Ber­kant Göktan, Zvjezdan Misi­movic, Thomas Hitzl­sperger. Nur mit Mühe erkennt man sie. Auf den drei gerahmten Pos­tern, die im Büro von Werner Kern hängen, jubeln sie mit anderen Jugend­li­chen in Tri­kots des FC Bayern Mün­chen. Optisch passen sie in die erste Ära Ottmar Hitz­felds, irgend­wann um das Jahr 2000. Kern hat Mühe, auch die anderen Kinder und Jugend­li­chen beim Namen zu nennen, vor allem, weil viele nur von hinten zu sehen sind. Doch er kennt sie alle. Kern ist seit vier­zehn Jahren Nach­wuchs­ko­or­di­nator des FC Bayern Mün­chen.

Rund fünf­hun­dert Talente haben in seiner Zeit in den Juni­or­teams des Ver­eins gespielt, um die hun­dert sind Profis geworden. Wir haben da Werte kre­iert. Jugend­ar­beit ist ja ein Invest­ment, so wie wir das betrieben haben, die ganze Zeit“, sagt Kern dazu. Seine Lieb­lings­summe sind die 25 Mil­lionen Euro, die der Klub für den gebür­tigen Kana­dier Owen Har­greaves erlöste, als der zu Man­chester United wech­selte. Spieler wie Har­greaves sind der große Stolz des Werner Kern. Spieler, die es vom Juni­or­team zu den Profis des FC Bayern Mün­chen schafften. Doch die sucht man auf den Pos­tern ver­ge­bens. Kein Philipp Lahm, kein Bas­tian Schwein­s­teiger, kein Thomas Müller. Die Poster zeugen noch von den Anfängen der Ära Kern vor vier­zehn Jahren – und werden nun wohl nicht mehr aus­ge­tauscht.

Der 66-jäh­rige Kern hört im Juni auf, er geht in seinen ver­dienten Ruhe­stand. Bereits im vorigen Sommer sollte er durch Hans-Jörg Butt, 37, abge­löst werden. Doch der setzte sich noch eine Saison als Ersatz­tor­hüter bei den Profis auf die Bank und wurde im Hin­ter­grund ein­ge­ar­beitet. Kerns Aus­stand nutzt der FC Bayern Mün­chen nun für einen großen Umbruch bei der Jugend­ar­beit. Butt soll dabei der neue starke Mann werden, zusammen mit Michael Tarnat, 42, dem sport­li­chen Leiter des Juni­or­teams.

Der ehe­ma­lige Bayern-Profi hat sein Büro bereits bezogen, gleich neben dem von Kern im Con­tainer-Trakt auf dem Trai­nings­ge­lände in der Säbener Straße, unter einem Dach mit dem Jugend­haus, dem Internat des Ver­eins. In Tar­nats Büro hängen noch keine Poster. Dafür gibt es eine Flip­chart-Tafel und zwei große dunkle Flats­creens. Hier wird schon gear­beitet.

Zuletzt sind wir ein wenig aus­ge­blutet“

Eigent­lich sollte Tarnat Scout werden, doch schnell eta­blierte er sich als pla­ne­ri­scher, wacher Kopf, der die zuletzt schwä­chelnde Abtei­lung neu auf­bauen soll. Denn dem baye­ri­schen Selbst­ver­ständnis als ewige Nummer Eins im Lande kommt der Nach­wuchs seit einigen Jahren nicht mehr nach. Titel in den wich­tigsten Jugend-Mann­schaften der U19 und U17 sind selten, gerade mal drei bzw. vier Deut­sche Meis­ter­schaften gab es in den ver­gan­genen 24 Jahren zu feiern.

