Zu Hause, in seiner Dort­munder Woh­nung, will Eike Immel, 47, kein Inter­view führen. Der ehe­ma­lige Fuß­ball-Natio­nal­tor­hüter packt gerade Umzugs­kisten, weil er wegen seiner Tor­wart­schule in Zukunft häu­figer nach Kassel muss. Also ab in sein Dort­munder Stamm­café. Immel ist in Jeans und T‑Shirt gekommen. Er fragt den Wirt: Kannst du mir eine Spezi machen?“ und geht gebeugt zu einem Tisch draußen auf dem Geh­steig. Er muss eine Schon­hal­tung ein­nehmen, wegen der Hüf­tar­throse, die ihn seit Jahren plagt. Immel musste im April Pri­vat­in­sol­venz anmelden. Er weiß, dass er in seinem Leben viele Fehler gemacht hat, und dar­über spricht er – ent­waff­nend ehr­lich.



Von George Best, dem bri­ti­schen Fuß­baller, der sich mit 59 Jahren zu Tode gesoffen hat, stammen die legen­dären Sätze: »Ich habe viel von meinem Geld für Alkohol, Frauen und schnelle Autos aus­ge­geben. Den Rest habe ich ein­fach ver­prasst.«

Ich kenne den Aus­spruch. Auf mich trifft das aber nur teil­weise zu. Gut, ich habe einige Autos zu Schrott gefahren und für meine Por­sches und Mer­cedes viel Geld aus­ge­geben, aber für hüb­sche Frauen ehr­lich gesagt noch viel mehr. Von den Autos wirst du nicht arm. Wir haben so viele Pro­zente bekommen. Da ver­lierst du beim Ver­kauf nicht viel. Ein Auto hat ja immer einen gewissen Rest­wert. Wenn die Frau weg ist, kriegst du nichts mehr.

Und der Alkohol?

Hat bei mir nie eine große Rolle gespielt, auch nicht nach der Kar­riere als Fuß­baller.

Aber das Zocken mit Karten. Ihr Kon­kur­rent Toni Schu­ma­cher schrieb in seinem Tor­wart-Epos »Anpfiff«: »Eike Immel pokert wie ein Süch­tiger. Oft sah man, wie er sich völlig gerupft auf sein Bett warf. Nicht selten wurde um 20.000 bis 30.000 D‑Mark gespielt.«

Das ist eine Legende von der Welt­meis­ter­schaft in Spa­nien. 1982 war das Trai­nings­lager noch eine Kaserne. Da gab es kei­nerlei Zer­streuung. Wir durften nicht einmal am Strand spa­zieren gehen, und die Spie­ler­frauen durften uns auch nicht besu­chen, so wie das heute üblich ist. Also haben wir in unserer Frei­zeit gespielt, das war ganz normal.

Um 20.000 bis 30.000 D‑Mark, wie Toni Schu­ma­cher behauptet?

Gemessen an den Gehäl­tern, die wir hatten, ist bei den Spielen keiner arm oder reich geworden. Die Szene, die Toni beschreibt, war nach dem 4:1‑Sieg gegen Chile. Da waren wir in aus­ge­las­sener Stim­mung, und zuge­geben, das ist damals ein biss­chen aus­ge­artet. Ich habe an diesem Abend unge­fähr 40.000 D‑Mark gewonnen. Ich war also nie gerupft, und das weiß der Toni auch. Und seit dem Ende meiner Fuß­bal­ler­kar­riere habe ich nie mehr Würfel oder Karten ange­rührt.

Warum haben Sie nicht so wie andere auch gegen das Buch geklagt?

Tonis dama­lige Frau hat sich bei mir mehr­mals ent­schul­digt, und damit war die Sache für mich erle­digt. Ich wollte damals alles im Guten regeln, und das wird mir heute zum Bume­rang. Meine Gut­mü­tig­keit, meine Groß­zü­gig­keit, oder soll ich Dumm­heit sagen, sind mir zum Ver­hängnis geworden. Viel­leicht ist es von allem etwas.

