lange Zeit. Als der FC Venedig 2002 aus der ersten ita­lie­ni­schen Liga abstieg, war das der Beginn einer fast zwei Jahr­zehnte dau­ernden Irr­fahrt durch die Ligen. Zwi­schen­durch kickte der Club sogar nur viert­klassig, ging dreimal Bank­rott und schien den Anschluss an den modernen Fuß­ball ver­loren zu haben. Nun jubelt die Lagu­nen­stadt über die Rück­kehr und freut sich auf die Duelle gegen die großen Clubs aus Turin, Mai­land und Neapel. Aber wie so häufig mischt sich in all die Freude ein biss­chen Wehmut, näm­lich durch den bal­digen Ver­lust des wun­derbar atmo­sphä­ri­schen Stadio Pier­luigi Penzo, dem zweit­äl­testen, noch exis­tie­renden Sta­dion Ita­liens. Weil es nur 7400 Sitz­plätze hat, ent­steht gerade etwas außer­halb der Stadt ein schi­cker Neubau mit inte­grierter Shop­ping Mall und Vier-Sterne-Hotel. Bis zur Fer­tig­stel­lung lohnt sich der Besuch des alten Areals, das natür­lich vor­wie­gend nur übers Wasser zu errei­chen ist.

Neues aus Enten­hausen

Aber bitte mit Schorsch Sahne. Fuß­ball war ja schon des Öfteren Thema bei den Ducks. Unver­gess­lich etwa das Lus­tige Taschen­buch“ zur WM 1982 in Spa­nien mit der Geschichte des Franz Drib­bel­bauer, der durch Elek­troden, die ihm sein grö­ßen­wahn­sin­niger Bruder ein­ge­pflanzt hat, zum Super­star wird. Der Plot der Fuß­ball­story, die im aktu­ellen Micky-Maus-Heft zu finden ist, wirkt ein wenig spröder. Der Super­star Schorsch Sahne zickt rum und muss von Tick, Trick und Track, den Jung-Redak­teuren der Zeit­schrift 18 Freunde“, zur Raison gebracht werden. Spoiler: klappt. Aber die Ein­stiegs­szene ist wirk­lich nah an unserem Alltag. Seien es die Klagen über die Leser („Die letzte Aus­gabe hat sich mies ver­kauft – nur acht von 20 Exem­plaren“) oder die Hoff­nung, durch ein scho­nungslos ein­fühl­sames Inter­view mit Manuel Neuer die Leser an die Kioske zu locken („Wir brau­chen eine Sen­sa­tion für die nächste Aus­gabe“).

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Neue Zeiten

Nur ein Grup­pen­bild von vier Müt­tern? Nein, viel mehr als das – näm­lich ein Zei­chen, dass es zumin­dest im US-ame­ri­ka­ni­schen Fuß­ball voran geht mit der Ver­ein­bar­keit von Pro­fi­fuß­ball und Mut­ter­schaft. Vor allem beim Frau­en­fuß­ball­klub Orlando Pride, der vier Mütter im Kader hat und sich viele Gedanken über die Unter­stüt­zung der Spie­le­rinnen gemacht hat. Jede Eltern­schaft ist unter­schied­lich“, sagte Mana­gerin Emma Nunan zu Orlando Sen­tinel“. Ein großes Pro­blem sei etwa der feh­lende Schlaf im ersten Jahr. In Orlando können des­halb Mütter nach durch­wachten Nächten aus­schlafen und das Trai­ning später nach­holen. Min­des­tens ebenso wichtig: die Spie­le­rinnen können ihre Kinder mit zu den Aus­wärts­spielen bringen, wo sich Baby­sitter wäh­rend der Spiele um sie küm­mern. Ein Vor­bild auch für den deut­schen Pro­fi­fuß­ball.