Juni 2009: Werner Kern mit dem dama­ligen U17-Spieler David Alaba (Bild: Imago)

Und die U23, die zweite Mann­schaft, düm­pelt in der Regio­nal­liga Süd im unteren Tabellen-Mit­tel­feld, noch hinter den zweiten Mann­schaften vom FC Ingol­stadt oder Zweit­li­ga­ab­steiger Karls­ruher SC. Ziel war eigent­lich der direkte Wie­der­auf­stieg in die Dritte Liga. Die letzten zwei Jahre sind nicht so gelaufen, wie wir uns das vor­stellen. Zuletzt sind wir da ein wenig aus­ge­blutet“, gibt Kern zu, auch mit Ver­weis auf Spieler wie Holger Bad­stuber, Thomas Müller, Toni Kroos oder David Alaba, die einen schnellen Weg zu den Profis gefunden haben.

Vier­zehn Jahre sind eine lange Zeit. Vor vier­zehn Jahren stand die kata­stro­phale Euro­pa­meis­ter­schaft 2000 noch bevor, in deren Anschluss die Fuß­ball-Jugend­ar­beit in Deutsch­land kom­plett refor­miert wurde. In Mün­chen gab es damals schon das Jugend­haus – und eine gute Jugend­ar­beit: Markus Babbel, Dietmar Hamann, Sammy Kuf­four oder Chris­tian Ner­linger wurden in den frühen neun­ziger Jahren aus­ge­bildet. Kern erzählt von seinen ersten Auf­gaben, von Koope­ra­tionen mit Part­ner­schulen, wie es heute bun­des­weit Stan­dard ist.

Auf die Kon­kur­renz habe man dabei selten geschaut. Kern stellte die eigene Phi­lo­so­phie stets in den Mit­tel­punkt. Mit Erfolg: In den Jahren 2001 bis 2007 stellte der FC Bayern die beste Nach­wuchs­ab­tei­lung, man holte unter anderem die drei U19-Meis­ter­schaften. Doch Titel im Jugend­be­reich waren für Kern zweit­rangig. Wich­tiger war ihm die Aus­bil­dung der Talente, vor allem auch schu­lisch.

Befehl von ganz oben

Doch die Kon­kur­renz hat mit­hilfe der Nach­wuchs­leis­tungs­zen­tren auf­ge­holt. In Frei­burg und Stutt­gart wurden zuletzt die meisten Erfolge gefeiert. Die Breis­gauer gewannen erst am Wochen­ende zum dritten Mal in vier Jahren den DFB-Junio­ren­pokal, Stutt­garts U23 ist die ein­zige im Pro­fi­fuß­ball ver­blie­bene zweite Mann­schaft. Und das gefällt in Mün­chen dann doch nicht, vor allem dem neuen Füh­rungs­team. Tarnat findet, der Anspruch der Münchner müsse es stets sein, Titel zu holen.

Des­halb sollen unter anderem der ehe­ma­lige Frei­burg-Chef­trainer Marcus Sorg und Marc Kienle, zuletzt Nach­wuchs­leiter in Stutt­gart, Auf­bau­hilfe in Mün­chen leisten. Wir wollen ihr Knowhow hier mit ein­bringen, um eben­falls neue Wege zu gehen“, sagt Tarnat, der beide in Absprache mit Butt ver­pflichtet hat. Die Order des Neu­auf­baus kommt von ganz oben. Sport­di­rektor Chris­tian Ner­linger nickt alles ab. Das ganze Team soll ver­jüngt werden“, sagt Michael Tarnat dazu. Das Wort aus­misten“ nimmt er nicht in den Mund. Es wäre ver­messen zu behaupten, dass wir alles können und alles wissen. Der Fuß­ball ent­wi­ckelt sich weiter und da schauen wir auch über die Grenzen von Bayern Mün­chen hinaus.“

Die Ära Hum­mels-Kern-Ger­land ist vorbei

Kern hat mit den aktu­ellen Per­so­na­lien nichts mehr zu tun. Er war eher ein För­derer des baye­ri­schen mia san mia“. Unter­stüt­zung von außen war nicht nötig. Jah­re­lang traf sich eine Troika wöchent­lich in Kerns Büro. Kern zeigt auf den runden Tisch in der Ecke des Raums. Her­mann Ger­land, 57, Her­mann Hum­mels, 52, und eben Kern saßen hier stets zusammen, wenn über das Poten­zial, die Zukunft oder auch die Aus­lese der ein­zelnen Nach­wuchs­spieler dis­ku­tiert wurde. Doch die Zeiten sind vorbei. Ger­land ist jetzt Assis­tenz­trainer der Profis, Hum­mels – Vater des nach Dort­mund gewech­selten Mats – wurde kürz­lich nach sieb­zehn Jahren bei Bayern Mün­chen geschasst.