Sie waren zu groß­zügig?

Ich war viel zu groß­zügig. Ich habe ein Hel­fer­syn­drom. Es musste nur jemand traurig schauen, und schon habe ich ihm Geld geliehen. Ich habe schät­zungs­weise eine Mil­lion Mark ver­liehen, ohne davon einen Pfennig wie­der­ge­sehen zu haben.


Lest im zweiten Teil, wie Eike Immel mit Immo­bi­lien in Hagen-Haspe viel Geld verlor – und wieso Frauen ziem­lich teuer sein können.

Warum ver­langen Sie das Geld nicht zurück, jetzt wo Sie selbst pleite sind?

Bei den Leuten, denen ich damals beson­ders viel Geld geliehen habe, ist hun­dert­pro­zentig nichts mehr zu holen. Außerdem konnte ich nie einem sagen, gib mir mal eine Quit­tung, das war in der Fuß­ball­welt nicht üblich. Ich habe inzwi­schen lernen müssen, dass die Rea­lität ganz anders ist.

Was meinen Sie damit?

Als ich zum Bei­spiel 2005 von Istanbul nach Deutsch­land zurück­ge­kehrt bin, habe ich eine möblierte Woh­nung gemietet und die ersten zwei Monate der Miete in bar bezahlt, ohne mir eine Quit­tung geben zu lassen. Später erhielt ich dann eine For­de­rung über die bereits bezahlten zwei Monats­mieten. Da war nichts zu machen, ich hatte ja nichts Schrift­li­ches in den Händen.

Waren Sie bei Frauen auch zu gut­mütig?

Wenn du mit 17 Jahren so viel Geld ver­dienst, dreht sich alles nur noch ums Geld. Je teurer das Auto, je teurer der Mantel, je teurer die Uhr, desto schöner das Geschenk. Das ist ein Teu­fels­kreis. Wenn du zum Geburtstag eine Uhr für 15.000 Euro ver­schenkst, was schenkst du dann an Weih­nachten? Viel­leicht wollten die Frauen das gar nicht, aber ich habe gemeint, es müsste immer mehr sein.

Sie hatten zu viel Geld?

Ich hatte zu schnell zu viel Geld. Nor­ma­ler­weise ver­dienst du doch Schritt für Schritt immer ein Stück­chen mehr und arbei­test dich langsam nach oben. Diese Erfah­rung habe ich als junger Mensch nicht gemacht. Das Geld kam herein, es war immer viel mehr. Wenn ein Verein einem jungen Mann mit 17, 18 oder 19 Jahren 500.000 Mark und mehr in die Hand gibt, ist das gefähr­lich.

Hatten Sie nie Berater, die Ihnen in jungen Jahren in finan­zi­ellen Fragen geholfen haben?

Ich hatte Berater, aber die haben mir eher geschadet als genützt.

Der Fuß­ball­be­rater Man­fred Schulte sagt: »Es gibt eine große Anzahl von Abzo­ckern und Haien in dem Geschäft.«

Meine Berater haben mich nicht betrogen, aber ein Berater sagte damals zu mir: »Du hast bei der Euro­pa­meis­ter­schaft so viel Geld ver­dient, wir müssen da jetzt was machen, sonst musst du so viel Steuern nach­zahlen.«

Und dann haben Sie sich an einem Bau­her­ren­mo­dell betei­ligt.

Ja, wie meine Berater auch. Das machte im Bekann­ten­kreis die Runde. Sowohl beim Metzger wie beim Zahn­arzt hieß es: »Hast du schon gezeichnet?« Jeder wollte bei dem Schnäpp­chen dabei sein, auch Mit­spieler damals bei Borussia Dort­mund.

Bei dem ver­meint­li­chen Schnäpp­chen ging es um Immo­bi­lien zum Steu­ern­sparen – aus­ge­rechnet in Hagen-Haspe.