Knif­fel­time

Nächste Runde! Wir suchen einen Übungs­leiter aus dem Pro­fi­fuß­ball, der in den letzten Jahren in Deutsch­lands total durch­ge­drehter Par­ty­haupt­stadt“ (Johannes Degen­hardt) gear­beitet hat. In einer Mega­city, die nie­mals schläft. Und bei einem Klub, dessen Sta­dion nicht zufällig von den aus­wär­tigen Teams als bro­delnder Hexen­kessel gefürchtet ist. Lösungen wie immer an philipp@​11freunde.​de. Die Gewinner der letzten Woche wurden bereits benach­rich­tigt. Zu ergat­tern gab es übri­gens zweimal das 11Freunde-Jubi­lä­ums­buch, und um keinen Neid zu schüren, ver­öf­fent­li­chen wir die Namen Ingo Krüger (Elms­horn) und Konrad Pahlke (Ham­burg) hier nicht. PS: Am Freitag suchten wir natür­lich den Held von Sevilla, Hel­muth Duckadam. Zu dem schrieb Quiz-Teil­nehmer Flo­rian Launus: Ein Freund von mir, His­to­riker und Ost­eu­ropa-Kenner, hat eine schöne Anek­dote: Die Steaua-Fans im armen kom­mu­nis­ti­schen Rumä­nien sollen mit wür­de­voller Selbst­ironie skan­diert haben: Wir haben kein Brot, wir haben keine Wurst, aber wir haben Duckadam!“ Wenn das keine Sta­di­on­poesie ist!

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Schüsse ins Knie

Selten so gelacht. Als wir unseren schot­ti­schen Kol­legen Harry Pearson baten, für unsere EM-Son­der­aus­gabe über die über­schau­baren schot­ti­schen Erfolge bei Euro­pa­meis­ter­schaften zu schreiben, konnten wir nicht ahnen, dass Pearson einen der humor­vollsten Texte der 11Freunde-Geschichte ver­fassen würde. Mit lie­be­vollem Zynismus erzählt Pearson von betrun­kenen Aus­wahl­spie­lern, einem mol­ligen Natio­nal­trainer mit dem Charme eines pen­sio­nierten Spar­kas­sen­lei­ters, der sich gerade einen Auf­sitz­ra­sen­mäher gekauft hat“ und Gum­mi­mes­sern in den High­lands. Das solltet ihr nicht ver­passen. Das Heft gibt´s hier zu kaufen.

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Rele­ga­ti­ons­ge­winner

Wer ist wer? Auch egal. Zwei rote Mann­schaften feiern kurz vorm Blau­werden, wahl­weise den Liga­ver­bleib oder den Auf­stieg. Der 1. FC Köln trotzte den apo­ka­lyp­ti­schen Pro­gnosen und gewann locker und lässig gegen eine ent­kräftet wir­kende Truppe von Hol­stein Kiel, der­weil Ingol­stadt sein letzt­jährig erwor­benes Rele­ga­ti­ons­trauma über­wand. Denn diesmal warf sich kein Michael Wie­singer im viel zu engen Hemd in eine Nürn­berger Jubel­traube, son­dern verlor Ingol­stadt aus­rei­chend knapp in Osna­brück, um die Rück­kehr zu sichern. Glück­wunsch an beide Teams.

Jetzt ist end­lich Som­mer­pause. Jeden­falls für die, die kein Inter­esse an Län­der­fuß­ball haben. Alle anderen folgen seit Tagen schon gespannt den Was­ser­stands­mel­dungen aus See­feld in Tirol, wo sich die deut­sche Natio­nalelf auf die EM vor­be­reitet. Bis­lang ist es dort ja leider allzu ruhig, was schon daran zu erkennen ist, dass Spiegel-Kol­lege Peter Ahrens abends meh­rere Vin­tage-Folgen des ARD-Tat­orts („Mord auf Lan­geoog“) weg­zieht, anstatt mit anderen Kor­re­spon­denten an der Hotelbar die letzten Gerüchte aus dem Quar­tier durch­zu­he­cheln. Keine Eska­paden, keine amou­rösen Aben­teuer, kein raus­ge­mobbter Kapitän wie 2010 – aber das kann ja noch kommen.

Einen guten Wochen­start wünscht euch

Philipp Köster