Emil Poklitar, wo waren Sie am Abend des 23. Juni 2012?
Zu Hause. Vor dem Fern­seher.
 
Sie haben also die Aus­lo­sung zur ersten DFB-Pokal­runde ver­folgt?
Na klar, und ich ich habe geju­belt, als mein alter Verein SV Fal­kensee-Fin­ken­krug den VfB Stutt­gart zuge­lost bekam. Ein Klas­siker. (lacht) Beson­ders schön, wie Oliver Bier­hoff zweimal auf die Los­kugel blickte, bevor er den Namen vorlas. Er hatte anschei­nend noch nie von dem Klub gehört.
 
Was haben Sie erwartet? Der Klub spielt in der Bran­den­burg­liga und trägt seine Heim­spiele auf einem Sport­platz aus, Fas­sungs­ver­mögen 1000 Zuschauer. Er dürfte deutsch­land­weit nicht son­der­lich bekannt sein.
Das stimmt schon, er war auch zu meiner Zeit ein kleiner Klub. Damals kamen selten mehr als ein paar hun­dert Zuschauer. Doch es gilt nach wie vor die alte Floskel: Im Fuß­ball ist alles mög­lich. Fal­kensee-Fin­ken­krug hat im Bran­den­bur­gi­schen Lan­des­pokal immerhin gegen den haus­hohen Favo­riten Babels­berg 03 gewonnen – und das trotz zweier Platz­ver­weise und einem Eigentor.

Zu Ihrer Zeit hatte der Klub noch nicht mit Fal­kensee fusio­niert und hieß SG Fin­ken­krug. Wie sind Sie eigent­lich dort gelandet?
Ich bin 1939 in Tatanir geboren, einem kleinen Fischer­dorf in Rumä­nien. Als ich zwei Jahre alte war, sie­delten wir nach Gör­litz, dann ins tsche­chi­sche Saaz um. Nach dem Krieg kamen wir nach Fal­kensee bei Berlin. Eines Tages fragte mich ein Freund, ob ich ihn nicht zum Fuß­ball begleiten wollte. Ich hatte nichts anderes vor und habe Ja“ gesagt. Mehr aus jugend­li­cher Lan­ge­weile. Ich war damals 15 Jahre alt.
 
So spät kamen Sie erst zum Fuß­ball?
Ich hatte bereits in der Tsche­cho­slo­wakei Fuß­ball gespielt. Aber nie auf wirk­lich hohem Niveau. In Fal­kensee ent­wi­ckelte ich mich gut, ich wurde Tor­schüt­zen­könig. Nach einem beson­ders guten Spiel ver­pflich­tete mich die BSG Rota­tion Babels­berg. Später ging ich zu Dynamo Berlin.
 
Auch dort lief es gut. Sie schossen in einer Saison 14 Tore in 19 Spielen. Trotzdem flüch­teten Sie in den Westen.
Wir waren mit der Mann­schaft nach Kopen­hagen gereist, wo wir am 13. August 1961 im Idräts­park zu einem Freund­schafts­spiel gegen Bold­klubben 93 antraten. Am Vortag ver­dich­teten sich die Hin­weise, dass die DDR an diesem 13. August mit dem Mau­erbau beginne würde. Ich schmie­dete also Pläne zur Flucht. Aus Kopen­hagen ver­suchte ich meine Frau zu errei­chen und ihr zu erklären, dass sie umge­hend zu Ver­wandten nach West­berlin reisen sollte. Doch sie war in Fal­kensee auf einem Geburtstag.
 
Wie haben Sie sich abge­setzt?
Direkt nach dem Spiel in Kopen­hagen bin ich mit meinem Mit­spieler Rolf Sta­rost in ein Taxi gesprungen und zum Hafen und dann direkt weiter mit einem Schiff nach Ham­burg gefahren. Von dort aus flogen wir nach West­berlin. Erst später erfuhren wir, dass wir sehr viel Glück gehabt hatten, denn wir wurden die ganze Zeit von Stasi-Mit­ar­bei­tern beschattet. Meine Frau kam wenige Tage später mit einem gefälschten Pass nach.
 
War es denn sicher für Sie in West­berlin?
Über­haupt nicht. Ich hatte kurz nach meiner Flucht bei Tennis-Borussia Berlin ange­heuert, und musste ein Jahr Sperre des Ver­bands­wech­sels absitzen. In dieser Zeit kamen der Verein und ich überein, dass es besser für mich sei in West­deutsch­land zu spielen. Also wech­selte ich zum Frei­burger FC.
 
Ihre größte Zeit hatten Sie aber beim 1.FC Saar­brü­cken. Sie schossen in Ihrer ersten Saison 28 Tore in 30 Spielen. Ins­ge­samt machten Sie 126 Tore in 130 Spielen.
So viele?
 
In der Saison 1963/64 haben Sie mit Ihrem Tor in der Auf­stiegs­runde dem FC Bayern sogar die ein­zige Nie­der­lage bei­gebracht. Sie werden heute der Gerd Müller vom Saar­land genannt. Warum hat es eigent­lich nie für die Erste Bun­des­liga gelangt?
Mit dem 1.FC Saar­brü­cken standen wir einige Male kurz vor dem Auf­stieg, doch wir schei­terten oft unglück­lich in den letzten Spielen. Ich hatte auch einige Ange­bote aus der Bun­des­liga, zum Bei­spiel vom FC Schalke 04. Sogar ein ita­lie­ni­scher Klub wollte mich ver­pflichten. (über­legt) Wer war das noch gleich? Ah ja, Vicenza! Man lud mich zu Ver­hand­lungen ein. Ich machte auch ein Spiel, das beste Spiel meines Lebens.
 
Und trotzdem wollte der Klub Sie nicht?
In der letzten Minute dieses Spiels segelte eine Flanke von rechts in den Straf­raum, ich nahm den Ball volley – und mein Bein war kaputt. Ich kam danach nie wieder richtig auf den Damm. Dazu muss ich aller­dings auch sagen, dass ich mich in Saar­brü­cken sehr wohl gefühlt habe. Der Klub bezahlte gutes Geld und ermög­lichte mir meine Aus­bil­dung zum Sport­lehrer.
 
Herr Poklitar, wäh­rend der Aus­lo­sung zur ersten DFB-Pokal­runde schrien die Fans in Fal­kensee: Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!“ Der Trainer soll gesagt haben: Wer mit neun Spie­lern einen Dritt­li­gisten schlägt, der schafft mit elf Spie­lern einen Erst­li­gisten.“
(lacht) Was soll ich sagen? Es ist sehr unwahr­schein­lich, auch wenn es groß­artig wäre. Zumal es nach Berlin nur ein paar Kilo­meter sind.

Zum Spiel kommen Sie aber nicht?
Das schaffe ich nicht mehr, ich sitze seit einigen Jahren im Roll­stuhl. Doch ich habe einen guten Fern­seher.