Ja, ver­dammt noch mal! Ich gebe es zu: Ich bin fremd­ge­gangen. Genauer gesagt: zwei Monate lang. Zwei Monate lang war ich nicht Werder-Fan. Ich war für den FC St. Pauli.



Es war zu einer Zeit, da Werder sich nicht son­der­lich viel Mühe gab, mir zu gefallen. Das soll keine Aus­rede sein, bloß eine Erklä­rung! Aad de Mos hatte im Sommer 1995 König Otto Reh­hagel beerbt und das alt­be­währte Kon­zept der kon­trol­lierten Offen­sive“ ein­fach abge­schafft. Mit seiner Hara­kiri-Stra­tegie stürzte er die Mann­schaft ins Ver­derben, doch der Nie­der­länder blieb sich treu: Ich spiele wei­terhin mit Risiko“, sprach er arro­gant. Schließ­lich pro­fi­tieren alle davon: Wir, das Publikum und auch der Gegner.“ Das war so selbst- wie erfolglos.

Im Januar, Werder stand auf einem erbärm­li­chen 15. Platz, wickelte sich der erra­ti­sche Zam­pano end­lich selbst ab. In einer Bremer Kneipe mokierte er sich dar­über, wie schlecht Werder sei und wie sehr er, der Welt­trainer, sich hier unter Wert ver­kaufe. Seine Gesprächs­partner waren dum­mer­weise Jour­na­listen. Am nächsten Tag stand’s in der Zei­tung und er auf der Straße.

Von Aad zu Dixie zu Magath

Sein Nach­folger war Dixie Dörner, er wurde einmal Neunter und einmal Achter, das stand ihm auch vorher schon ins Gesicht geschrieben. Ein 0:8 im Freund­schafts­spiel gegen Atlé­tico Madrid kos­tete schließ­lich auch ihn den Job. Wolf­gang Sidka kam und ging, Felix Magath eben­falls, auch ihnen gelang es nicht, die alte Grif­fig­keit wieder her­zu­stellen. Ich rutschte ab – ins Milljö“, wie meine Oma gesagt hätte.

Zu dieser Zeit hatten viele Jungs in meinem Alter nur zwei T‑Shirts im Schrank: eines mit dem Kon­terfei des argen­ti­nisch-kuba­ni­schen Revo­lu­tio­närs Ernesto Ché“ Gue­vara und eines mit dem Toten­kopf-Emblem des FC St. Pauli. Beides hatte etwas Pira­ten­haftes, Unor­tho­doxes, Wildes, die Coolen trugen es, meine Eltern trugen es nicht – ich kaufte es mir also auch. So funk­tio­niert Pro­test in der Pro­vinz.

Zwei Monate lief ich damit rum und wusste sogar unge­fähr, wer dieser Ché“ war, und auch, wer beim FC St. Pauli spielte: Klaus Thom­forde, Dirk Dam­mann, Carsten Pröpper und Jens Schar­ping. Trainer war Uli Maslo. Dass diese Männer so gar nichts Pira­ten­haftes hatten, außer dass ihnen vor Miss­erfolg beinah die Zähne aus­fielen, störte mich zunächst einmal nicht. Abstiegs­kampf ist Klas­sen­kampf! Oder so. Naja.

Doch als­bald musste ich fest­stellen, dass das gemein­same Tragen von T‑Shirts keine Jugend­be­we­gung zusam­men­hält. St. Pauli stieg mit nur 27 Punkten als Tabel­len­letzter aus der Bun­des­liga ab, und mit den ersten viel ver­spre­chenden Som­mer­trans­fers wandten sich die Kurz­zeit-Sym­pa­thi­santen wieder ihren alten Lieb­lings­ver­einen zu (Bayern) oder suchten sich neue (Dort­mund). Und kurz vor den großen Ferien fragte unser Geschichts­lehrer einen Mit­schüler, warum er denn eigent­lich ein Ché-Gue­vara auf der Brust trage. Ich finde ihn gut“, erklärte dieser, weil er Fidel Castro erschossen hat.“

Ich schämte mich. Für ihn, für uns, für mich vor allem. Schließ­lich kehrte auch ich reu­mütig zu meinem SV Werder zurück. Ich hoffe, er hat mir ver­ziehen.