Auch Tarnat hat einen runden Tisch in seinem Büro, direkt neben der Tür. Er teilt sich den Raum noch mit U16-Trainer Sebas­tian Dremmler, Sohn des jah­re­langen Chef­scouts Wolf­gang Dremmler. Ab dem Sommer wird der neue runde Tisch dann auch besetzt sein: mit Michael Tarnat, Hans-Jörg Butt, Chris­tian Ner­linger – und Jürgen Jung, der bis Januar noch Nach­wuchs­leiter beim Stadt­ri­valen 1860 Mün­chen war.

Nega­tives Echo für einen Ex-Löwen

Sein Wechsel hat in Mün­chen für ein nega­tives Echo gesorgt, wie Jung selbst zäh­ne­knir­schend berichtet. Des­halb will er gar nicht viel über seine Person reden, son­dern erklärt lieber die gute Nach­wuchs­ar­beit seines ehe­ma­ligen Arbeit­geber, wo die Bender-Zwil­linge, Moritz Leitner, Marcel Schäfer oder Timo Geb­hart aus­ge­bildet wurden: Dort haben die Leute meist mehr als hun­dert Pro­zent gegeben.“

Auf die Nach­frage, was das denn genau bedeute und ob das nicht überall in Deutsch­land mitt­ler­weile pas­siert, sagt Jung: Da schaut keiner auf die Uhr. Um sieb­zehn Uhr ist dann halt nicht ein­fach Schluss.“ Und an den Wochen­enden scouten eben auch dut­zende ältere Herren auf den baye­ri­schen Dorf­plätzen, die den Sech­zi­gern durch Herz­blut ver­bunden sind.

Jugend­etat von mehr als fünf Mil­lionen Euro

Doch die Ent­wick­lungs­mög­lich­keiten und Per­spek­tiven sind auf der anderen Seite Mün­chens eben besser, zumal bei 1860 seit kurzem auch offen über Kür­zungen des Nach­wuchs­bud­gets nach­ge­dacht wird. Beim FC Bayern Mün­chen soll der Etat allein für die Nach­wuchs­ar­beit bei mehr als fünf Mil­lionen Euro jähr­lich liegen. Höher als bei vielen Dritt­li­gisten oder Spit­zen­mann­schaften aus anderen Sport­arten ins­ge­samt. Davon wird auch ein rie­siges Team von etwa 40 teil­weise haupt­amt­li­chen Nach­wuchs­trai­nern, Phy­sio­the­ra­peuten und Betreuern finan­ziert. Etwa 165 Talente spielen der­zeit in den zwölf Mann­schaften von der U8 bis zur U23. Mehr sind auch kaum mög­lich, da gibt es Richt­li­nien vom DFB“, erklärt Kern.

Wenn du die besten Trainer, das beste Scou­ting und die beste Infra­struktur hast, dann sollte der FC Bayern auch die besten Talente akqui­rieren können – und letzt­lich sollten auch Titel her­aus­springen“, hat Sport­di­rektor Chris­tian Ner­linger vor dem Umbruch vor­ge­geben. Vor allem Ner­linger hat den Genera­tio­nen­wechsel mit ange­schoben. Auch Mehmet Scholl, seit kurzem fertig aus­ge­bil­deter Fuß­ball-Lehrer, kehrt als Trainer der U23 zurück und bringt mit Sören Oster­land gleich noch einen 26-jäh­rigen Co-Trainer von der DFB-Fuß­ball-Lehrer-Aus­bil­dung mit. Der Wandel soll sich auch in der Phi­lo­so­phie abzeichnen, wie Tarnat erzählt: Wir werden wieder ver­mehrt im baye­ri­schen Raum sichten und scouten. Dort fällt es leichter, sich mit dem Verein zu iden­ti­fi­zieren.“ Mit Babbel, Hamann, Lahm, Müller oder Schwein­s­teiger haben ja auch in der Ver­gan­gen­heit gerade baye­ri­sche Spieler den Sprung in den Profi-Kader geschafft und sich als loh­nende jah­re­lange Inves­ti­tion erwiesen.