Damals war das Pütt – und wir haben dort Luxus-Mehr­fa­mi­li­en­häuser hin­ge­stellt. Das ist wie sozialer Woh­nungsbau in Monte Carlo. Heute würde ich natür­lich fragen, wo ist der Haken, warum nutzen nicht alle das Steu­er­spar­mo­dell, wenn das so gut ist.

Was hat Sie der Aus­flug in die Immo­bi­li­en­branche gekostet?

So unge­fähr eine halbe Mil­lion Euro. Der Ver­lust hat weh getan, aber ich habe damals so gut ver­dient, dass ich das weg­ste­cken konnte.


Lest im dritten Teil, warum Mul­ti­mil­lio­näre für Eike Immel nicht einmal 500 Euro hatten und wieso ihm ein Freund wie Uli Hoeneß fehlte.

Sie sind auch auf einen Hoch­stapler her­ein­ge­fallen, der Sie zum Chef einer Ver­leih­firma für Luxus­autos kürte.

Ja, der sitzt inzwi­schen im Gefängnis. Eines habe ich daraus gelernt: Wenn einer sagt, Geld spielt über­haupt keine Rolle, dann sprinte ich so schnell weg, dass ich mir einen Mus­kel­fa­ser­riss hole. Ich habe ein­fach zu viele Fehler gemacht, die viel Geld gekostet haben.

Und jetzt sind Sie ganz unten?

Es hat Tage gegeben, an denen ich keine zehn Cent hatte, um mir mor­gens ein Bröt­chen zu schmieren.

Hat Ihnen nie­mand geholfen?

Wenn du ganz unten bist, merkst du, wer zu dir hält und wer nicht. Da gibt es Leute, die bieten dir erst ihre Hilfe an, du lehnst sie ab, die Not wird immer größer, du fragst doch, und dann geht die Tür ganz hart zu, und das bei Multi-Mil­lio­nären, die viel­leicht 20 oder 30 Mil­lionen auf dem Konto haben und dir keine 500 Euro geben wollen. Die melden sich nicht mehr, die lassen sich ver­leugnen. Das ist schon traurig, das habe ich so nur bei Fuß­bal­lern ken­nen­ge­lernt.

Hatten Sie das Pech, dass es für Sie keinen Uli Hoeneß gab, der als Bayern-Manager keinen seiner frü­heren Weg­ge­fährten im Regen stehen lässt?

Leider ja. Sieht man einmal von Chris­toph Daum ab, kam die Hilfe nicht aus der Fuß­ball-Welt. Mir hat ein guter Freund geholfen, außerdem meine Eltern und meine Schwester. Aber eines will ich klar­stellen: Ich kann mir nur selbst helfen und habe keinen Anspruch auf Hilfe.

Wie hoch sind Ihre Schulden?

Es geht um einen mitt­leren sechs­stel­ligen Euro-Betrag.

Hm.

Da sind unheim­lich viel Zinsen auf­ge­laufen. Das sind Zinsen, Zinsen, Zinsen. Sie glauben gar nicht, was aus 100.000 Euro werden, wenn da mal über meh­rere Jahre hohe Zinsen zusam­men­kommen.

Das ist der Zin­ses­zins­ef­fekt.

Das habe ich leider total unter­schätzt. Ich weiß, das klingt alles unglaub­lich. Aber ich habe zu wenig Geld zurück­ge­legt, und als ich das letzte Mal als Tor­wart­trainer in der Türkei ange­stellt war, habe ich mit meiner dama­ligen Lebens­ge­fährtin auf zu großem Fuß gelebt. Das Leben in Istanbul war sehr teuer. Ständig habe ich Flüge bezahlt, die von meinen Kin­dern, meiner dama­ligen Lebens­ge­fährtin und von deren Kin­dern. Ich hätte mehr Geld auf die Seite legen und den Tat­sa­chen ins Auge sehen müssen.