Hoch gehan­delt wird Gian­luca Gau­dino

Ab 17:30 Uhr wird das Trai­nings­ge­lände plötz­lich mit Leben erfüllt. Bis dahin saßen nur ein paar Tou­risten im Bier­garten zwi­schen den Trai­nings­plätzen. Doch nun tum­meln sich dort ganze Scharen von Män­ner­gruppen. Und auch Frauen und Kinder sitzen auf den knie­hohen Stein­mauern mit Blick auf die Trai­nings­plätze. Ein kleines Ver­eins­fest am Don­ners­tag­nach­mittag, nur ohne Grill und Musik. Es sind die Fami­lien der Nach­wuchs­spieler, die ihre Söhne zum Trai­ning begleiten. Denn auf drei Plätzen haben gleich sieben Nach­wuchs­mann­schaften par­allel ihre Ein­heiten begonnen. Die jün­geren Mann­schaften trai­nieren auf einem Viertel des Kunst­ra­sen­platzes im Rücken des Jugend­hauses. Die U16 und U17 haben jeweils eine Rasen­hälfte für sich. Und die U19 hat den ent­fern­testen Rasen­platz in Beschlag genommen.

Der mit Abstand am höchsten gehan­delte Nach­wuchs­spieler des FC Bayern Mün­chen, Emre Can, ist nicht dabei. Er trai­niert bereits bei den Profis mit. Doch außer dem Kapitän der U17-Natio­nal­mann­schaft, die im vorigen Jahr mit spek­ta­ku­lärem Offensiv-Fuß­ball Dritter bei der WM in Mexiko wurde, gibt es nur eine Hand­voll wei­terer Junioren-Natio­nal­spieler, etwa Patrick Weih­rauch, Vla­dimir Ran­kovic oder den Öster­rei­cher Chris­tian Der­flinger. Hoch gehan­delt wird auch der noch etwas schmäch­tige Gian­luca Gau­dino, der bei den U16-Junioren spielt und Sohn des ehe­ma­ligen Frank­fur­ters Mau­rizio Gau­dino ist.

Beim Trai­nings­spiel der U16 steht Michael Tarnat der­weil mal wieder im Tor, nun im Trai­nings­anzug, wie im Sep­tember 1999, als er im Bun­des­li­ga­spiel bei Ein­tracht Frank­furt eine halbe Stunde lang seinen Kasten sauber hielt, nachdem auf bizarre Weise erst Oliver Kahn aus­ge­knockt wurde und dann Ersatz­tor­hüter Bernd Dreher sieben Minuten später einen Kreuz­band­riss erlitten hatte. Ohne Gegentor bleibt Tarnat an diesem Trai­ningstag nicht. Bereits nach zehn Minuten hat ihn ein Jugend­spieler das erste Mal über­wunden.

Danach trifft auch der blen­dend auf­ge­legte Gau­dino Jr. gegen Tarnat. Aber der sport­liche Leiter ist prä­sent, auch nach sieb­zehn Uhr. Am Ende der Ein­heiten steht er mit Jürgen Jung zusammen und schaut durch einen Zaun hin­über zum Kunst­ra­sen­platz. Es ist bereits nach 19 Uhr und beide spre­chen noch, als die Mann­schaften bereits ihr Trai­ning beendet haben.

Werner Kern ist zu der Zeit nicht mehr zu sehen. Seine Ära endet in Kürze. Auf dem Park­platz direkt hinter dem Con­tainer-Trakt befindet sich eins der letzten Relikte. Drei Plätze sind mit kleinen weißen Namens­schil­dern reser­viert: für Kurt Nie­der­mayer, 56, den aktu­ellen U19-Trainer, der im Sommer eben­falls auf­hört, Her­mann Hum­mels und Werner Kern.