Dann hat das Finanzamt im Früh­jahr 2008 den Insol­venz­an­trag gestellt. War das kein Schock für Sie?

Nein, es war ein Befrei­ungs­schlag, end­lich nicht mehr so tun zu müssen, als sei alles in Ord­nung. Das war furchtbar anstren­gend.

Der nächste Hammer war ein Pro­zess, bei dem Sie vor kurzem das Amts­ge­richt Kirch­hain wegen Betrugs zu einer Geld­strafe von 130 Tages­sätzen à 40 Euro ver­ur­teilt hat. Was ist da pas­siert?

Leider darf ich dazu nichts mehr sagen. Es han­delt sich um ein schwe­bendes Ver­fahren.

Wie wollen Sie aus Ihrer Misere her­aus­kommen?

Ich will wieder als Tor­wart­trainer arbeiten. Das ist das Ein­zige, was ich wirk­lich kann. Aber die Ver­eine sagen im Moment ver­ständ­li­cher­weise: Von seinem Gehalt bekommt der das meiste weg­ge­pfändet. Der läuft des­halb den ganzen Tag mit so einer Flappe rum. Das bringt ihm und uns nichts.


Lest im vierten Teil, wie Eike Immel der­zeit ver­sucht, wieder auf die Beine zu kommen und wie viel Geld er im RTL-Dschungel-Camp ver­dient hat.

Was wollen Sie also tun?

Ich ver­suche, so viel Geld wie mög­lich mit meinen Fern­seh­auf­tritten, Auto­gramm­stunden und meiner Tor­wart­schule ein­zu­nehmen, um dann mit Hilfe des Insol­venz­ver­wal­ters einen Ver­gleich zu schaffen, damit ich nicht noch sechs wei­tere Jahre Geld abstot­tern muss.

Und des­halb mussten Sie Anfang des Jahres ins Dschungel-Camp gehen?

Ich hatte schlaf­lose Nächte wegen der Ent­schei­dung. Als der Rainer Cal­mund mit dieser Idee kam, habe ich gesagt, das mache ich nie­mals. Ich habe es dann aber doch gemacht.

Wie viel Geld hat das Dschungel-Camp gebracht?

70.000 Euro. Das Geld hat der Insol­venz­ver­walter bekommen.

Und dabei haben Sie Ihre Würde bei Kaker­laken und Ratten ver­loren.

Das ist doch Quatsch. Das wird doch nur in Deutsch­land so gesehen, in anderen Län­dern ist das ganze nor­male Unter­hal­tung. Für mich war das eine Super­erfah­rung. Und vor allem war das Dschungel-Camp der rich­tige Schritt, um aus der Lethargie her­aus­zu­kommen und nicht noch wei­tere Jahre untätig auf dem Sofa zu sitzen. Das war nie für die Hüft­ope­ra­tion gedacht, wie zu lesen war, ich bin kran­ken­ver­si­chert.

Müssten Sie sich nicht schleu­nigst an der Hüfte ope­rieren lassen, um wieder als Tor­wart­trainer arbeiten zu können, statt mit Bata Illic Schlager zu singen?

Ich habe einen OP-Termin nach dem anderen abge­sagt, um nach dem Dschungel-Camp Geld zu ver­dienen. Wir haben jetzt noch einen Auf­tritt in »Immer wieder sonn­tags«, dann will ich mich ope­rieren lassen, mög­lichst noch in diesem Monat.

Sie singen ja auch »Bei uns geht es nicht immer bergauf«. Haben Sie keine Angst, so zu enden wie Drib­bel­künstler Stan Libuda? Nach Ende seiner Fuß­baller-Kar­riere begann er zu trinken und starb mit 53, einsam und arm.

Nein, über­haupt nicht. Meine Kinder leben bei mir. Die halten zu mir. Das ist für mich das Schönste. So werde ich nicht. Ich schaffe das, wieder hoch­zu­kommen.